Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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Steve Kuhn Trio – Live at Birdland | Reunion von Steve Kuhn mit Ron Carter und Al Foster, zwei Jahrzehnte später für Blue Note (jetzt auch das Label von „State of the Tenor“) im Juli 2006 im Birdland, hervorragend aufgenommen (Katherine Miller, die auch den Mix machte). Kuhn hat ja mit so vielen superben Rhythmusgruppen aufgenommen (bei mir vertreten sind u.a.: Williams/Foster, Williams/Drummond, Gomez/Foster, Gomez/Drummond, Peacock/Drummond, Finck/Drummond, Finck/Nash, Finck/Baron, Mraz/Foster, Mraz/La Roca (Sims), natürlich auch Vitous/Romano und Swallow/Baron), dass ausgerechnet die Kombi zu den vielleicht besten Resultaten führt, hat möglicherweise mit der auf Souveränität und tiefem Wissen beruhenden Spontanität zu tun, die Carter und Foster mit Kuhn pflegen. Ein Foto im CD-Booklet zeigt, dass Flügel schräg steht, so dass Kuhn die zwei Kollegen im Blick hat, dafür dem Publikum so halb den Rücken (nicht wie oft eher/fast die Seite) zudreht. Und im Moment, als das Foto gemacht wurde, gucken die beiden auch zu Kuhn und er zu ihnen. Das ist kommunikative Musik, in der ständig ganz vieles möglich ist und einiges davon auch passiert. Grooves, Block-Akkorde, Riffs, Patterns – und dann wieder raus aus all dem. Es gibt alte Klassiker wie den Opener „If I Were a Bell“, „Stella By Starlight“ oder den „Jitterbug Waltz“ (schon 1986 Teil des Repertoires), eine tolle Jazz-Version von Debussys „La plus que lente“, die in Strayhorns „Passion Flower“ übergeht, „Lotus Blossom“ von Kenny Dorham, Carters „Little Waltz“, Kuhns „Two by Two“ und „Clotilde“ (alle drei auch schon 1986 dabei), Mancini/Gimbels „Slow Hot Wind“, und als Closer noch etwas Bebop, passend zum Club, in dem das Album aufgenommen wurde, „Confirmation“ von Charlie Parker. Das Repertoire reflektiert auch „personal heroes“ von Kuhn: Dorham, Mancini, Debussy, Strayhorn, und seine Mutter Stella.

In den Liner Notes von Ashley Kahn äussert sich Kuhn zum Trio-Format und sagt ein paar Dinge, bei denen ihm die allermeisten Pianist*innen in diesem Faden wohl zustimmen würden: „It is probably my favorite format. I have nothing against playing in a quartet, but with a trio, you get that interaction, that support, and you’re able to state the melody the way you want. It gives me a chance to really express the whole picture. I find that in terms of being able to select a repertoire and really being in control, it’s challenging for me with a trio. And I welcome that challenge.“

Beim ersten Treffen zwanzig Jahre früher hatten die drei nie zusammen gespielt gehabt. Für das Jubiläum mietete Kuhn einen Hamburger Steinway-D, wählte die Tonmeisterin, und dann auch die besten Takes von vier Abenden, an denen das Trio mitgeschnitten wurde (die Stücke auf dem Album stammen vom 7. und 8. Juli). Kuhn wollte auch deswegen ein paar der Stücke nochmal spielen, weil 1986, „being completely candid, I was a little bit intimidated working with these guys […] Now I feel much stronger as a soloist and in the way I approach things.“ Über die Sidemen sagt er: „We were, we are, all of an age. We grew up listening to the same sort of music. And so the frames of reference are very similar. That is the essence of what a trio is; it’s a democracy, a conversation. Both Ron and Al are really not afraid to take chances. Ron – harmonically he’s incredible. He’ll do something with the time, or Al will respond to something I do, but then he’ll take it a little further. ‚Let0s try this and go that way.‘ I love that, I love to be pushed. Let’s put it this way – I like to be fucked with.“

Kuhn zitiert mal was von den Beatles, schrammt an „Sunny“ oder „As Time Goes By“ vorbei – und auch da verweist er auf die gemeinsame Erfahrung, besonders mit Carter: sie haben über so lange Zeit so viele Songs gespielt, dass sie einen immensen Fundus abrufen können – und beide hätten denselben trockenen Humor, so Kuhn. Natürlich gab es keine Proben vor den Gigs: „We just played. There was the greatest amount of mutual respect. We’re all twenty years older and we’ve mellowed a lot. It was really just an enjoyable week.“ Die Freude am gemeinsamen Musizieren, die gegenseitigen Herausforderungen, die Spontanität, das lebendige Zusammenspiel – all das macht, dass auch diese neue Aufnahme des Trios voller wunderbarer Musik ist, die mit den ersten Aufnahmen unbedingt mithalten kann.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba