Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Vijay Iyer Trio – Historicity | Die Gleichzeitigkeit ist in den Nullern und Zehnern nicht mehr die von Leuten, die noch direkt alles von Teddy Wilson bis Bud Powell channelten sondern die von Leuten wie Steve Kuhn oder Don Friedman mit jüngeren Musiker*innen. Bei Vijay Iver brauchte ich ein paar Anläufe, geklickt haben ein Live-Konzert (die Suche ist wieder top, finde nur tote Links aber nicht den eigentlichen Post, jedenfalls Februar 2013 im Moods in Zürich) und dann „Break Stuff“, das auch in meine Top 20 musste. Die beiden früheren Alben desselben Trios mit Stephan Crump und Marcus Gilmore holte ich danach erst nach und sie haben sich bisher keine vergleichbare Position erstritten – auch wenn sie fraglos toll sind. Iyer produziert hier selbst und hat interessantes Material zusammengetragen: Andrew Hill, Stevie Wonder, Julius Hemphill und Ronnie Foster folgen in der Mitte der Albums in der Reihenfolge aufeinander, davor gibt es schon Bernstein/Sondheim („Somewhere“) und M.I.A. („Galang [Trio Riot Version]“). Und natürlich gibt es ein paar eigene Stücke, das Titelstück zum Einstieg, „Helix“ zwischen den Covern und am Ende noch zwei („Trident: 2010“ und „Segment for Sentiment #2“). Aufgenommen wurde das Album von Joe Marciano an zwei Tagen im November 2008 und im März 2009 im Systems Two in Brooklyn. Die ganzen Pop-Referenzen kenne ich nicht (weil ich in den Nullerjahren praktisch keinen Pop hörte, M.I.A. ist für mich nur ein Name), aber es ist dennoch völlig klar, dass sich hier Neues öffnet, teils aber auch Altes gekappt wird – die Jazztradition ist nur noch indirekt da, via Hill oder Hemphill natürlich, via Bernstein, dessen Song andere Pianisten gespielt haben.

Es geht hier nicht mehr um Swing und Glow, der Ton ist allerdings ebenfalls klasse. Und wenn es nicht mehr um die Eleganz geht, die aus dem Swing kommt, dann gibt es hier eine neue, eine andere Eleganz. Es gibt auch nicht mehr das spontan-offene Interplay, wie es gerade bei Kuhn, Carter und Foster zu bewundern war, sondern das Trio als eng verwobene Einheit, die gemeinsam die Wellen reitet, die Grooves erforscht, Momentum erzeugt. Ich höre in der Hinsicht eine recht grosse Ähnlichkeit zum Konzept von Jason Morans Bandwagon-Trio, aber vielleicht ist das der Chick Corea zu Morans Herbie Hancock? Ein total schiefer Vergleich, ich weiss, aber er zielt auf die Tonalitäten an, die hier heller, knackiger, vielleicht etwas säuerlicher sind, quecksilbriger und so gesehen vielleicht auch eine Spur agiler? Beide Trios haben einen Bass mit Wumms, der trocken die richtigen Töne in die Tiefe wuchtet und dennoch in ständiger Bewegung bleibt, nie einfach nur einen Beat spielen würde. Dazu kommen dann die besten, die beweglichsten Drummer der Zeit (und sie gehören auch heute noch dazu oder sind es noch immer), die wirklich alles hinkriegen, die ihre Break-Beats intus haben, aber durch das menschliche Element so viel spannender gestalten können, als das mit Samples und Drum-Machines möglich ist: ständige kleine Verschiebungen, immer neue Akzente, eine schiefe Ebene auf instabilem Untergrund, mal mit, mal gegen den Thump des Basses, darüber ein irrlichterndes Klavier, mal mit linearem Spiel, dann akkordisch verzahnt mit den Drums und dem Bass … und eine Virtuosität und Stilvielfalt, die auch hier manchmal ein wenig an Jaki Byard erinnert – auch wenn vielleicht bei Iyer tatsächlich eher Andrew Hill die Quelle ist – die Version von „Smoke Stack“ hier ist jedenfalls atemberaubend, auch das Schlagzeugsolo, das sich organisch aus dem Trio herausschält und vom Bass begleitet wird, als wäre er eine weitere Trommel. Toll auch der rabenschwarze Funk von „Dogon A.D.“ mit Crump im Wechsel zwischen gequält-druckvollem Arco- und trockenem Pizzicato-Siel. Ein durch und durch phänomenales Debutalbum dieses grossartigen Trios* – wenn ich eine Top 50 oder 100 erstellen würde (oder 250, bis alles drin ist, was irgendwie rein muss), wäre das weit oben dabei.

Wenn Iyer in seinen Liner Notes herausstreicht, dass die meisten Stücke, die er hier covert, eine „disruptive quality“ hätten, die sein Trio reproduzieren wolle – dann ist das eine Wortwahl aus einer anderen Zeit. So schnell kann das gehen – heute werden wir halt von faschistischen Milliardären zwangs-disrupted und sind in vielen Fälle noch so blöd, freiwillig mitzumachen.


*) Das ich übrigens immer lieber mochte als das aktuelle von Iyer mit Oh und Sorey, so gut dieses auch ist.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba