Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Michel Sardaby Trio – Night in Paris Live | Die Nacht, um die es hier geht, ist der 21. April 2005, live im L’Archipel, einem Kino-Theater am Blvd. du Strasbourg im 10e Arrondissement. Sardaby hat Reggie Johnson und John Betsch an seiner Seite, es gibt zwei Stunden Musik, 17 Stücke, grossteils Klassiker: „Bags‘ Groove“, „Don’t Explain“ und „Tune Up“ zum Einstieg, später auch „I Can’t Get Started“ (hier kriegt der Bass das Thema, Johnson ist toll!), „On Green Dolphin Street“ und „Embraceable You“, aber auch ein selten gehörtes Ellington-Stück, „Dont You Know I Care“, Strayhorn mit „Lush Life“, mit „Crazeology“ von Benny Harris, ein Bop-Klassiker, dreimal Monk im zweiten Teil mit „In Walked Bud, „Rhythm-A-Ning“ (passt gut für ein langes Schlagzeug-Solo und Betsch überzeugt) und „Blue Monk“ als sehr stimmungsvoller Closer. In Sachen Jazz-Tunes sind noch „Theme for Ernie“ (Fred Lacey) und „Cup Bearers“ (Tom McIntosh) dabei, von Sardaby kriegen wir „Blues for JP & N“ (ein Highlight, hier als zweites Stück der zweiten CD, der lange Applaus am Ende deutet auf Set-Closer) und „Night Blossom“ (noch ein Highlightt – schade, spielte Sardaby an dem Abend nicht mehr eigenes Material), und dann ist da noch Eddie Heywoods „Canadian Sunset“ mit einer superben Schaukelgroove-Performance der Rhythmusgruppe. Die ganzen Jazz-Tunes – von „Bags‘ Groove“, „Crazeologoy“ und den schon älteren Ellingtonia abgesehen – und die Originals finden sich mit Monk im zweiten Teil, wo sich nur grad der Gershwin-Song dazwischen verirrt hat. Eine recht klare Aufteilung also – und ich vermute (aufgrund einer Formulierung in den Liner Notes), dass dies dem Ablauf des Abends entspricht. Dieser wurde zur Feier von Sardabys 70. und dem 14. Geburtstag von Paris Jazz Corner zusammen mit Jazz Hot organisiert – und natürlich auf dem Eigenlabel von Paris Jazz Corner veröffentlicht. Manche Stücke eignet Sardaby sich demonstrativ an, etwa gleich den Opener von Milt Jackson mit einem etwas mysteriös klingenden Intro. Andere – besonders die alten Songs – erkundet er mit einer superben Gelassenheit, horcht sie geduldig aus, erforscht sie bis in die hintersten Ecken. Die Rollenverteilung im Trio bleibt dabei recht konventionell, Johnson/Betsch fallen selten auf, mischen sich nicht ein, sind aber immer da, sind immer perfekt zusammen, und es lohnt auch immer, auf sie zu achten, weil sie so gekonnt und einfallsreich durch die Musik navigieren. Rhythmisch setzt Betsch zahlreiche Akzente, melodisch wird Johnsons Bass immer wieder zum Sparring-Partner des Pianisten. Und Sardaby? Der hat seinen wunderbaren Touch, eine sehr entspannte Phrasierung – und ist auch sehr gut aufgenommen, man hört all die Klangfarben des Instruments, das auch ordentlich zu sein scheint (z.B. im Solo-Intro zum Gershwin-Stück). Die Aufnahme machte Didier Périer, produziert hat Arnaud Boubet, der Leiter (?) von Paris Jazz Corner.

Zum letzten Mal, als ich dieses Album hörte, fand ich es … etwas gewöhnlich und ob seiner Länge auch etwas langweilig – das gab Schimpfe aus der nördlichen Hauptstadt, und natürlich zu Recht. Ich hatte seither etwas Angst davor, das lange Album wieder in den Player zu legen und tue das tatsächlich erst heute wieder (ca. 2 Jahre her, so lang hab ich die Doppel-CD laut Discogs in der Sammlung, wobei ich dort nicht immer laufend alles nachtrage – die Suche hilft nicht, finde nur einen Treffer von @redbeansandrise von 2015, da hatte ich die Doppel-CD noch nicht … von wo kamen wir da zurück? Ach ja: Paris, nach der Woche in Brüssel, wo wir Rhoda Scott gehört hatten; an die Tattoo-Ausstellung im Musée Quai Branly, die wir am Tag der Heimreise noch sahen, hab ich übrigens die letzte Zeit einige Male gedacht) – und das Fazit ist definitiv ein anderes. Zwei Stunden Musik ist natürlich eine Ansage, aber mit dem geschärften Gehör der letzten zehn Wochen gefällt mir das heute sehr gut.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba