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Wir schreiben das Jahr 1985. Die Ärzte sind sowas Ähnliches wie Popstars – bislang schlägt sich das jedoch nicht in Tonträgerverkäufen nieder und obwohl Debil dank seiner niedrigen Produktionskosten kein Verlustgeschäft war, blieb die LP doch hinter den Erwartungen der Plattenfirma zurück. Also besteht die CBS auf einen namhaften Produzenten für LP Nummer 2. Nachdem Wunschkandidat Manne Praeker absagt, fällt die Wahl auf Micki Meuser, der vorher erfolgreiche Alben von Bettina Wegner, Ina Deter und Ideal produziert hatte. Das Ergebnis hieß Im Schatten der Ärzte – und läutete nicht nur im Titel etwas ein, was man im Nachhinein in mehrerer Hinsicht als die dunkle Ära der Ärzte bezeichnen könnte.

Agierten Die Ärzte bis zur Debil noch als die Einheit, als die sie öffentlich auftraten, markiert Im Schatten der Ärzte in mehrerer Hinsicht den Bruch derselben. Das galt zum einen für die Musik selbst: Klang Debil noch wie aus einem Guss, ist Im Schatten der Ärzte deutlich heterogener: Goth-Rock („Dein Vampyr“), Surf-Pop („Wegen Dir“), Punkrock („Käfer“) und eine orchestrierte Ballade („Ich weiß nicht (ob es Liebe ist)“) sind nur ein Auszug an den verwursteten Genres. Im Gegensatz zur live 1:1 reproduzierbaren Debüt-LP ist Im Schatten der Ärzte auch ein hörbares Studio-Produkt. Insgesamt klingt die LP auch, passend zur These des Beginns einer dunklen Ära, düsterer als die Anfangs-Ärzte. Im Ärzte-Kanon rangiert das Album in der Regel eher hinten. Tatsächlich gibt es diesmal ein paar Füller, aber dafür sind die Highlights, zumindest meines Erachtens, umso größer: „Du willst mich küssen“ und „Buddy Holly’s Brille“ etwa gehören zu den besten Pop-Songs, die Farin Urlaub geschrieben hat.
Auch intern fängt es an zu kriseln. Sahnie bedeutet der kreative Aspekt seiner Mitgliedschaft in der Band immer weniger. Er geht mehr oder weniger offen damit um, dass sich Die Ärzte für ihn zu einem Karriereweg entwickelt haben. In seinen Augen ist Farin das kreative Genie, er, der neben der Band ein BWL-Studium begonnen hatte, der Mann für die Finanzen und Bela… halt auch dabei. Im Studio hält sich Sahnie während der Aufnahmen zu Im Schatten der Ärzte kaum auf, sodass Produzent Micki Meuser die Bässe einfach selbst einspielt. Auch Belas Präsenz auf der LP wird geschmälert: Weil Meuser dessen Punk-geschultes Schlagzeugspiel für zu unpräzise hält, werden die Drums bei den meisten Tracks programmiert – nur bei den Punk- und Rock’n’Roll-lastigeren Stücken besteht Bela darauf, dass das Schlagzeug von Menschenhand gespielt sein muss.
Bela fasst die Aufnahmen später so zusammen: „Micki musste mit einer Band zusammenarbeiten, deren Bassist nie da war, deren Schlagzeuger nicht spielen konnte, und deren Gitarrist auf dumpfe Gitarren ohne Verzerrung stand.“ Im Schatten der Ärzte schafft den Sprung in die deutschen Album-Charts, ist mit einer Höchstplatzierung auf Platz 53 aber weit vom Erfolgsalbum entfernt. Die CBS ist dennoch zufrieden und entscheidet sich für ihre Option auf ein drittes Album, bei dem dann schließlich doch noch Spliff-/Nina-Hagen-Band-Bassist Manne Praeker als Produzent zum Einsatz kommt. Sahnie freut es, kann er sich somit erneut auf die Fähigkeiten des Produzenten auf seinem Instrument verlassen und sich stattdessen auf sein Studium konzentrieren.

Das Album heißt wie die Band, obwohl die im Begriff ist, auseinanderzufallen. Die Ärzte erscheint 1986 und ist wieder eine deutlich homogenere Platte, vom zwischen New Wave, Punk und Jangle Pop tangelnden Sound aus Debil-Zeiten aber weit entfernt. Der eher düstere Sound, der auf Im Schatten der Ärzte erstmals Einzug fand, wird ausgebaut, und so wundert es nicht, dass es sich bei Die Ärzte um die LP handelt, bei der Hobbygrufti Bela B. es schafft, sich aus dem Schatten von Hauptsongwriter Farin U. zu schreiben. Speziell „Ist das alles?“ schafft es schnell zum Klassikerstatus. Doch auch bei Herrn Urlaub tut sich was: Als er zu Beginn der Aufnahmen anfängt, wie gewohnt seine „dumpfen Gitarren ohne Verzerrer“ zu spielen, stoppt ihn Meuser und ermutigt ihn, es vielleicht doch mal mit Verzerrung zu probieren. Sein Eingreifen hat Folgen nicht nur für diese, sondern auch für alle folgenden Ärzte-Platten (mit Ausnahme des Unplugged-Albums Rock’n’Roll Realschule natürlich).
Aufmerksame Beobachter werden schon gemerkt haben, dass da auf dem Cover nur zwei Ärzte zu sehen sind. Dabei war Sahnie während den Aufnahmen zur LP offiziell noch vollwertiges Bandmitglied. Als sie erschien jedoch nicht mehr: Als er und Farin einmal mehr auf Bela warten müssen, weil der sich zur Probe verspätet, verkündet Sahnie, dass sich die Band künftig mehr nach ihm richten müsste, Touren zum Beispiel müssten sich zukünftig nach seinen Verpflichtungen an der Uni richten. Farins Vertrauen in den widerwilligen Bassisten war bereits angekratzt, nachdem der Bela zuvor schon fast zum Ausstieg bewegt hatte, als er in dessen Anwesenheit einer Gruppe von Freunden dargelegt hatte, wie austauschbar der Ärzte-Drummer wäre. Als Sahnie bei jenem Treffen mit Farin dann den folgenschweren Satz „Und ihr könnt mich nicht rauswerfen, denn ihr braucht mein Gesicht“ ausspricht, sind seine Tage als Arzt gezählt. Als Die Ärzte erscheint, sind Die Ärzte offiziell ein Duo. Der Umstand wurde dadurch erleichtert, dass Sahnie keinen einzigen Ton auf dem Endprodukt gespielt hat.
Damit war der interne Auslöser für die dunkle Ära der Ärzte aus der Welt geschafft. Bis die beste Band der Welt aber wieder Licht sehen würde, sollte es noch dauern. Der Grund dafür kam jedoch von außen: Eine besorgte Mutter alarmiert wegen des auf Die Ärzte enthaltenen Songs „Geschwisterliebe“ das örtliche Jugendamt, welches die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Plan ruft. Und die handelt effektiv: „Geschwisterliebe“ wird indiziert, d.h. die LP ist ab sofort offiziell ab 18 und darf nicht mehr öffentlich beworben und regulär im Handel verkauft werden. Sicherheitshalber hört sich das Gremium auch die vorherigen Ärzte-LPs an, um sicherzugehen, dass sich daraufhin nicht auch irgendwelche Schweinereien befinden. Auf Debil werden sie fündig, doch während die Indizierung von „Geschwisterliebe“ zumindest ein Stück weit nachvollziehbar ist, ist im Fall von „Claudia hat ’nen Schäferhund“ und dem „Schlaflied“ offensichtlich, dass sie dem Zensurwahn des Gremiums zum Opfer geworden sind. (Das folgende Video stammt von einem der letzten Auftritte mit Sahnie, also noch vor dem Zeitpunkt der Indizierung. „Geschwisterliebe“ beginnt ca. bei 2:40)
Die Reaktion von Plattenhändlern und Konzertveranstaltern ist für Die Ärzte fast fatal: Nicht nur sind zwei ihrer drei LPs nicht mehr öffentlich erwerblich (die Bundesprüfstelle schickt sogar Jugendliche in Plattenläden, um herauszufinden, ob diese trotz der Indizierung an die Platten kommen können und verhängt Geldstrafen gegen alle Händler, die die Platten dennoch verkaufen), viele Händler sind so verunsichert, dass sie nichts mehr mit irgendwas zu tun haben wollen, wo „Die Ärzte“ drauf steht, Konzertveranstalter sagen bereits geplante Auftritte ab. Bela und Farin, gerade noch kurz vor dem endgültigen Sprung ins Popstar-Dasein, brechen mal eben nahezu sämtliche Einnahmequellen weg und Die Ärzte stehen vor dem Ruin. Wie sollten sie da nur wieder rauskommen?
zuletzt geändert von jan-lustiger--