Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Claude Williamson Trio – Claude Williamson | Ein knappes Jahr vor dem zweiten Bethlehem-Album aufgenommen (Januar vs. Dezember 1956) wird Claude Williamson hier von Don Prell und Chuck Flores begleitet und spielt sieben Standards und zwei eigene Stücke (den boppigen Opener „June Bug“ und „Blue Notoriety“). Die Rhythmusgruppe ist wuchtig, muskulös, gestählt in Big Bands – aber das war natürlich auch das Trio, das in Bud Shanks Quartett zusammengewachsen ist. Prell ist kein besonders interessanter Bassist, seine Soli sind manchmal auch einfach etwas pointiertere Walking-Linien – aber sein Ton ist toll und sein Beat felsenfest, während Flores immer wieder zeigt, dass er auch 20 oder (bei Kenton) 40 Musiker vor sich her treiben könnte. Williamsons Spiel changiert zwischen lyrisch, boppig und Nummern wie „Jersey Bounce“, in denen er wie ein Band-Pianist klingt, alles sehr durchdacht und effektvoll, aber da wirkt er dann nicht sehr spontan, während er anderswo gerade durch frische Spontanität glänzt. So klingen auch Klassiker wie „Moonlight in Vermont“ (tolle Verzierungen!) oder ein rasantes „I’ll Remember April“ zwischen Bop und Stomp frisch. In „The Last Time I Saw Paris“ und anderswo kriegen wir diese damals an der Westküste gerade bei weissen Pianisten so beliebte überbordende Spielweise, über die Ethan Iverson mal sowas schrieb wie, dass ein Drittel der Töne zwar falsch gewesen sei, aber der Effekt halt trotzdem super (Marmarosa, Wallington, Albany … Freeman, Williamson … der frühe Hawes ist da auch nicht weit). Im Blues von Williamson spielt Prell ein richtiges Bass-Solo, während Williamson aus einem zweihändigen Riff in rasende Läufe ausbricht. „Embraceable You“ ist neben „Moonlight in Vermont“ die einzige weitere Ballade und etwas weniger blumig – Prell finde ich hier toll, speilt die halbe Zeit half time, aber trifft den Ton, setzt die Stimmung. Im folgenden „Have You Met Miss Jones“ steht Prell dann gleich ganz im Zentrum, mit einem langen Solo und ausführlichen Exchanges mit Williamson, der im schliessenden „Hallelujah“ nochmal richtig eskaliert. Das zweite Album bleibt mir glaub ich eine Spur lieber, weil es differenzierter, nuanciert ist … und dem dunklen Cover eher eine eine dunkle Stimmung beigibt, was hier weniger klar der Fall ist. Das zweite Album kenne ich allerdings auch seit bald 30 Jahren, dieses hier habe ich im jüngsten Japan-Reissue von 2024 gekauft und erst vier, fünf Male gehört.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba