Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Wolfgang Dauner Trio – Klavierfeuer | Die „Band als Jukebox“ hatte ich auch mal bei den Three Sounds – aber seit gestern ist tatsächlich dieses Album im japanischen CD-Reissue von Atelier Sawano hier und bereitet auch mir viel Freude. Mit Eberhard Weber und Pierre Favre spielt Dauner sich durch Pop-Songs aller Art: Bécaud („What Now My Love“ zum Einstieg), Hazlewood („These Boots Are Made for Walking“), The Beatles („Yesterday“, „Michelle“, „A Hard Day’s Night“ – keine Stones hier, klar, war ja ne Blues-Band), dazu auch ein Bricusse/Newley-Song („Typically English“, der Closer – eine eher notdürftig verkleitete Kopie eines von Ahmad Jamals Signature-Tunes, dem Traditional „Billy Boy“), ein paar halbwegs aktuelle Flim-Songs („The Shadow of Your Smile“, „A Man and a Woman“ und vielleicht – da kriegt fast man nur Myazaki-Treffer – „Merry-Go-Round“ von einem P. Hepburn – es gibt einen Film von 1966, Harrison Fords Debut), Herbie Hancocks „Watermelon Man“, Jobims „Girl from Ipanema“ und ein Stück von Dauner, „Noa Noa“. Das ist alles super knapp, zwei bis drei Minuten und von Kurt Rapp im Tonstudio Bauer gut aufgenommen – etwas hallig, mit einem so satten Bass, dass er manchmal fast nach E-Bass klingt (und auch erahnen lässt, woher bald der Gummisound kommen sollte) … Favre finde ich überraschend frisch, aber so ist das ganze Album, das auch gar nichts will, als die Stücke als Vignetten zu präsentieren – und gerade darum wohl so erfolgreich ist. Selbst „Michelle“ mag ich in der Version dieses Trios plötzlich sehr gern. Eine kleine Entdeckung und dafür Dank @atom – und das eine von zwei Alben, die ich effektiv dank dieses und des Umfrage-Threads gekauft habe (das andere ist „Dream“ von Roland Hanna, das gestern im selben Umschlag lag).

Jaki Byard Trio – Sunshine of My Soul | Es ist mir immer noch rätselhaft, warum dieses tolle Album bisher hier null Liebe kriegte (keine einzige Erwähnung glaub ich, nur von mir, als ich das Fehlen zum ersten Mal bemerkt hatte). Am 31. Oktober 1967 ging Byard mit David Izenzon und Elvin Jones in New York ins Studio, Richard Alderson produzierte für Prestige – und nach den Vignetten von Dauner und Co. gibt es hier wieder ausgewachsene Improvisationen. „Sunshine“, der Opener, dauert neueinhalb Minuten, der Closer „Trendsition Zildjian“ sogar elf, das Album gönnt sich 46 Minuten für sechs Stücke – alle von Byard bis auf W. C. Handys „St. Louis Blues“. Wo ich jetzt doch nochmal einiges hervorgekramt habe, gehörten eigentlich auch die früheren Trio-Alben von Byard, besonders „Hi Fly“, das ich sehr gerne mag, auch noch ins Programm. Wie auch immer … hier scheint schon nach wenigen Takten alles auseinanderzufliegen, Izenzon rifft und soliert gleichzeitig, Jones legt einen glockenartigen Beckenteppich, Byard rifft und soliert drüber – und jeder scheint im eigenen Tempo unterwegs zu sein, was ein dichtes Gewebe ergibt, irgendwo zwischen Andrew Hills progressivem Hard Bop und dem Free Jazz von Cecil Taylor (dem man zwar im März 1964 das Handgelenk gebrochen hatte, aber zum Verstummen brachte man ihn damit nicht, auch wenn die Sechziger eine schwierige Zeit mit Höhe- und Tiefpunkten waren). Byard beherrscht die ganze Klaviatur, spielt in der tiefsten Lage, rifft im Diskant dazu, manchmal fliegen die Hände dann über die Tastatur und treffen in der Mitte aufeinander … ein eigentliches Solo gibt es hier allerdings nicht, das Stück bleibt ein einziges dichtes Trio-Gewebe im Dreiviertel, das hypnotische Qualitäten entwickelt. In „Cast Away“ greift Byard sich eins seiner anderen Instrumente (die Gitarre, er spielte ja auch Saxophon), doch zunächst öffnet Izenzon allein am gestrichenen Bass. Jones spielt Kesselpauken, die Gitarre steigt ein, einsam und verloren wie der einsame Schiffbrüchige auf seiner Insel – doch der jetzt gezupfte Bass wird zu einer Art Dialogstimmme – und der Leader wechselt bald ans Klavier.

„Chandra“ ist dann eine Bebop-Nummer, die an Byards frühe Zeit in Boston erinnert. Gleich nach dem Thema spielt Izenzon ein zum grössten Teil unbegleitetes Solo. Als Byard dann einsteigt, kriegt das eine Nervosität, die nicht vom Bebop sondern wieder aus dem aktuellen Jazz zu kommen scheint. Jones stapelt Rythmen übereinander, Izenzon kommentiert und interveniert, Byard stompt zwischen altem und freiem Jazz und findet doch immer wieder den Weg zurück zum Stück. Den „St. Louis Blues“ sagt Byard (?) an, bevor Jones an den Kesselpauken für Drama sorgt. Byard spielt das Thema und Izenzon schlittert am Bass rein, bis sich alles in einem Duett mit Stride Piano und walkendem Bass beruhigt, zu dem Jones dann am Drum-Kit einsteigt. Doch bald wird es wieder dramatisch: Tremoli, wuchtige Bass-Linien, unberechenbare Fills von den Drums. Und klar, die Kesselpauken und der gespenstische Arco-Bass kehren auch wieder zurück, spielen eine Art Geister-Duett mit Klavierbegleitung (von irgendwoher musste Tom Waits seine Ideen für „Bone Machine“ ja her haben). Die Stimmung setzt sich in Byards „Diane’s Melody“ fast nahtlos fort – obwohl das ein altes Stück ist, schon 1951 mit Charlie Mariano eingespielt – doch das merkt man erst nach eineinhalb Minuten, wenn das eigentliche Thema vorgestellt wird. Im Closer brechen Klangwellen über uns herein – und hier wird wirklich frei im Trio improvisiert: „It has no predetermined key or shape and the pace is decidedly presto.“ – Ein wilder Abschluss. Kein einfaches Album – eines, bei dem ich zunächst bei grössten Erwartungen sogar ziemlich enttäuscht war. Aber auch eines, das mich mit den Jahren immer stärker in seinen Bann zieht. Irgendwie muss man sich hier durch das Dickicht oder Chaos schlagen, um zum Kern vorzudringen, und das ist keine leichte Aufgabe. Dass man dem Album ein seltsames Flower-Power-Cover verpasste, passt vielleicht zur Irritation, die ein so freies Album im Prestige-Katalog auslöst.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba