Antwort auf: Ich höre gerade … Jazz!

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friedrich

Registriert seit: 28.06.2008

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Totales Kontrastprogramm zu Charlie Shavers:

Kieran Hebden / Steve Reid – NYC (2008)

Ich dachte: Wenn ich diese Musik jemanden, der oder die überhaupt nicht auf sowas vorbereitet ist, vorspielen würde, müsste ich damit rechnen, dass man mir mit höflicher aber skeptischer Miene sagt „Das ist aber ganz schön heftig. Nicht jedermanns Sache.“ Und ich würde erwidern “Ja, genau!“

Indo-britischer Elektroniktüftler (aka Four Tet, Jahrgang 1977) trifft Afro-amerikanische Jazzdrummer-Legende (Jahrgang 1944, hat u.a. für/mit Motown, Horace Silver, Fela Kuti und Sun Ra gearbeitet).

Das ist ein meist extrem dichtes Rhythmuspaket. Blubbernde und piepsende Synths, ansteigende Klangflächen, die sich fast so anhören wie ein startendes Düsenflugzeug, und dazwischen, in den engen Zwischenräumen, wo noch Platz ist, Steve Reids kraftvolles Getrommel, bzw. umgekehrt, denn hier dominieren weder Hebden noch Reid, sondern beide liefern sich einen offenen Schlagabtausch auf Augen- bzw. Ohrenhöhe. Fast immer wird das Gaspedal voll durchgetreten, nur gelegentlich klingt das mal lockerer und transparenter wie beim letzten Stück Departure.

Afrobeat und James Brown, da wo sich bei ihm Songstrukturen und Melodien auflösen und alles nur noch Rhythmus ist, standen da sicher Pate. Vielleicht auch Ornette Coleman, das ist eine „all over music“, wo sich Vor- und Hintergrund auflösen. Und sicher auch Electronica wie Drum’n’Bass. Aber mehr improvisiert – ja – auch organischer und vor allem auf die Spitze getrieben. Analoge Vergangenheit und digitale Zukunft prallen im Reaktor mit Hochdruck aufeinander, Atomkerne und Elektronenhüllen zersplittern, wirbeln durcheinander und fusionieren unter Hitzeentwicklung zu komplexeren Molekülen.

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“There are legends of people born with the gift of making music so true it can pierce the veil between life and death. Conjuring spirits from the past and the future. This gift can bring healing—but it can also attract demons.”                                                                                                                                          (From the movie Sinners by Ryan Coogler)