Startseite › Foren › Über Bands, Solokünstler und Genres › Unbekannt oder vergessen: Geheimtipps › Obskuritäten, Kuriositäten, Raritäten › Antwort auf: Obskuritäten, Kuriositäten, Raritäten
Noch etwas anderes, das ich aus den Tiefen meines Plattenschranks gezogen habe. Fast schon zwangsläufig aus einer Phase meines Lebens, in der vieles musikalisch in Bewegung geriet, vieles aus den obskursten Winkeln an die Oberfläche gespült wurde und ich mich neugierig auf vieles einließ.


MX-80 Sound – Crowd Control (1981)
Die Band MX-80 Sound wurde Mitte der 70er gegründet. 1977 veröffentlichten sie ihr Debut auf Island Records, was aber floppte. Danach kamen sie bei Ralph Records unter. Ralph Records? Das war das Label der San Franciscoer Künstlergruppe The Residents, das neben deren eigenen Alben auch allerlei andere kuriose Musik veröffentlichte. Was haben The Residents ansonsten mit MX-80 Sound gemein? Fast nichts, außer dass sie konsequent Musik am Mainstream vorbei machten und daher auch niemals in diesem ankamen. Hier (Residents) konzeptioneller Artpop, dort (MX-80 Sound) … ja, wie soll ich es nennen? „Noise Rock“? „Art Metal“? „Jazz Metal“? „Post Metal Art Band“ habe ich irgendwo gelesen. Das trifft es ganz gut.
Crowd Control ist das dritte Album der Band. Die beiden vorherigen kenne ich nur oberflächlich. Die hören sich für mich wie eine Mischung aus rumpeligen Hard Rock und Punk an und sind für mich nicht besonders interessant. Crowd Control wird gerne mal als geglättete Version von MX-80 Sound bezeichnet. Ich selbst höre da hingegen eine deutlich raffiniertere Musik, komplexere Kompositionen und eine größere stilistische Bandbreite, die den Reiz des Albums für mich ausmachen.
Auf Crowd Control dominiert der kalte metallische Gitarrensound von Bruce Anderson und Rich Stim, meist dicht und massiv bis zum wall of sounds. Keine Angst vor Dissonanzen. Oft treibende drums, manchmal ein nervöser Jazzrhythmus. Manchmal dramatische Breaks, Wendungen und Höhepunkte. Dazwischen mit Obsessive Devotion ein fast schon romantisches, psychedelisches Stück, ein paar halsbrecherische Headbanger und zum Abschluss eine filigrane Ballade mit einem einsamen Saxophon (Promise Of Love). Teils rein instrumental, teils mit dem lakonischen Sprechgesang von Rich Stim, der in krassem Kontrast zu diesem Gitarreninferno steht. Eigenartig surreale lyrics: „He’s got fingers for eyes and eyes for hands / He’ll read you like a book, page by page“ (Cover To Cover). Am eigenartigsten ist aber das dramatische Stück Theme From Sisters, die einzige Fremdkomposition auf CC von einem Bernard Herrmann. Wer war das nochmal? Genau: Der Komponist vieler Filmusiken für Alfred Hitchcock (z.B. Psycho). Sisters stammt aber aus einem Horrorfilm von Brian de Palma.
Ein Album voller innerer Gegensätze, dass die am weitesten voneinander entfernten Pole des gleichen Spektrums bis zum Zerreißen auslotet und auf die Spitze treibt und/aber dabei völlig stimmig wirkt. Diese Gegensätze und Extreme muss man aushalten. Das macht CC nicht einfach und ich schwanke manchmal auch zwischen Überforderung und Faszination und frage mich, wie MX-80 Sounds kalter Metal einerseits und ihre arty Raffinesse andererseits überhaupt zusammengehen. Aber ich glaube, genau das ist der Reiz daran.
Ich habe damals auch das eigenartige Cover mit diesem Signet (ein Radar?) und das unterkühlte Bandfoto geliebt. Der Name MX-80 Sound hat übrigens keine Bedeutung, sondern wurde gewählt, weil er sich gut anhört und gut aussieht.
MX-80 Sound haben danach noch viele Jahre auf kleiner Flamme weitergemacht. Über den Status von „obskur, kurios, rar“ sind sie aber nie hinausgekommen. Irgendwie unvermeidbar, irgendwie schade.
Bezugsquelle auf bandcamp: MX-80 Sound – Crowd Control
--
“There are legends of people born with the gift of making music so true it can pierce the veil between life and death. Conjuring spirits from the past and the future. This gift can bring healing—but it can also attract demons.” (From the movie Sinners by Ryan Coogler)