Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Bobby Timmons – Sweet and Soulful Sounds + Born to Be Blue | Den Twofer (Jazzplus-CD von 2012) hatte ich neulich nicht gefunden … Tomaten auf den Augen, stand genau da, wo ich geguckt hatte … das erste Album ist vom Juni 1962 mit Sam Jones und Roy McCurdy, Timmons spielt den üblichen Mix aus eigenen Stücken (längst keine mehr, die zu Klassikern wurden, „Turn Left“ und „Another Live One“ heissen die beiden) und Standards („The Sweetest Sounds“ zum Einstieg, „Why Was I Born?“ als Closer, dazwischen noch „You’d Be So Nice to Come Home To“ und „Spring Can Really Hang You Up the Most“), und wie seit dem Debut gibt es ein paar Solo-Nummern, hier „God Bless the Child“ und „Spring Can Really Hang You Up the Most“. Auf dem zweiten Album spielt Sam Jones auf vier, Ron Carter auf drei Stücken und Connie Kay übernimmt am Schlagzeug (je eine Session im August und September 1963, es gibt den Titelsong von Mel Tormé zum Einstieg und dann ein eher noch interessanteres Programm mit „Malice Towards None“ (Tom McIntosh), dem Traditional „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“, den Originals „Know Not One“, „The Sit-In“ und „Often Annie“, vor das noch DePaul/Mercers „Namely You“ eingeschoben ist. Die Alben sind wirklich gut, das zweite mit Kay vielleicht aktuell mein liebstes überhaupt von Timmons. Der wirkt hier gelassener, muss weniger zuspitzen als sonst, lässt die Musik mehr fliessen – und das kommt richtig gut.

The Bob James Trio – Bold Conceptions | Und dann ein Album, das ich nicht hervorgeholt hatte … aber dann das andere auf ESP-Disk‘ wieder so interessant fand, dass ich auch dieses mal wieder anhören wollte – im August 1962 mit Ron Brooks und Bob Pozar aufgenommen und von Quincy Jones produziert. Das geht konventionell los, mit Evans-inspiriertem Trio und nach dem Opener „Moment’s Notice“ (Ernie Wilkins) auch gleich -Repertoire („Nardis“). Als drittes ist mit „The Night We Called It a Day“ ein Klassiker zu hören, bevor in James‘ „Trilogy“, dem Closer der ersten Seite, die experimentelle Seite zum Vorschein kommt. Nicht nur etwas Elektronik, sondern wie Ira Gitler in den Liner Notes erläutert, kommen hier zum Einsatz: „3 different sized oil drums, played with mallets, brushes, marbles and golf ball; temple blocks, 3 triangles; tam-tam; tambourine; gourd; pipes (a set of metal pipes of various lengths played with a metal beater or with mallets); slide whistle; tonette; glass wind chimes; bamboo wind chimes; magnetic tape (a form of musique concrete using the sounds of the trio, altered electronically and played back in the studio at their discretion as an auxiliary sound element); piano (sounds were produced by the use off paper on the strings, mallets on the strings and frame, pizzicato and harmonics on the strings, as well as conventionally from the keyboard); string bass (pizzicato and with mallets); regular drum set.“ Auf der B-Seite hören wir James‘ zweites Original „Quest“, „My Love“ aus Bernsteins „Candide“, eine Balladenversion von „Fly Me to the Moon“ und ein rasendes „Bird’s Work“ zum Abschluss. Auf der CD gibt es als Bonus noch „Softly As in a Morning Sunrise“ und den Cowboy-Song „Ghost Riders in the Sky“ (den ich mit Johnny Cash verbinde) – da wird dann noch eine Art kreisender Fade-Out gemacht, der Song verblasst, wird nochmal geholt, verschwindet wieder, wird nochmal aufgedreht … eine kleine Studio-Spielerei. Vom einen experimentellen Track abgesehen ist das ziemlich konventionell, aber auch ziemlich gut, immerhin.

Martial Solal – At Newport ’63 | In Newport spielte Solal 1963 tatsächlich, aber beim Album handelt es sich um eine Art Rekonstruktion im Studio, bei drei Sessions einige Tage später im Juli. Mit dabei sind Teddy Kotick und Paul Motian und schon im Opener „Poinciana“ helfen sie, die alles überrollende algerisch-französische Virtuosen-Welle auszulösen und in Gang zu halten. Bevor es mit „Nuages“ von Django besinnlicher wird. Die Begleiter – aus dem Umfeld von Bill Evans – sind eine ganz gute Wahl, Kotick ist schön eingefangen und wird gerade in den ruhigeren Momenten zur zweiten Stimme. George Avakian schreibt in den Liner Notes, dass die beiden tatsächlich gerade von Evans zurückgelassen worden seien, als der nach Kalifornien ging … keine Ahnung, ob das stimmt (er war schon Mitte Mai 1963 mit Israels/Bunker im Shelly’s Manne-Hole, davor hat er vor allem mit Israels/Motian aufgenommen, aber es ist natürlich gut möglich, dass Kotick auch mal wieder dabei war, wie 1966 auch wieder). Dass Solals Auftritt in den USA hohe Wellen schlug, kann man aufgrund dieser Aufnahmen allerdings gut nachvollziehen. Im Gegensatz zu anderen damals aktiven Virtuosen – Oscar Peterson, Phineas Newborn – scheint Solal stets eine Richtung, ein Ziel zu haben, sein Spiel ufert nie aus, es ist klar gestaltet, wirkt rhythmisch und von den Klangfarben her sehr aus einem Guss – was es umso beeindruckender macht, finde ich. Er spielt zwischen weiteren Klassikern („Stella by Starlight“, „What Is This Thing Called Love“, „‚Round Midnight“, „Boplicity“ und als Closer das von allen Boppern rasend genommene „All God’s Chillun Got Rhythm“) auch seine eigene „Suite pour une frise“, 12 Minuten in mehreren Teilen und das ist vielleicht der wichtigste Teil der Visitenkarte, die er hier mit Hilfe von George Wein und George Avakian bei RCA abgeben kann. Verstecken braucht sich Solal jedenfalls nicht, auch seine Monk-Interpretation ist um einiges spannender und eigenwilliger, als die meisten Pianisten dies hinkriegen. Das Album ist gut programmiert mit dem rasenden „All God’s Chillun“ zum Abschluss. Noch irrer ist der erste Bonustrack der (meisten?) CD-Ausgaben: die Rhythmusgruppe stompt und Solal rast und torkelt durch „Fine and Dandy“ und nach gerade mal 1:45 ist das Pulver verschossen. Es folgen noch drei ebenfalls kurze Takes von „I Got Rhythm“. Den eingeblendeten Applaus und die Fake-Ansagen von Solal, die wirklich aufgesetzt wirken, wurden leider zumindest auf den gebräuchlichen Ausgaben nie entfernt – sie gehören halt auch zur Geschichte des Albums.

Phineas Newborn Jr. Trio – The Newborn Touch | Und genau zu einem dieser Virtuosen kehre ich auch nochmal zurück. Das Album vom April 1964 war mein Einstieg bei Newborn, das einzige, was ich von ihm kaufte, als damals Zweitausendeins die ganzen Fantasy-Bestände verramscht hat. Leroy Vinnegar und Frank Butler sind dabei – und wie ich im Fragen/Empfehlungen-Faden vorhin schrieb, hat mich die aktuelle Trio-Strecke zur Vermutung gebracht, dass Newborn erst bei Contemporary zu sich gefunden hat – wo er neben ein paar guten Trio-Alben auch auf „Together Again“, dem Reunion-Album von Teddy Edwards und Howard McGhee, einen hervorragenden Auftritt hat. Hier spielt er zehn kurze und kürzere Stücke von einer Reihe illustrer und weniger bekannter Kollegen: Benny Carters „A Walkin‘ Thing“ ist der Opener, es folgen „Double Play“ von Russ Freeman, „The Sermon“ von Hampton Hawes, „Diane“ von Art Pepper und „The Blessing“ von Ornette Coleman. Auf Seite der LP dann „Grooveyard“ von Walter Perkins, Fran Rosolinos Walzer „Blue Daniel“, „Hard to Find“ vom Bassisten der Session, „Pazmuerte“ von Jimmy Woods und „Be Deedle Dee Do“ von Barney Kessel. Alle diese Musiker nahmen auch mal für Contemporary auf (Freeman und Rosolino allerdings nie als Leader glaub ich). Auf der CD gibt es noch „Good Lil‘ Man“ von Marvin Jenkins, einem Sänger, der mit vielen Leuten aus der ersten Garde der schwarzen kalifornischen Jazzer arbeitete (ich glaub nicht, dass ich ihn kenne) sowie einen Alternate Take von Kessels Stück. Das klingt alles sehr frisch und ist – auch dank der guten Stücke – höcsht abwechslungsreich.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba