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The Angelica Sanchez Trio – Float the Edge | Die letzte Doppelrunde gehört der 1972 in Phoenix, AZ geborenen Angelica Sanchez. Wie beim Eric Revis Trio gibt es zwei Alben, und hier wie dort wechselt der Drummer. Am Bass ist Michael Formanek dabei, am Schlagzeug Tyshawn Sorey bei diesem ersten Album (Systems Two, Brooklyn, 12. Juli 2016). Die Musik klingt offen, flächig, hier wird nicht gefüllt sondern geöffnet, der Blick geweitet und dabei aber auch geschärft, denn gerade da, wo die Musik in sich zu ruhen scheint, ist sie sehr frei und zugleich sehr präzis. Das Titelstück und zwei weitere sind allen dreien zugeschrieben und wurden entsprechend wohl frei im Studio improvisiert, doch diesen freien Gestus hat die Musik auch fast immer in den fünf Stücken, die Sanchez komponiert hat. Es gibt Puls, Riffs, Eckpfeiler auch da, wo die Musik frei ist – und es gibt Reduktion, Repetition, eine Blick für das Wesentliche, das den gelegentlichen Ausbruch nicht verhindert.

The Angelica Sanchez Trio – Sparkle Beings | Das zweite Album folgte 2022 – und mit Billy Hart ist ein vollkommen anders funktionierender Drummer dabei. Die Aufnahme entstand im Dezember 2021 im RVG Studio (Maureen Sickler). Es gibt sieben Stücke, drei von ihnen sie sind vom Trio gemeinsam komponiert bzw. erarbeitet worden, dazu kommen je ein Stück von Mary Lou Williams (der Opener „A Fungus Amungus“), Cecil Taylor („With (Exit)“), Mario Ruiz Armengol („Preludio a un preludio“) und der Closer von Duke Ellington „The Sleeping Lady and the Giant That Watches Over Her“, dem noch ein Stück des Trios, „Before Sleep“, vorangestellt ist. Ich verstehe nicht genau, was hier im Vergleich zum ersten Album passiert, aber es ist faszinierend und das Ergebnis deutlich besser. Das flächige Spiel von Sorey entfällt und Harts viel härtere Spielweise scheint auch Sanchez anzuspornen, die rhythmische Ebene wird jedenfalls viel wichtiger, die Musik sehr viel dichter, das ist hier die meiste Zeit keine Musik der Flächen sondern eher der Häuserschluchten (seit 1994 lebt Sanchez in New York). Das ist zudem rätselhafte, irgendwie alchemistische Musik, mit einer schwer erfassbaren Autorität, die mich immer wieder beeindruckt. Die zwei abschliessenden Stücke – das Titelstück vom Trio und das von Ellington, das in eine Slow-Motion-Ekstase findet, die von einem grossartigen Bass-Solo aufgefangen wird – sind zusammen fast eine halbe Stunde lang und durchmessen ganze Galaxien. Dass ein Stück von Mary Lou Williams den Einstieg macht, Ellington am Ende steht, ein mexikanischer Komponist von Danzóns und Boleros und Cecil Taylor mittendrin, ist allesamt programmatisch – besonders der Opener, denn mich dünkt, dass Sanchez hier vielleicht wirklich eine Linie fortschreibt, die bei Williams beginnt und vielleicht von Geri Allen fortgeschrieben wurde (oder auch würde, wäre sie noch unter uns). Ein grossartiges Album, das die Top 20 nur knapp verfehlt.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba