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Dave Burrell – Momentum | Bei mir nochmal eine Runde Avantgarde, Ersthörgang – ein Zufallskauf auf Discogs, vor nicht allzu langer Zeit, als ich nach Zeug von David Murray suchte und noch etwas links und rechts guckte. Systems Two in Brooklyn im November 2005 mit Michael Formanek und Guillermo E. Brown, der auf dem Opener erstmal einen steifen Rock-Beat durchtrommelt, was jetzt nicht unbedingt die beste Idee ist, finde ich. Das Album ist insofern etwas altmodisch, als dass es mit sieben Stücken wenig mehr als 40 Minuten dauert (eine Wohltat gerade – dieselbe Beobachtung gab’s ja auch bei Enja: je weiter man kommt, desto zahlreicher werden die überlagen Alben). Im zweiten Stück trommelt Brown dann eine recht offene Begleitung, erneut über eine Bass-Ostinato. Und Burrell explodiert nicht so rasch. Hier findet für mich alles zusammen, die drei finden einen dunklen, etwas rätselhaften Sound, und selbst wenn sie einfache Grooves spielen, wirkt das sehr frei. Burrells surrealistischen Klavierläufe sind natürlich immer wieder zu hören, brechen aus dem Hintergrund, der auch Vordergrund ist, aus, alles vermischt sich hier, verschmilzt. So geht es dann weiter: eine Art Rubato-Ballade als drittes, die fast poppig wird, über einen Beat mit Tango-Elementen (oder so) einen tollen Sog entwickelt, während Burrell ein ganz minimalistisches Klavier spielt, das irgendwann fast zu singen anfängt, bevor Formanek zum Duo-Partner wird – Alchimie! „4:30 to Atlanta“ ist dann eine Art Schlagzeug-Solo, das im letzten Dritten plötzlich einen an Herbie Nichols erinnernden Groove fällt. Das Klavier klingt stellenweise wie zwei, die Begleitung eng mit Bass und Drums verzahnt, die Solo-Stimme darüber unabhängig sich erhebend, wieder linear und recht einfach, bis sich allmähliche Beschleunigungen und Verdichtungen ergeben – aber nur widerwillig, wie es scheint. Dann schaltet die Begleitung hoch und die Solo-Stimme … fällt weg. Burrell bleibt einer der unberechenbarsten Leute im Jazz. „Cool Reception“ ist dann das begleitete Bass-Solo, wieder mit so einem spanischen Tanz-Beat, der fast ein Marsch ist. Brown spielt das alles echt super, ich verstehe längst meine Irritation im Opener nicht mehr. Das Titelstück ist dann wieder ziemlich frei, bevor es als Closer mit „Coup d’Etat“ nochmal so ein fliessend-walkendes Stück mit einer Melodie gibt, wie sie auch Nichols hätte schreiben können (die Stücke hat natürlich Burrell alle selbst komponiert). Eine schöne Entdeckung, die auf jeden Fall mal in der Nähe des Players bleiben wird.
Kann man auf Bandcamp auch mal probehören:
https://hightwo.bandcamp.com/album/momentum
Und da gibt’s auch noch das Full-Blown Trio von Burrell mit William Parker und Andrew Cyrille:
https://hightwo.bandcamp.com/album/expansion
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba