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Interessant, ein Freund, der lange nur Vinyl hörte, fand BYG immer eins der tollsten Label … also gerade, wenn er Vinyl-Originale in die Finger kriegte. Die CD-Reissues sind nicht super – aber mit der jüngsten Japan-Reihe hab ich den Katalog endlich mal ausgiebig erforscht und mag mich echt nicht beklagen (nur fehlt völlig das haptische der tollen Foldout-Cover, Fotos, Grafik usw. – in der Regel gibt es nicht mal vollständige Abbildungen davon im Mini-Format).
Bei mir:

Eric Revis – City of Asylum | Eine neue Piano-Stimme in einem bassistengeleiteten Trio … und einem, das wie später das von Stephan Crump zusammengestellte Borderlands Trio grösstenteils der freien Improvisation frönt. Die Ausnahmen im einstündigen Programm sind Monks „Gallop’s Gallop“, Jarretts „Prayer“ und vor dem kargen Titelstück als Closer noch Revis‘ „Question“. Zehn Stücke, aber auch ein raffiniert programmierter grosser Bogen. Dunkle Basstöne, oft in einem Wummern verschmelzend, mit viel Resonanz – low end theory. Cyrille ist ein Meister der Sounds und der Rhythmen, hell, verspielt, enorm vielschichtig, mit aller Kraft, die es manchmal braucht, gerade auch wenn die sehr tolle Pianistin die Schleusen öffnet und die Töne nur so aus dem Klavier herausbrechen, multilinear, mit entkoppelten Händen, verdichtend aber nie verschwimmend, selbst Cluster klingen bei ihr meistens noch so, als sei jeder Ton sauber angeschlagen und phrasiert. Aufgenommen wurde das Album am 12. April 2012 im Samurai Hotel in New York, produziert hat Eric Revis selbst, Orrin Evans agierte als „technical advisor and referee“.
Ethan Iverson lässt in den Liner Notes Kris Davis erzählen, wie es zum Trio kam und was dann passierte: „I first connected with Eric through a series of emails. He asked if I would be interested in recording a trio with Andrew Cyrille and himself. The three of us met in the studio for the first time a few weeks later and recorded ‚City of Asylum‘. I was instantly impressed by Eric’s willingness to take chances as both a bandleader and bassist. he had an idea that there might be a spark between the three of us and went for it. He has incredible presence at the bass. There is intensity behind everything he plays and his sound is like no other. Andrew always amazes me – he brings a forward momentum that really sets the pacing of the trio. I am honored to make music with them both.“

Eric Revis Trio – Crowded Solitudes | An zwei Tagen im Jahr 2015 – einer im Juni, einer im Oktober – ging es im gleichen Studio, für dasselbe Label (Clean Feed), aber mit neuem Drummer weiter. Gerald Cleaver spielt sehr viel flächiger, dichter, gibt der Musik eine noch dunklere Färbung und mehr Punch. Neben drei vermutlich gemeinsam frei improvisierten Stücken gibt es hier eins, das wohl von Revis‘ Sohn (dem wohl dann die Kinderstimme gehört, die auch zu hören ist) stammt, Rio Sebastian Revis, dazu einmal Paul Motian mit „Victoria“, zweimal Revis und einmal Greg Osby („Vertical Hold“). Im Motian-Stück passieren andere Dinge, als wenn der mit Geri Allen und Charlie Haden spielte, der Ton hier ist ein neuer – und auch wenn das Klavier hier total schön klingt, geht es dem Trio nicht um Schönheit (Allen vielleicht auch nicht, aber Haden halt schon), es sucht andere Klangsymbiosen, sehr zeitgenössisch … für meine Ohren noch mehr so als Iyer mit seinen Pop-Verarbeitungen.
Ich mag gar nicht entscheiden, welches Album ich lieber mag – vermutlich immer das, was gerade läuft oder zuletzt lief. Ich höre auch eine leise Parallele zum ersten Album des Borderland Trios: gerade die freien Stücke wirken da und dort nicht abgeschlossen, unfertig – ob sie wirklich abbrechen oder da geschickt geschnitten wurde, spielt am Ende keine Rolle und das Fragmentarische ist natürlich auch eine (durchaus zeitgemässe) Aussage. Jedenfalls zwei sehr tolle Alben – und die ersten zwei der fünf letzten, die ich mir noch herausgelegt habe. Es liegt wie schon erwähnt auch ein ganzer Stapel mit älteren Sachen (ca. 1960-2000, hab auch „Houdini“ nochmal hervorgesucht) bereit, aber ich brauche dann wohl erstmal eine Pause.
Ach so: Spuren von monk-igem Jarrett höre ich da und dort auch – in Revis‘ „D.O.C.“ etwa. Es ist ja eh nicht so, dass dieses Trio ohne Ankündigung auf die Erde geplumpst wäre, klar, aber Gedanken darüber, wo her gerade Davis eigentlich kommt, habe ich mir noch nie gemacht, obwohl ich sie schon ziemlich lange schätze – gerade auch dank „City of Asylum“. Und am Ende, im zweiten Teil des Closers „Anamnesis“, findet das Trio einen Groove, der micht wiederum nicht so weit von Bandwagon entfernt dünkt – auch wenn im Einzelnen alles ausser vielleicht der Basslinie völlig anders ist.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba