Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

#12591337  | PERMALINK

gypsy-tail-wind
Moderator
Biomasse

Registriert seit: 25.01.2010

Beiträge: 70,648


Gary Peacock – Voices
Masabumi Kikuchi, Masahiko Togashi, Gary Peacock – Poesy 〜 The Man Who Keeps Washing His Hands

Zwei halbe Trio-Alben … beim ersten spielen die meiste Zeit zwei Drummer, beim zweiten nicht immer einer. Verblüffend sind sie beide. „Voices“ ist tatsächlich eine Art freier Gesang. Der Bass singt, das Klavier kriegt irre schönes Cantabile … und natürlich brummt und ächzt Kikuchi auch mit. Im April 1971 entstand „Voices“ mit Peacock, Kikuchi, Hiroshi Murakami, der auf dem vielleicht schönsten, dem längsten Stück „Voice from the Past“, pausiert, und Masahiko Togashi, der auf dem direkt folgenden „Requiem“ aussetzt. Kikuchi spielt auch ein paar Male ein elektrisches Piano und das passt alles wunderbar. Die beiden Percussionisten spielen zusammen in der Regel weniger als ein Jazz-Drummer, der Bass prägt die dunkle Stimmung (passendes Cover-Portrait), aber immer wieder erhebt sich das singende Klavier. Auch da werden Dinge geöffnet, es gibt einen immensen Raum, den niemand vollstellen will, den aber alle ab und zu bespielen, zurückhaltend, so, dass ein Gefühl für die immense Leere entsteht, die da draussen im Dunkel um uns ist.

Mit „Poesy“ kann ich tatsächlich deutlich weniger anfangen (heisst meine Erinnerung täuschte mich nicht, „Voices“ ist mein liebstes von den dreien). Togashi macht die Räume hier zu, Kikuchi füllt auf, ist viel aktiver, bringt mehr Effekte. „Drums, Percussion, Glocken, Marimba, Gong“ steht in den Credits, was nur ein halber Hinweis ist, es gibt Becken mit asymmetrischen Klängen, zu denen sich manchmal Kikuchis Gesang auf fast gespentische Weise gesellt … es gibt aber auch hier, gerade in den Trio-Stücken, wieder diese Momente unglaublicher Klarheit – eben den drei (von sieben) Stücken mit Peacock. Es sind die drei längsten, wie @redbeans, der das Album offenbar lieber mag als ich, betont hat, klar, aber es dauert dennoch fast eine Viertelstunde, bis der Bass im elfminütigen „Apple“ zum ersten Mal zu hören ist Er bleibt dann für „Get Magic Again“ gleich dabei und kehrt im zweitletzten Stück, „Aspiration“, zurück. Abgesehen von Togashis Opener „The Milky Way“ hat Kikuchi alle Stück komponiert: „Dreams“, „The Trap“, „Roaming Around Sound“ und „Ending“ (der Closer) heissen sie. Das im Juni und Juli bei drei Sessions mit jeweils einer Woche Abstand aufgenommene Album dauert eine Dreiviertelstunde, „Voices noch acht Minuten mehr, beide grosszügig bemessen und bei beiden kommt keine Langweile auf – mir gefällt einfach die Offenheit von „Voices“ besser.

Von dem, was ich kenne, ist das glaub ich in etwa der Moment, in dem Kikuchi sich emanzipiert. Bei „Eastward“ (Februar 1970) hatte ich noch an Hancock gedacht, das tat ich bei „Voices“ heute Nachmittag tatsächlich auch nochmal, aber nur noch oberflächlich, eher weil die Musik eine vergleichbare Offenheit hat, nicht wegen direkter Ähnlichkeiten. In die Gruppe von Alben gehört dann natürlich auch noch das im Oktober 1970 eingespielte „銀界 = Ginkai“ (Silver World) mit Hozan Yamamoto und Hiroshi Murakami (und Kikuchi und Peacock). Diese Gruppe von Alben war meine erste grosse Kikuchi-Entdeckung , als ihr hier den Kikuchi-Faden am Laufen hattet und ich mal wieder nicht in Echtzeit mit dabei war … schön, das (fast) alles wieder mal anzuhören!

--

"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba