Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Tommy Flanagan Trio – Sea Changes | Klassizismus jenseits der Retro-Strömungen der Zeit – auch wenn Peter Washington und Lewis Nash, die beiden Begleiter, durchaus Berührungen mit dieser anderen Welt hatten. Wie der Drummer schon im Opener, dem Titelstück von Flanagan, zwischen Swing und Shuffle hin und herspringt und dabei noch viel eindeutiger hip-hop-informiert ist als Johnson bei Ibrahim, ist sehr toll. Washington kriegt hier auch gleich sein erstes Solo – und die sechseinhalb Minuten des Stückes öffnen mit der grössten Gelassenheit eine ganze Welt. Ich höre das vielleicht auch irgendwie als Partner-Album zum schon im Februar 1993 eingespielten „Upon Reflection“ von Hank Jones (mit zwei Veteranen allerdings, Bruder Elvin am Schlagzeug und George Mraz am Bass), in der zeitlosen Eleganz und der Fähigkeit, mühelos in der Zeit zu sein und dennoch auch ganz bei sich zu bleiben. Ich kenne zwei Trio-Alben von Flanagan aus der zweiten Hälfte der Neunziger, die für mich seine vielgerühmten Enja-Alben in den Schatten stellen (ich hab sie die letzte Zeit nicht direkt gegengehört, aber die Enja-Strecke ist ja noch nicht so lang her). Todd Barkan und Satoshi Hirano (Alfa Jazz) haben das Album gemeinsam produziert, und bei Flanagan hat man den Vorteil, dass das Einbeziehen von Standards kein Zugeständnis für den (japanischen) Markt bedeutet. Allerdings gibt es zuerst drei weitere Originals, die nächsten zwei vom Album, auf den der Titel anspielt („Overseas“): „Verdandi“ und „Delarna“, dann „Eclypso“, inzwischen fast selbst ein Klassiker, wieder mit tollem Bass-Solo und dann einem Dialog von Flangan und Nash. „How Deep Is the Ocean“, „C. C. Rider“ und „Between the Devil and the Deep Blue Sea“ bilden dann den ersten Standards-Block, bevor es mit „Beat’s Up“ nochmal ein Flanagan-Stück gibt (auch auf „Overseas“). „I Cover the Waterfront“, „Relaxin‘ at Camarillo“ und eine feine Solo-Version von „Dear Old Stockholm“ (die letzten beiden erneut Wiederaufnahmen von „Overseas“) bilden zum Abschluss den zweiten Standards-Block. Das ist ein relativ traditionelles Trio, aber die Begleiter sind sehr präsent, Washington setzt auch in der Begleitung immer wieder einen Gegenpunkt zum Klavier und Nash ist superb, auch mit den Besen (das Solo in „Verdandi“!). Beim Leader ist der wahnsinnig schöne Ton zu bewundern, die elegante Phrasierung, der Swing, der Ideenreichtum. Jim Anderson hat die Aufnahme am 11. und 12. März 1996 im Clinton Recording Studio gemacht.

PS: Um das Peterson-Album mit Rosewoman werde ich mich kümmern, danke! Ich kenne inzwischen fünf seiner Blue Note/Somethin‘ Else Alben und finde die alle gut bis super!

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba