Antwort auf: Umfrage: Die 20 besten Tracks von Die Ärzte

Startseite Foren Fave Raves: Die definitiven Listen Die besten Tracks Umfrage: Die 20 besten Tracks von Die Ärzte Antwort auf: Umfrage: Die 20 besten Tracks von Die Ärzte

#12602405  | PERMALINK

jan-lustiger

Registriert seit: 24.08.2008

Beiträge: 11,567

„Würden Sie Ihre Tochter einen Rolling Stone heiraten lassen?“, ließ das Management der Rolling Stones im Rahmen einer Werbekampagne fragen, die den Ruf der Band als unanständige Rebellen zementieren sollte. Im Jahr 1987 hätte man Deutschlands Mütter wohl eine ähnliche Frage zu den Ärzten stellen können. Die Band, die gerade noch von ehemaligen Szene-Kollegen als „Teenie-Popper“ beschimpft wurde, hatte mit der Indizierung von Die Ärzte und Debil mit einem Mal einen Imagewandel hingelegt: Die Ärzte waren plötzlich Deutschlands „Skandalrocker“, Nummer Eins.

Die Band war gerade dabei, ihren neuen Bassisten live vorzustellen, als sie von der Indizierung erfuhr. Zwei Bassisten standen in der Auswahl: Der damals noch weitgehend unbefleckte, auf seinem Instrument aber sehr talentierte Rolf Kötting und Hagen Liebing, der bereits als Bassist unter anderem der Berliner Rockband Nirvana Devils Erfahrung gesammelt hatte. Obwohl Kötting der bessere Bassist ist, entscheiden sich Bela und Farin für Hagen – aus charakterlichen Gründen. Während Rolf Kötting ein kreativer Kopf ist, der die Nacht gerne mal zum Tag macht, ist Hagen zurückgenommen und strahlt genau die Ruhe aus, die Die Ärzte nach den Reibereien mit Sahnie brauchen. Außerdem wollte man kein neues kreatives Element in die Dynamik des eingespielten Duos Farin/Bela einbringen.

Hagen wird vor die Wahl gestellt, vollwertiges Bandmitglied zu werden und sämtliche Entscheidungen, Profite und Risiken mitzutragen oder als angeheuerter Musiker für ein festes Gehalt zu spielen. Er entscheidet sich für letzteres und kommt im Studio nur selten zum Einsatz. Stattdessen werden die Bässe auf den verbleibenden Ärzte-Veröffentlichungen der 80er von Farin Urlaub eingespielt. Als Künstlernamen sucht sich Hagen in Anspielung an die Comicfigur Hulk den Namen The Incredible Hagen aus (was eventuell von seiner wenig ausgeprägten kreativen Ader zeugt). Auch Rolf Kötting wurde übrigens unter einem anderen Namen doch noch Teil einer Berliner Punkinstitution: 1994 stieg er unter dem Namen Zip Schlitzer bei der Terrorgruppe als deren zweiter und langjährigster Bassist ein. Mit der Terrorgruppe werden Die Ärzte Mitte der 90er auf Tour gehen und eine Split-EP veröffentlichen.

Hagen ist kaum in der Band, da geraten Die Ärzte ins Zentrum von etwas, was man heute wohl als Shitstorm bezeichnen würde. „Wir dachten ernsthaft über eine Bandauflösung nach, als die ersten Konzertabsagen kamen“, erinnert sich Farin in Das Buch Ä zurück. Das Radio boykottierte sie, Plattenhändler hatten Angst, ihre Tonträger zu verkaufen. Die Band schien in einer Sackgasse gelandet zu sein. Hätten ihre Gegner es bei den Indizierungen und der Einschüchterung von Geschäftspartnern der Band gelassen, hätte die Geschichte der Ärzte hier gut und gerne enden können. Stattdessen verstärkten sie ihre Bemühungen. Wo die Band noch auftreten durfte, sahen sie sich mit Demonstrationen konfrontiert, wenn Bemühungen, die geplanten Konzerte schon vorher verbieten zu lassen, keine Früchte getragen hatten. (Ein in Fulda geplantes Konzert, das die Stadt verboten hatte, spielten Die Ärzte exakt außerhalb der Stadtgrenze, um dem Verbot zu entgehen.) Einen größeren Gefallen könnten ihre Gegner den Ärzten kaum tun: Das mediale Interesse an dem Skandal ist enorm und steigert den Bekanntheitsgrad der Band – wir erinnern uns: sie hatten immer noch keinen großen Charthit oder ein Erfolgsalbum – enorm. Und nicht nur das: Das neue Schmuddelimage steigert ihren Appeal bei Jugendlichen ungemein.

Besonders bemerkenswert: Das Feindbild Die Ärzte sorgte in den 1980ern etwas, was heute Normalität ist, damals aber undenkbar war: eine schwarz-grüne Querfront. Besorgte Konservative und empörte Frauenrechtlerinnen machten gemeinsame Sache, CDU/CSU und Grüne versuchten gemeinsam gegen Ärzte-Konzerte vorzugehen. Dass Die Ärzte ein Feindbild für Konservative abgaben, erklärt sich wohl von selbst. Aber was ist mit den Feministinnen? Die störten sich zum einen ebenfalls an „Geschwisterliebe“, das als Beschreibung einer inzestuösen Vergewaltigungsfantasie ausgelegt wurde, aber auch an Songs wie „Sweet Sweet Gwendoline“, einer Rockabilly-Nummer von Die Ärzte, die auf der Bondage-Comicfigur Gwendoline des Zeichners John Willie aus den 1940ern basiert. Gwendoline entwickelt sich schnell zum Bandmaskottchen (Bela meint später, man habe schon lange ein Maskottchen haben wollen, „sowas wie Eddie von Iron Maiden“).

Dass Die Ärzte sich dazu entscheiden, eine Nachzeichnung der Gwendoline groß auf das Plakat der Endlich! Die Ärzte Tour zu drucken, trägt genauso wenig dazu bei, erhitzte Gemüter zu besänftigen, wie die Tatsache, dass sie für besagte Tour als Reaktion auf die Kontroverse zwei neue Songs schreiben: In „Claudia II“ treiben sie die Absurdität von „Claudia hat ’nen Schäferhund“ weiter auf die Spitze, indem sie der frivolen Titelheldin statt einem Hund ein Pferd zur Seite stellen. „Helmut K.“ ist indes ein provokanter Mittelfinger in Richtung CDU. Der Song stellt die Behauptung auf, dass der Bundeskanzler seine Ehefrau schlägt, und löst in den Reihen von Unionspolitikern zahlreiche Wutausfälle auf. Edmund Stoiber etwa bekundet, Die Ärzte würden nie wieder einen Schritt nach Bayern tun. Ähem.

Weil ein großer Teil ihrer Songs – 24 an der Zahl – nicht mehr erhältlich ist, selbst wenn sie im Sinne des Jugendschutzes unbedenklich sind, veröffentlichen Die Ärzte als nächstes eine Compilation: Ist das alles? 13 Höhepunkte mit den Ärzten versammelt einige ihrer beliebtesten Songs auf einer LP und schafft es auf Platz 22 der Album-Charts. Drei neue Songs werden auch aufgenommen: „Radio brennt“, „2000 Mädchen“ und das eingedeutschte Bangles-Cover „Gehn wie ein Ägypter“, des es in die deutschen Top 50 schaffte. Gleichzeitig bringen Die Ärzte mit Ab 18 eine 10″-EP mit indizierten oder anderweitig moralisch beanstandeten Songs sowie den oben erwähnten Neukompositionen raus, die natürlich sofort ebenfalls indiziert wird – was aber ja bereits schon im Titel stand.

Dass der größte Skandal des Jahres noch auf sie wartete, hätten Die Ärzte zu diesem Zeitpunkt wohl kaum geglaubt. Dann wagten sie es, doch nochmal Bayern zu betreten. Schon 1985 waren sie bei der Liveshow Live aus dem Alabama vertreten, bei der Auftritte von Bands in Münchens Alabamahalle live übertragen werden. Eine bewusste Provokation hatten sich Die Ärzte bereits im Vorfeld ausgedacht. Nach der Indizierung nahmen sie „Geschwisterliebe“ nicht aus dem Set. Stattdessen spielten sie den Song instrumental und verließen sich auf ihr textsicheres Publikum. Eigentlich spielten sie den Skandalsong gegen Ende ihres Sets, doch weil nur die erste halbe Stunde des Konzerts live im TV gezeigt werden sollte, verlegten sie ihn extra für diesen Abend nach vorne, damit er es auch in die Sendung schafft. Schon diese Entscheidung war Provokation genug, hätte aber vermutlich nur bereits etablierte Mechanismen bedient.

Was dann tatsächlich den größeren Skandal auslöste, kam sogar für Bela, Farin und Hagen als Überraschung. Bevor sie die Bühne betraten, erfuhren Die Ärzte, dass der CDU-Politiker Uwe Barschel tot aufgefunden wurde. Bela und Farin bauten die Neuigkeiten, ohne sich etwas zu denken, in einer Ansage zu Beginn des Konzerts ein. Das Publikum kannte kaum ein Halten an diesem Abend und so hatte die Security von Anfang an viel zu tun. Im typischen Ärzte-Humor garnierte Bela die Aufforderung an die Fans, „vielleicht ein bisschen Rücksicht“ zu nehmen, mit dem beiläufigen Kommentar „Zwei Leute sind schon tot und Barschel gestern Abend ging auch auf unser Konto.“ Ein weitere Kommentar folgte von Farin während der Ansage zu „Geschwisterliebe“, bei der Die Ärzte ihre Fans stets dazu aufforderten, das Lied nicht zu singen, weil sie sich dann ja strafbar machen würden – was diese natürlich ignorierten. „Ihr habt eure Jugend noch vor euch, ihr seid so jung. Macht eine Bankkaufmannslehre oder werdet drogenabhängig, aber singt nicht dieses Lied“, verkündete Bela, worauf Farin einwarf: „Denkt an Uwe Barschel, er hat es auch versucht. Er ist nicht durchgekommen damit, sie haben ihn erschossen!“

Die Telefonleitungen beim Bayrischen Rundfunk hielten vor lauter Beschwerdeanrufen nicht still. Als Die Ärzte die Bühne verlassen, wissen sie das noch nicht. „Jungs, da habt ihr was angestellt“, soll Moderator Günther Jauch sinngemäß zu Bela, Farin und Hagen gesagt haben, als sie in den Backstagebereich kamen. Die denken sich trotzdem nichts dabei. Als dann aber die Münchner Abendzeitung den Skandal auf ihre Titelseite nimmt, entsteht ein mediales Lauffeuer. Edmund Stoiber verkündet öffentlich, Die Ärzte würden die Gage für den Auftritt nicht bekommen (tun sie aber natürlich doch) und Günther Jauch beginnt die nächste Ausgabe von Live aus dem Alabama mit einer dicken Entschuldigung. Die Ärzte werden währenddessen von immer größeren demonstrierenden Menschenmassen verfolgt, sogar vor ihrem Hotel. Bela berichtet in der Bandbiographie Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf über einen Moment, als er am Fenster seines Hotelzimmers stand, auf eine große Demonstration gegen seine Band blickte und sich den Stolz nicht verkneifen konnte: „Das war wie bei den Sex Pistols! Und ich dabei!“

--