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The Ed Higgins Trio | Von Eddie Higgins hatte ich nur das mittelgute „Soulero“ gehört – und erst später gemerkt, dass ich ja mal eine dieser Behelfsausgaben mit drei Alben drauf gekauft habe – „Soulero“ als letztes, dazwischen das Vee Jay-Album (trotz des Titles „Great Trio Sessions“ inkl. der Quintett-Hälfte) und zum Einstieg eben „The Ed Higgins Trio“, aufgenommen an drei aufeinanderfolgenden Sonntage im September 1957 in Des Plaines, IL im Replica Studio von Bill Huck und bei dessen Replica Records erschienen. Dave Poskonka (b) und Jack Noren (d) sind dabei, es gibt etwas Bebop, den Higgins natürlich eh verarbeitet hat, mit dem Opener „A Night in Tunisia“ oder mit „Strike Up the Band“, bei dem Sonny Stitt und Bud Powell eine schier unerreichbar hohe Latte gelegt haben. Powell ist auch als Komponist mit einer wunderschönen Version von „I’ll Be Loving You“ vertreten. Die meisten der gewählten Stücke waren aber schon im Swing populär: „Between the Devil and the Deep Blue Sea“ kommt aus Repertoire von Nat King Cole, Ellington ist mit einer sehr schönen Version von „Prelude to a Kiss“ dabei, es gibt zudem „I’m Getting Sentimental Over You“, „Tangerine“, „Over the Rainbow“ (schön … und schön müde, höchst elegant am Cocktail-Piano vorbei), „You’d Be So Nice to Come Home To“ und „Spring Is Here“. Das klingt alles ziemlich toll, Higgins‘ Touch ist schon speziell, in „Happiness Is a Thing Called Joe“ etwa sehr schön zu hören – diesen Touch kriegt man hier in den meisten Stücken zu hören – und für das Album als Ganzens ist das dann auch die Schwäche: viel zu viele Balladen unter den elf Stücken. Eine Ausnahme ist z.B. „Tangerine“, das in der Tiefe wuchtig brummend anfängt, wie ein allmählich in Schwung geratender Motor, der dann aber in etwas zu hell-fröhlichem Mid-Up-Tempo läuft, sobald die Betriebsgeschwindigkeit erreicht ist.
Warum man Higgins nicht so gut kennt, wie er es verdient hat, ist im Booklet nachzulesen (Joseph Jesk, ich geh ja bei Lonehill, Phono und all denen immer von Pseudonymen aus, würde mich nicht wundern, wenn das alles Jordi Pujol wäre, auch wenn er das sicher auch bestreiten würde): Higgins kam 1932 in Cambridge, MA zur Welt, fing mit vier Jahren an, von seiner Mutter zu lernen, studierte in Chicago an der Northwestern University School of Music und fing in der Zeit an, professionell zu spielen. Lokal hatte er bald einen Namen, auch durchreisende Musiker schätzten ihn. 1952 freundete er sich mit Bill Evans an, der in der Army war und immer wieder im Club aufkreuzte, in dem Higgins spielte, der Streamliner Lounge. Higgins spielte jahrzehntelang in den Clubs der Stadt, darunter dem Brass Rail, der Preview Lounge, dem Blue Note, dem Chester Inn oder dem Jazz, Ltd. 1957 kriegte er einen zweiwöchigen Gig im London House, der schliesslich für zwölf Jahre bis 1969 lief. Da trat er dann im Wechsel mit all den Stars auf: Cannonball Adderley, Bill Evans, Erroll Garner, Dizzy Gillespie, Stan Getz, Oscar Peterson, George Shearing … irgendwann bot Blakey ihm einen Job mit den Jazz Messengers, doch Higgins hatte kleine Kinder und wollte in Chicago bleiben, wo er immer Gigs hatte, im Gegensatz zu Blakey, für den es allmählich schwieriger wurde.

Eddie Higgins | Die regulären Begleiter im London House waren Richard Evans und Marshall Thompson (die sich z.B. Dodo Marmarosa ausborgte). Sie sind auf der Trio-Session für das obige Vee Jay-Album und auf dem Atlantic-Album „Soulero“ zu hören. Auf der Quintett-Session ist Jim Atlas an Evans‘ Stelle zu hören – und vermutlich auch auf ein paar der Stücke, die 1998 auf einem japanischen CD-Reissue erschienen sind (meine Ausgabe, ganz unten, nennt Atlas nur für die vier Quintett-Tracks – drei von der LP und ein Alternate Take von „You Leave Me Breathless“). „How Long Has This Been Goin‘ On“, „Little Girl Blue“ und ein „Untitled Blues“ fanden auf der LP keinen Platz, von „Falling in Love with Love with Love“, dem „Blues for Big Scotia“ und „Satin Doll“ sind zudem noch Alternate Takes verfügbar – statt der sieben Stücke der LP bietet die CD damit ganze vierzehn.
Die sieben Trio-Masters bringen es auf eine halbe Stunde, was gerade bei den Labeln in Chicago durchaus für eine LP gereicht hätte – aber stattdessen sind da eben nur vier Trio-Tracks und drei mit Paul Serrano, Frank Foster, Atlas und Thompson zu hören – auch willkommen, denn mit Bläsern gibt es aus der Zeit von Higgins sonst glaub ich gar nichts. Die Vee Jay-Aufnahmen sind im November 1960 (Trio) und Juni 1961 (Quintett) entstanden und Higgins‘ Spiel hat sich verändert, ist kräftiger und zupackender geworden, ohne den besonderen Touch zu verlieren. Der wiederum liegt in den Voicings, dem Umfang mit Harmonie und wie er sie mit Melodien kombiniert, aber natürlich auch im Anschlag und der Phrasierung. Und Thompson klingt einiges knackiger als Noren, der allerdings einen ganz guten Job macht – und der 1929 in Chicago geboren wurde und 1990 auch dort starb, wie ich gerade lese: in den Vierzigern schon mit Ammons gespielt hat … auch wenn man ihm am ehesten von Aufnahmen aus Schweden kennt, was natürlich die frühere Heimat seiner Familie war und wo er mit Familie 1946 hinzog … nach dem Gig mit Ammons, der war also sehr früh unterwegs (ab 1954 war er zurück in Chicago). Im Herbst 1960 klingt Higgins‘ Trio auch deutlich mehr nach Chicago – und das heisst auch, dass Ahmad Jamal Spuren hinterlassen hat, zum Beispiel im recht flashy aufgezogenen „Falling in Love with Love“. Der langsame „Ab’s Blues“ – da schleicht sich mit tremolierten Passagen der Soul Jazz allmählich ein – ist das seltene Original von Higgins (der „Untitled Blues“ auch, aber der blieb damals ja im Kasten; beim Quintett sind dann gleich zwei der drei Stücke von ihm, „Zarac, The Evil One“ und „Foot’s Bag“), der „Blues vor Big Scotia“ stammt vom Kollegen Oscar Peterson (der im London House ein paar seiner besten Trio-Alben aufgenommen hat). „Satin Doll“ ist – wie so oft – ein Bass-Feature und Richard Evans macht seine Sache erwartungsgemäss gut.
Fresh Sound hat ein Vinyl-Reissue herausgebracht, ein Standalone-CD-Reissue gab es bei einem anderen Label aus Barcelona (P&S Records, das zu Blue Moon gehört, was ja wohl auch Fresh Sound ist bzw. auch Jordi Pujol gehört).

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