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The Three Sounds Featuring Gene Harris – Groovin‘ Hard (Live At The Penthouse 1964-1968) | „Jazz from the Penthouse“ unter Jim Wilkes lief stets donnerstags von Februar 1962 bis August 1968 auf KING-FM in Seattle mit einer „special broadcast-quality phone line between the club and the studio“, die bald nach der Eröffnung installiert wurde, wie Wilke im Booklet schreibt. Und im Studio lief während der live ausgestrahlten Sets immer auch ein „Ampex 350 stereo tube tape recorded, which was the state-of-the-art tape machine of that era“. Gene Harris steht 2010 am Anfang des Unterfangens von Resonance Records, historische Aufnahmen zu veröffentlichen. Und dieses Album mit ausgewählten Aufnahmen von Auftritten der Three Sounds im Penthouse von 1964 bis 1968 straft Michael Cuscunas Ansicht Lügen, das sei eigentlich nur noch das Gene Harris Trio gewesen. Und wenn, dann war das – egal ob noch mit Bill Dowdy (20. Februar und 22. Oktober 1964) oder mit den hier zu hörenden Nachfolgern Kalil Madi (23. und 30. Juni 1966) und Carl Burnett (23. August 1968) eine so tighte Einheit, dass das eigentlich einfach weit am Punkt vorbei ist, um den es geht.
Das Booklet von Resonance habe ich in einem früheren Post zu den Three Sounds schon ein wenig ausgewertet, weil darin ganz gut die besondere Eigenschaft des Trios beschrieben wird, dessen Leader von sich sagte: „I call myself a blues piano player with chops“. Es gibt hier ein schönes „Girl Talk“ (1968) zum Einstieg, später im It Club (mit Henry Franklin/Carl Burnett) auch dokumentiert, einen Bossa-Funk über „The Night Has a Thousand Eyes“ (1966 – im Vorjahr mit Streichern für Limelight eingespielt und auf „Three Moods“ zu finden), einen Boogie-Woogie-Shuffle namens „Blue Genes“ (1964 – eine Aufnahme davon gibt es auf dem Verve-Album von 1962), die erste Version, die Harris von „The Shadow of Your Smile“ (1968) einspielte mit einem Wechsel zwischen einer Art Tango- und swingendem 4/4-Rhythmus, und einen weiteren eigenen Boogie-Shuffle, „Rat Down Front“ (1965, aufgenommen für eine Mercury-LP von 1963). Teil zwei öffnet mit Lehars „Yours Is My Heart Alone“ (1968, zu hören auf „Vibrations„), gefolgt von Ray Browns „A.M. Blues“ (1966 – im selben Jahr auch bei Limelight auf „Live at the London House“), der einzigen bekannten und sehr tollen Three Sounds-Version von Toots Thielemans‘ „Bluesette“ (1964), Alex Norths „Theme from Caesar and Cleopatra (1964, im Vorjahr bei Mercury zu hören) und schliesslich als Closer die einzige bekannte Version von Harris‘ „The Boogaloo“ (1966). Trotz der wechselnden Drummer und Jahre ist das für meine Ohren ein überaus kompaktes Set mit einem tollen Flow geworden.

Wynton Kelly Trio – Unissued in Boston | Wynton Kelly kam leider nicht in den Genuss einer schönen historischen Ausgabe … man interessiert sich bei Resonance für ihn nur, wenn er Wes Montgomery begleitet (und auch da ist die Half Note-Ausgabe nicht direkt schön, da war bei den Bändern wohl nicht mehr viel zu machen gewesen). Dieses Bootleg versammelt drei Stücke (fast eine halbe Stunde) vom Oktober 1967 mit Cecil McBee und Jimmy Cobb (kurz vor dem dokumentierten Auftritt mit Hank Mobley in der Left Bank Jazz Society, auch mit McBee) sowie vier kürzere vom März 1965 mit Paul Chambers und Jimmy, auf deren beiden letzten noch Roy Eldridge dazu stösst. Ich habe nie rauszukriegen versucht, woher die Piraten an diese Aufnahmen gekommen sind (also ob sie wirklich zuvor nirgends erschienen sind), aber zum Glück ist der Sound hier sehr okay, man braucht bloss den Bass etwas hochzudrehen.
Im Herbst 1967 gibt es „Confirmation“ im mittelschnellen tempo, „Old Folks“ und „Speak Low“. Auch mit McBee ist das ein eingespieltes Trio, Cobb gibt der Gruppe diesen Flow, wie ihn sein Nachfolger Tony Williams bei Miles Davis dann quasi patentierte, Kelly glänzt wie immer mit einem unglaublichen Ideenreichtum und einer geradezu perfekten Delivery, klingt wie immer total frisch. Im Parker-Stück gibt es nach dem Bass-Solo auch ein paar Runden für Cobb im Austausch mit Kelly zu hören, bevor dieser ein zweites Mal soliert. Dann sagt Kelly die Band an und beginnt „Old Folks“ als Ballade mit einem kurzen Klavier-Intro. Bald steigen die anderen beiden ein und irgendwann wechseln sie in double time. McBee hat die typische „in two“-Begleitung von Chambers natürlich drauf, Kelly verdichtet immer mehr, ohne den Charakter des Stückes zu sehr zu verfremden, wird gegen Ende seiner Improvisation auch etwas funky, streut dann Block-Akkorde ein – und es ist toll zu hören, wie Cobb ständig auf das Geschehen reagiert. Das Stück von Weill kommt dann als schneller Romp, der zwischen Latin-Beat und 4/4-Swing hin- und herwechselt – und hier spielt McBee vor dem abschliessenden Schlagzeugsolo ein tolles, sehr bewegliches Bass-Solo, das zeigt, dass er musikalisch gesehen der nächsten Generation nach Chambers angehört. Im Thema wird das Stück dann rasch ausgeblendet – vermutlich war die knappe halbe Stunde des Broadcasts um.
Im zweiten Teil vom März 1965 ist der Sound ist leider etwas weniger gut. Los geht es mit „Blues on Purpose“ von Rudy Stevenson – und klar, Kelly war ein Blues-Spezialist und es ist ein Genuss, ihn hier zu hören. Chambers‘ Bass ist viel dunkler und wuchtiger, bliebt mehr in der Tiefe. Nach dem ersten Stück stellt Kelly die Band vor und spricht ein wenig mit dem Radio-Host Herb Pomeroy, der ein paar Boston-Bezüge zu den Stationen herstellt, die Kelly nennt (bei der Gillespie Big Band erwähnt er den Trompeter Joe Gordon). Dann geht es mit Tadd Damerons „If You Could See Me Now“ weiter. Dann stellt Pomeroy „the other half of our guest this evening“ vor, einer der „four greats in trumpet jazz along with Louis Armstrong, Dizzy Gillespie and Miles Davis“ – und das ist dann eben Roy Eldridge, der im Blues sofort charakteristisch mit Dämpfer einsteigt, das kleine Riff bald verlässt, um es wieder aufzugreifen und sein Solo zu strukturieren. Ein weiteres Highlight hier ist Chambers‘ Solo – in der Tiefe und viel einfacher gemacht als die von McBee zweieinhalb Jahre später, aber im Endeffekt gerade so toll. Dann spricht Eldrdige kurz mit Pomeroy, freut sich über die tolle Combo, mit der er spielt – doch die Zeit ist bald um und los geht’s mit „Lady Be Good/Hackensack/Rifftide“. Dieses letzte Stück dauert nur noch etwas mehr als zwei Minuten – schade, aber zwei tolle Dokumente auf dieser CD, die ich obwohl spottbillig einst nur widerwillig gekauft habe.

Al Haig – Today! | Der mutmassliche Frauenmörder, der auch ein so begnadeter Pianist war, nahm für Mint Records vermutlich am 6. Juli 1965 (Discogs sagt allerdings, die Platte sei von 1964) ein Trio-Album mit Eddie de Haas und Jim Kappes auf, von dem es nebst einigen Japan-Reissues (LP und CD) auch eins von Fresh Sound auf CD gab, das ich irgendwann gekauft habe, als ich Aufnahmen von Haig suchte, bloss um sie dann doch nie zu hören – aus den bekannten Gründen. Zehn Stücke in weniger als 35 Minuten, Klassiker wie „Bags‘ Groove“, „You Don’t Know What Love Is“, „Satin Doll“, schon wieder „Bluesette“, „Polka Dots and Moonbeams“, „Willow Weep for Me“, dazu auf Seite 1 Sacha Distels „The Good Life“, während Seite 2 von zwei Originals gerahmt wird, Haigs „Thrio“ und de Haas‘ „Saudade“. Der Bassist hat immer wieder tolle Momente (schon im Opener von Milt Jackson spielt er ein tolles Solo), der Drummer bleibt diskret, Haig ist wie üblich wunderbar, zart, mit einem unvergleichlichen Anschlag – aber zumindest auf der Fresh Sound-CD klingt das alles reichlich dumpf, ein wenig wie durch einen Vorhang hindurch. Halt was man kriegt, wenn man wie ich unterwegs ist, schon klar – immerhin einigermassen gut genug, um das Album zu würdigen.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba