Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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Renee Rosnes – Art & Soul | Das ist ja doch mehrheitlich ein Trio-Album – hatte ich falsch abgelegt. Drei Tage im Bear Tracks Studio in Suffern, NY im Februar 1999 (James Farber) mit Scott Colley und Billy Drummond (damals Rosnes‘ Ehemann), auf einem Stück, „Ancient Footprints“ (Wayne Shorter/Kitty Margolis) Dianne Reeves (voc) und Richard Bona (perc) und beide noch allein auf einem weiteren Stück (Reeves auf „Lazy Afternoon“, Bonda auf „Fleurette Africaine“). Los geht es mit Ornette Coleman und „Blues Connotation“ und damit ist der Ton gesetzt: deutlich abenteuerlicher und offener als mit den Drummonds. Das hat viel mit Scott Colley zu tun, der mit Tiefe und Volumen unterwegs ist aber zugleich super beweglich, kommentierend, in die Lücken springend, in den Dialog tretend. Drummond spielt eine Art Higgins-Variante, freier, unregelmässiger, auch sehr toll. Dann Beatles-Ballade, tränendrüsendrückend: „With a Little Help from My Friends“, Orgelpunkt-Bass, bis irgendwann die Changes durchdrücken. Süsses Piano, verhalten, der Bass dann kommentierend … ich denke einen Moment an Hancock und Carter, eher auf einem Hancock- als einem Davis-Album – und wie so oft bei Beatels-Covern lässt mich das bei aller Eleganz ziemlich kalt – ich lausche einfach Colleys tollem Bass-Spiel. Es folgt eine mich sehr viel mehr berührende Ballade, Richard Jenkins‘ „Goodbye“, in der ich Spuren von Jamal aber auch von Teddy Wilson zu vernehmen glaube – sehr toll. Eine seltsame Idee allerdings, die zwei Stücke nacheinander zu programmieren (produziert hat Rosnes selbst). Dann folgen die Stücke von Shorter – der Gesang die meiste Zeit wortlos und wie die Percussion eher eine Extra-Klangfarbe – und Ellington: Bona im Intro an der Kalimba, Rosnes spielt harfenähnlich verwischte Cluster, Bass und Drums sind arrangiert. Hervorragend gemacht und die längste Zeit auch wieder ein Trio mit minimaler Extra-Percussion (die Drummond vermutlich auch noch dazu hätte spielen können). Rosnes‘ eigener „Romp“ ist Steve Kuhn (aka „Dr. K.“) gewidmet, ein elegantes, schnelles Stück. Dann der letzte Gastauftritt, Dianne Reeves in einer langsamen Version von „Lazy Afternoon“, Colley am gestrichenen Bass. Die letzte Viertelstunde gehört dann nochmal dem Trio, mit „Little Spirit“, gewidmet dem damals acht Monate alten Sohn von Rosnes und Drummond, „Sanfona“ von Egberto Gismonti mit starkem Bass (Rosnes‘ Interesse an brasilianischer Musik scheint auch sonst da und dort im Album durchzuschimmern), und als Closer Bartóks „Children’s Song No. 3“, ein Stück mit einem kreisenden Motiv, das auch Drummond nochmal die Gelegenheit zu Glänzen gibt. Keine Ahnung, ob das und Morans Brahms-Einspielung Einzelfälle sind, oder ob es sowas damals öfters gab? Kuhn hat ein ganzes Album mit klassischen Stücken für den japanischen Markt (Venus) gemacht, aber das ist ja wieder was anderes. Rosnes schreibt in ihren Liner Notes, die Musik von Bartók, Kabalevsky und Schostakowitsch habe sie schon früh angezogen, „due to their expanded use of harmony and rhythm“ (was in diesem Kinderstück natürlich gerade nicht der Fall ist), noch bevor sie ahnen konnte, dass es sie Jahre später zur Musik von „Ellington, Ornette and Shorter among numerous others“ ziehen würde.

Ein schönes Album, von dem ich eine über 20 Jahre alte CD-R habe (die einwandfrei durch läuft, nur weil da ja manchmal Zeug geunkt wird) … was ich schön finde ist, dass ich sowas heute mit viel mehr Grosszügigkeit hören kann, als damals (ich hab zwei oder drei Rosnes-CDs gekauft, aber leicht verspätet, denke so um 1998/99 herum: „Ancestors“, „As We Are Now“, dann noch „Life on Earth“ und die Best Of, später noch gezielt „For the Moment“ nachgekauft, weil dort Joe Henderson dabei ist) – und dass diese Grosszügigkeit eben auch dazu führt, dass ich in der Musik mehr entdecken kann als einst.

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