Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

#12590673  | PERMALINK

gypsy-tail-wind
Moderator
Biomasse

Registriert seit: 25.01.2010

Beiträge: 70,648

Paul Moerschbacher kam am 22. Juli 1916 in Meadville, Pennsylvania, zur Welt, verbrachte seine Kindheit in Kentucky und Pennsylvania, zeigte schon früh musikalisches Talent. Den zweiten Weltkrieg verbrachte er in der Army auf den Philippinen und in Neuguinea. 1946 heiratete er und zog mit seiner Frau nach Miami. Er studierte an der dortigen Universität Musik und schloss 1951 ab. Dann zogen sie nach Kalifornien, wo Moer an USC bei Ingolf Dahl Komposition studierte. Moer arbeitete u.a. mit Benny Carter, Zoot Sims, Stan Getz, Dave Pell, der Big Band von Maynard Ferguson, nahm an einigen klassischen West-Coast-Sessions mit Jack Montrose, Bob Gordon („Meet Mr. Gordon“ war 1954 seine erste Aufnahme) oder Jack Sheldon teil, ist auch auf ein paar Alben von John Graas zu hören. In den frühen Sechzigern spielte er u.a. mit Emil Richards und zwei Jahre mit der Combo von Paul Horn, dann begleitete er Sänger*innen wie Jimmy Witherspoon und Rosemary Cloney, Eartha Kitt, Barbara Ede, arbeitete für die Dean Martin Show, verschwand aber mehr oder weniger von der Jazzszene.

Unter eigenem Namen nahm Moer nur wenig auf – die Fresh Sound Doppel-CD oben ist wohl mehr oder weniger komplett. Los geht es mit einem einzigen kurzen Stück vom 23. Januar 1957 mit Paul Chambers und Philly Joe Jones, aufgenommen bei Sessions mit der Band von Miles Davis, der gerade für einen dreiwöchigen Gig im Jazz City war (ab dem 5. Januar). Die komplette Rhythmusgruppe mit Red Garland nahm nur ein Album auf, das famose „Art Pepper Meets the Rhythm Section“, aber John Graas schnappte sich für eine Session,die auf „Jazz Lab 2“ landete, Chambers und Philly Joe und Moer war der Pianist, den er auswählte (Garland stand – wie Coltrane – exklusiv bei Prestige unter Vertrag, wie es zum Album mit Pepper kommen konnte, weiss ich grad nicht, da gab es wohl eine Absprache?). Jedenfalls entstand dann auch noch ein Album, das 1974 bei Vee Jay als „Mel Lewis & Friends – Gettin‘ Together“ erschien, mit Jack Montrose und Bill Perkins am Tenorsax, Moer, Chambers, Lewis oder Philly Joe und Arrangements von Graas. Ich kenne das Album bisher nicht, habe es schon länger auf dem Zettel, aber das eine japanische CD-Reissue ist ein wenig zu teuer. Jedenfalls gab es da ein einziges kurzes Trio-Stück von Moer mit Chambers/Jones, „Neat Foot“, ein Original des Pianisten, und damit öffnet die Sammlung auf Fresh Sound durchaus überzeugend.

The Paul Moer Trio – The Contemporary Jazz Classics of the Paul Moer Trio | Das erste ganze Album konnte Moer dann im November 1960 für das neue Label Del-Fi aufnehmen, das Bob Keene 1959 gegründet hat. Keene ist eher bekannt als Produzent und Förderer von Leuten wie Sam Cooke oder Richie Valens, hatte aber Moers Talent zur Kenntnis genommen und ihn zusammen mit Leuen wie Emil Richards oder dem Drummer Earl Palmer für Sessions angeheuert. Im Oktober 1960 nahm er Moer exklusiv unter Vertrag und das Album wurde mit Jimmy Bond und Frank Butler eingespielt. Es kommt also ein bald 45jähriger Pianist mit den besten Leuten zusammen, die der kalifornische Hard Bop damals zu bieten hatte. Moer klingt frisch, hat ein hervorrragendes Pacing, tolle Ideen – und es ist zum Glück überhaupt nicht so, dass sich da Schleusen öffnen und etwas herausbrechen würde, was das endlich entstandene Album überfrachten würde. Ganz im Gegenteil: vieles wirkt fast karg, und der dunkle Bass von Butler kriegt eine wichtige Rolle im Gefüge, als Klangfarbe und als Gegenpart zum Piano. Es gibt neben schnelleren Stücken – fast alles Material stammt von Moer – auch eine tolle langsame, fast hypnostische Version von „I Love Paris“, den langsamen „Azure Blues“ mit tollem Bass-Solo, und an Fremdmaterial noch Neal Heftis „Cute“ (mittelschnell mit Fours für Butler) und Fischer/Laines alter Klassiker „We’ll Be Together Again“. Da und dort wird Moer ein wenig funky, hat wohl seinen Horace Silver gehört, hat als sie an der Westküste waren Bobby Timmons und Sonny Clark gelauscht – aber sein Spiel ist dann doch anders, klarer irgendwie, da ist mehr mehr von der früheren Generation drin (Hawes, Freeman, Perkins). In den langsamen Stücken spielt Moer mit einer Zurückhaltung und dabei einer enorm stabilen Time, die noch das langsamste Tempo irgendwie zum Bouncen bringt – und natürlich spielt er nur 10% so viele Schnörkel, Verzierungen und Läufe wie z.B. Eddie Higgins. Ein echt tolles, völlig vergessenes Album eines leider ebenso vergessenen Pianisten.

The Paul Moer Trio – Live at the Pour House | Im Frühling 1961 spielte Moers‘ Trio mit Bond und Maurice Miller am Schlagzeug einige Gigs, um die Platte zu promoten. Einen besonders erfolgreichen in San Clemente im Pour House beschloss Keene, für Del-Fi aufzunehmen, doch erschien damals nur eine Single, „Yazz per favore“. Das geplante Album erschein erst 1992 bei Fresh Sound und Paul Moer – den Jordi Pujol 1990 via Keene kennenlernte – schrieb selbst die Liner Notes dazu. „Probably some of the most enjoyable engagements I ever worked were at the Pour House in San Clemente, with Jimmy Bond on bass and Maurice Miller on drums. We enjoyed a rapport, musically and personally, that is very seldom achieved. We worked Friday and Saturday nights for a few months, and conditions in the club were conductive to relaxed playing – a good piano, a receptive audience, and an understanding management. Even our daytime activities were fun, with sailing a rented boat on Balboa Bay a priority pastime. I can’t say enough about the backing I received from the bass and drums. The three of us seemed to have the same intent in what we played, and I think the tracks on this album support that. I sincerely hope the listener will enjoy these tracks as much as we did making them.“

Diese Aufnahme – in der Form der hässlichen FSR-CD im typischen damaligen Look – war mein Einstieg bei Moer und ich weiss noch, wie sie mich völlig auf dem falsche Fuss erwischt hatte. So eine tolle Aufnahme hatte ich nicht erwartet, einen so zupackenden, gradlinigen, auf den Punkt kommenden Pianisten mit einem solchen Drive und so hervorragendem Spiel. Bob Keene ist auf dem Album am Anfang kurz zu hören, Moer selbst sagt die Band am Ende ab. Dazwischen eine gute Dreiviertelstunde Musik, die mit Ellingtons „Thins Ain’t What They Used to Be“ beginnt. „Cute“ von Hefti ist der Closer, dazu gibt es das erwähnte Richards-Stück (hier „Jazz por favor“ geschrieben), ein Stück von Paul Horn („Bottled in Bond“, ein Bass-Feature natürlich), „All the Things You Are“ sowie sieben Originals von Moer. Miller ist kein so toller Drummer wie Butler, aber wie Moer schreibt, ist das wirklich ein gemeinsam atmendes, sehr eng abgestimmtes Trio, das in optimalem Rahmen dokumentiert werden konnte.

Miller klingt oft ein wenig wie ein Big Band-Drummer, der Extra-Punch tut der Musik gerade im Live-Rahmen allerdings oft ganz gut. Miller spielte u.a. mit dem Jazz Corps (Album mit Roland Kirk), ist als Gesangsolist auf einem Stück von Melvin Jacksons „Funky Skull“ oder als Drummer des Forrest Westbrook Trios zu hören (mit Bill Plummer, der auch beim Jazz Corps Bass spielte, da gibt es – mit Miller – auch eins dieser kalifornischen Space-Age-Psychedelia-Impulse-Alben, „Bill Plummer and the Cosmic Brotherhood“). Vor allem aber spielte Miller (mit Moers, Plummer und Richards) auch in der Band von Paul Horn. Heute gefällt mir glaub ich das Studio-Album eine Spur besser. Jedenfalls sind das zwei hervorragende Alben, die sich auch ganz gut ergänzen.

Paul Moer Trio – Plays the Music of Elmo Hope | Bei einer seiner Reisen nach Kalifornien hatte Jordi Pujol, Ende 1990, Bob Keene gebeten, ihn doch bitte mit Paul Moer bekannt zu machen. Dreissig Jahre nach seinen paar Alben war der Pianist längst in Vergessenheit geraten – „the idea of recording again after thirty years was a challenge that he accepted with great enthusiasm“, schreibt Pujol im Booklet der Doppel-CD. Und als Pujol vorschlug, die Musik Elmo Hopes aufzunehmen, war Moer sodort dafür, denn er mochte Hopes Musik sehr. Frank Butler war inzwischen verstorben, Pujol schlug Larance Marable als Drummer vor (Hope sagte 1961 mal, Butler und Marable seien „the only two drummers in the Los Angeles area“) und Moer war einverstanden. Da Pujols Rückflug anstand, liess er das Projekt in den Händen von Dave Pell, der die Produktion übernahm und auch Bertha Hope kontaktierte, die ihm die Noten von Elmos Stücken gab. Pell suchte den Bassisten für das Album aus, John Heart. Nach einigen Proben fand die Sessions am 19. und 20. April 1991 im Sage & Sound in Hollywood statt (wo Heard/Marable zwei Monate später auch ein Fresh Sound-Album mit Frank Strazzeri aufnehmen sollten). In Japan erschien das neue Album 1992 bei Del-Fi, auf Fresh Sound scheint es erst 1996 auf CD erschienen zu sein.

Musikalisch ist das natürlich schön – allein des eigenwilligen, harmonisch eigenständigen und melodisch ebenso besonderen Materials wegen. „Moe’s Bluff“, „Minor Bertha“, „Carving the Rock“, „Low Tide“ oder „So Nice“ sind dabei, das Trio spielt das alles souverän und gekonnt, Heard hat einen passenden dunklen Sound und einen tollen Beat (alte Schule), ist aber nicht besonders agil (alte Schule), Marable klingt wie üblich hervorragend – und Moer ebenfalls. Da ist immer noch die unbeirrbar sichere und swingende Time, der bewusste Umgang mit Reduktion und Fokus auf das Wesentliche – das halt, was sein Spiel immer schon ausmachte. In all der Abgeklärtheit fehlen den Interpretationen aber die Kanten, selbst Rhythmus- und Tempowechsel klingen fast „smooth“, weil die drei das alles so krass gut drauf haben. Ein wenig halt, wie wenn später Monk gespielt wurde … der Effekt des Neuen, die Überraschung fehlt, und die gehörte bei diesen Bebop-Schattengewächsen halt schon stark dazu.

Nach dieser Aufnahme blieb Moer aktiv. Schon 1986 hatter mit einer Combo um den Saxophonisten John Newsome wieder regelmässig aufzutreten angefangen (zwei Gigs pro Monat im Jax in Glendale über sechs Jahre), er schrieb auch Musik für eine Band mit sieben Posaunen um Dave Wells, spielte dienstags für fast zwei Jahrzehnte mit einer rehearsal band um Newsome im Lokal der Musikergewerkschaf Local 47, zu der auch Buddy Childers, Bob Enevoldsen oder Joe Lopes gehörten. Nach Newsomes Tod übernahm Moer die Leitung und war bis kurz vor seinem Tod am 9. Juni 2010 dabei. Im Nachruf der Tochter, der am Ende des CD-Booklets steht, liest man, dass Moer ein Familienmensch gewesen sei, 63 Jahre verheiratet mit seiner Frau Bess[ie], die er 1946 geheiratet hatte. 55 Jahre lebten sie in ihrem Haus in Van Nuys, hatten vier Kinder. Und man liest auch, dass Moer „an avid, if not particularly apt, golfer“ gewesen sei.

(Der Eintrag „2005 Get Swinging“ in der Wiki-Diskographie ist ein Fehler, er bezieht sich auf eine Bear Family Compilation, in der „Cute“ vom Debutalbum drauf ist – als „Cutie“.)

--

"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba