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The Mary Lou Williams Trio – 1944: Roll `em | Ich hab zwar auch nochmal drei Alben von 2022 herausgelegt und eins von 2018 von Matthew Shipp (das fünfte neben den je zwei von Eric Revis und Angelica Sanchez), aber ich fange jetzt mal mit der Nachlese an … 1988 kam eine 44 Jahre zuvor entstandene Session heraus, ganze 21 Takes mit Alternates und auch Breakdowns. 16 komplette Takes von neun Stücken, von denen vier im Lauf der Session zweimal angegangen wurden. Die Session fand am 7. März 1944 in NYC statt, Milt Gabler produzierte sie für World Broadcasting Systems und die besten Takes (9 insgesamt) wurden in der „World Broadcasting Jam Sessions Series“ Transcriptions-Reihe „veröffentlicht“ (also an Radio-Sender verteilt, aber nie kommerziell verbreitet).
Williams glänzt in dieser guten Dreiviertelstunde mit einem runden Piano-Sound, einem hervorragenden Timing und vielen Ideen, ihr Können wird aber nie – wirklich nicht! – zum Selbstweck, alles wirkt immer konzentriert, fokussiert, irgendwie etwas zurückhaltend – und dennoch völlig frei, ganz in sich ruhend. Al Lucas walkt dazu souverän, fällt auch mal ins doppelte Tempo, glänzt aber tatsächlich – wir sind im Jahr 1944 – besonders mit seinem hervorragenden Beat, der zum Herzschlag des Trios wird, während Jack „The Bear“ Parker mit den Besen auf der Snare tänzelt, gerne auch shuffelt (boogie woogie’s just around the corner, etwa im „Yankee Doodle Blues“) und für eine passende leichte Schlagzeugbegleitung sorgt, die durchaus auch mal etwas nervös werden kann. Das Trio findet übrigens tatsächlich auch Wege, im Trio Stride zu spielen – interessant, weil die Beobachtung später ja war, dass die Stride-Nummern gerne solo gespielt wurden oder die Begleitung irgendwie nicht ganz passte. Neben Klassikern (die 1944 alle noch nicht soooo alt waren) wie dem „Limehouse Blues“ oder „Pople Will Say We’re in Love“ gibt es eine tolles Medley (zwei Takes und ein False Start) von „Cloudy / What’s Your Story Morning Glory? / Ghost of Love“, in dem besonders das sehr langsame „What’s Your Story“ zum Highlight wird. „Taurus Mood“ klingt neben dem Stride und Boogie fast futuristisch, was das harmonische Gewand angeht, und Lucas kriegt hier eine solistische Response-Rolle zu den Calls von Williams‘ Piano. Leider stehen weder auf meiner CD noch wie es scheint bei der zeitgleichen LP-Ausgabe Komponist*innen-Credits, alles suchen mag ich nicht, aber da ist z.B. auch „Marchéta“ von Victor Schertzinger von 1922, das 1940 von Big Crosby aufgenommen wurde. Und da ist Williams‘ eigenes „Roll ‚em“, das dem Album auch den Titel gibt („Froggy Bottom“ und natürlich „Taurus Mood“ sind auch von Williams, ich vermute der „8th Avenue Express“ ebenfalls, aber sicher bin ich nicht).
Composer Credits gab’s auch auf der Transcription Platte nicht (auf der ersten Seite ist Musik von Mantovani und der „Slow Inst[rumental] Blues“ ist natürlich „What’s Your Story Morning Glory?“):

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba