Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

#12585083  | PERMALINK

gypsy-tail-wind
Moderator
Biomasse

Registriert seit: 25.01.2010

Beiträge: 69,788

Tony Williams Trio – Young at Heart | Ein Album, das ich total gerne mag – irgendwie äusserst sympathisch finde. Tony Williams hat inzwischen einige Piano-Trio-Alben gemacht, aber noch keins mit seiner eigenen Band. Und das holt er im September 1996 im Studio in Tokyo nach. Dabei kommt bei dieser Co-Produktion von Sony in Japan und Columbia in den USA zum allerersten Mal ein neues Aufnahmeverfahren von Sony zum Einsatz, DSD (Direct Stream Digital), das laut den Liner Notes „enhanced dynamic range and frequency response“ bietet. Der Sound ist warm und kompakt, das Klavier von Mulgrew Miller klingt sehr toll, der Bass von Ira Coleman oft mehr gefühlt als gehört, die Drums sehr nuanciert und viel subtiler als jüngst auf dem Garage-Sound von Geri Allens „Twenty One“. Das Programm vermittelt den Eindruck, als wolle Williams sich in die Jazzgeschichte einschreiben, diese fortschreiben. Miller bringt den Opener „Promethean“ und „Farewell to Dogma“ mit, von Williams gibt es „Neptune: Fear Not“, der Rest ist mehrheitlich klassisches Material, oft mit Bill Evans verbunden, den man in Millers Spiel hier tatsächlich manchmal durchschimmern hört (ich erwarte da eher Tyner, aber Miller hat hier manchmal sogar den altmodischen „glow“ von Teddy Wilson drauf, den Tyner auch hatte): „On Green Dolphin Street“, „How My Heart Sings“, „You and the Night and the Music“ (toll schon vom Bass-Intro an, Coleman kriegt hier auch gleich das Thema, Miller übernimmt zwischendurch rasch für ein paar Takte), „Body and Soul“ (Miller scheint da und dort eigene Voicings zu finden, das ist sehr schön), das Titelstück von Johnny Richards in einer wunderbaren Version an zweiter Stelle, Lennon/McCartney mit „Fool on the Hill“, Legrand und die Bergmans mit dem von Miller allein gespielten Closer „Summer Me, Winter Me“, und direkt davor Bobby Timmons mit „This Here“. Das Trio wirkt sehr spontan, klingt ganz anders als im druckvollen Williams Quintet (Miller war schon Mitte der Achtziger dabei, Coleman erstmals 1989 bei „Native Heart“ neben Robert Hurst, 1991 und 1992 bei „The Story of Neptune“ und „Tokyo Live“ sind dann Miller/Coleman/Williams hinter Wallace Roney und Billy Pierce zu hören, die schon seit 1986 zum Quintett von Williams gehörten). Gerade, weil die drei nicht ständig forcieren, verschieben sich die Rollen: Miller klingt so entspannt wie selten, und das tut ihm richtig gut – auch wenn er beschleunigt und verdichtet, schraubt er nicht immer den Druck hoch. Williams wirkt oft geradezu verspielt, und für Coleman öffnen sich auch immer wieder Räume. Das langjährige Zusammenspiel führt zu einer Vertrautheit, die fast telepathisch wirkt, zum Beispiel im langen „On Green Dolphin Street“, wo mittendrin ein Bass-Solo quasi aus dem Trialog heraus entsteht. Kein grosses Album, aber ein sehr charmantes voller schöner Überraschungen – und eins, das in Williams‘ Diskographie definitiv fehlen würde, wenn es nicht da wäre.

--

"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba