Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

#12589799  | PERMALINK

gypsy-tail-wind
Moderator
Biomasse

Registriert seit: 25.01.2010

Beiträge: 70,648

The Morris Nanton Trio – Preface | Neulich beim Hervorsuchen meiner Sinatra- und Franklin-Digitalisate auch noch nach Piano-Trio-Material geguckt und mich an Morris Nanton erinnert. Der Pianist lebte von 1929-2009 und nahm Mitte der Sechziger drei Prestige-Alben im Trio auf. „Preface“ ist das erste und bewegt sich irgendwo zwischen Jamal, den Three Sounds und bluesig-funkigerem Souljazz à la Ramsey Lewis. Davor sind 1959 schon zwei Alben für Warner entstanden, die ich nicht kenne, beides „Original Jazz Performances“ von Musical-Material, das erste von „Flower Drum Song“ (Rodgers/Hammerstein), das zweite von „Roberta“ (Kern). Dazu spielte Nanton ebenfalls 1959 bei Warner auf „The First Jazz Piano Quartet“ mit, neben Bernie Leighton, Irv Joseph und Moe Wechsler (und Rhythmusgruppe) – und sein Bassist Norman Edge taucht 1962 auf Gene Ammons‘ „Bad! Bossa“ auf. Die frühen Aufnahmen kenne ich nicht, aber die drei Prestige-Alben gab’s mal auf einem dieses gründlichen, Labelkataloge durchackernden Musik-Blogs. Auf dem ersten Prestige-Album, im August und September 1964 im Studio von Van Gelder aufgenommen, ist neben Edge Oliver Jackson dabei (nach Charlie Persip und Osie Johnson auf den Warner-Alben). Das Material bleibt recht populär und nah am Film: „Them from Lawrence from Arabia“ zum Einstieg, später folgen „Gone with the Wind“, „Theme from Black Orpheus“ (Manhã da Carnaval) oder das „Theme from a Boy Ten Feet Tall“. Dazwischen gibt es Klassiker wie den Forumsfavoriten „Invitation“, „Things Ain’t What They Used to Be“, „I’ll Know“, „This Heart of Mine“ oder den Closer „The Sweetest Sound“ (lässt mich an Elsie Bianchi denken, die hier halt fehlt, weil sie sehr oft auch sang). Der kurze Wiki-Eintrag zu Nanton verrät zudem, dass seine Version von „Ja Da“ (da steht 1959 aber „Preface“, was unten korrekt als von 1964 geführt wird) an Bord des ersten Apollo-Raumfluges gelaufen sei. Das einzige Nanton-Original des albums ist „The Pretty Time“.

Morris Nanton – Something We’ve Got | Für die beiden letzten Alben ist dann neben Norman Edge der Drummer Al Beldini dabei. Das Film-Material macht hier einem handelsüblichen Standards-Programm platz, doch zuerst gibt es das eine Original, den langsamen Soul-Blues, nach dem das Album benannt ist. Sechs Stücke nur noch, die sind teils deutlich länger, aber die Platte dauert nur noch 31 Minuten – man ist gewissermassen in Soulsville angekommen. Kürzere Versionen von „Any Number Can Win“ (vermutlich via Jimmy Smith – und klar, das ist auch ein Film-Song) und „The Masquerade Is Over“ folgen. Seite 2 beginnt wieder mit Ellingtonia: „Mood Indigo“ als eigenwilliger und toller, siebeinhalbminütiger Souljazz-Romp im 6/8-Takt. Dann folgen Gershwin mit „My Man’s Gone Now“ und zum Abschluss noch eine Prise Exotica mit „Taboo“ von Ernesto Lecuona – hier spielt Edge einen Vamp und Beldini einen tollen, stark auf die Trommeln abgestützten Beat. Das alles klingt dunkler als das erste Album, es gibt von Nanton weniger Show-Effekte und mehr Musik. Aufgenommen wurde das Album wieder bei RVG in zwei Sessions, eine im Mai, die andere im Juni 1965.

Morris Nanton – Soul Fingers | Das letzte Album ist hier eigentlich off-topic, denn da spielt noch Johnny Murray Jr. an den Congas mit, und auf dem zweiminütigen Opener „Troubles of the World“ von Jay Douglas (aka Cal Lampley) auch noch Pucho and the Latin Soul Brothers. Das Programm kippt hier wieder in die Show- und Film-Richtung, von den zehn Stücken sind nur drei oder vier über vier Minuten lang, darunter Hoagy Carmichaels „Georgia“ (das ohne Congas ganz gut losgeht und dann quasi in tremolierende Langweile mit unpassendem Getrommel eskaliert – schade) und der achteinhalbminütige Closer „Soul Fingers“ (ein Stück, das mit anderen „Soul Finger“-Stücken nichts zu tun haben scheint, der Credit geht an Bert DeCouteaux aka Norbert de Couteau – Edge spielt hier eine gutes Bass-Solo, ist ja endlich mal genügend Zeit). Sonst gibt es „The Shadow of Your Smile“, „Fly Me to the Moon“ (ziemlich hektisch), „I’ll Remember April“ (noch hektischer), „Summer Wind“ („Der Sommerwind“ von Heinz Mayer und Hans Bradtke, englische Lyrics von Johnny Mercer), „The Lamp Is Low“ und „L-O-V-E“ von Bert Kaempfert (den Text dazu schrieb Milt Gabler). Das obligate Nanton-Original ist hier „Whistle Stop“, der Opener der B-Seite, ein netter, durchstrukturierter Romp mit nervigem Getrommel. Das ist jetzt echt nah an den generischeren Sachen, die Ramsey Lewis um dieselbe Zeit bei Argo herausbrachte, wirkt routiniert und die musikalischen Pfade wirken ausgesteckt, ohne Raum für Spontanes. Dass Lieblingssongs wie „The Shadow of Your Smile“ und „Fly Me to the Moon“ dabei sind, hilft auch nicht allzu viel.

Produziert hat die Alben alle Cal Lampley (auch schon die auf Warner). In Deutschland erschienen übrigens 1967 alle drei Alben „im Vertrieb der SABA-Schallplatten“ – RVG war ja nicht grad der Meister des schönen Klavier-Klangs … aber das ist hier kein Thema: die LP-Rips, die ich via Handy über meine Bluetooth-Box im Homeoffice höre, klingen echt gut. Das passt also durchaus in HGBS‘ Klavier-Fetisch-Katalog. Ich hätte jetzt gesagt, das mittlere Album böte sich ganz gut an für ein Reissue … könnte man durchaus als unbekannte frühe Spiritual-Jazz-Perle vermarkten.

--

"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba