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Hilton Ruiz Trio – New York Hilton | Auch ich kenne das erste Album von Ruiz nicht, aber dieses hier ist schon lange im Regal und ich mochte es immer recht gerne … Ruiz zum ersten Mal gehört habe ich tatsächlich in so einem typischen 90er-Ding, Nuyorican Soul (Eddie Palmieri, Tito Puente, George Benson oder Roy Ayers tauchen da auch auf), in engerem Jazzkontext dann bei Roland Kirk wieder („Dog Years in the Fourth Ring“). Ruiz bringt ein paar Originals mit, aber auch verschüttete ältere Stücke, von denen „Vierd Lullaby“ von Babs Gonzales besonders schön gelungen ist. „Libertad Ahorra“ von Kiane Zawadi ist der andere, auf der CD als Bonus als drittes noch „Stepping Into Beauty“ von Kirk. Nach dem Debut mit den prominenten Sidemen sind hier Ruiz‘ homies dabei, von denen Bassist Hakan Jami schon ein paar andere Credits gesammelt hatte, während für Drummer Steve Solder aktuelle Tourentätigkeit mit The Drifters erwähnt wird. Die Aufnahme entstand am 8. Februar 1977 bei C.I. Recording in New York, als das Album ein Jahr später erschien, konnte man in den Liner Notes auch lesen, wie Ruiz ähnlich dem elf Jahre älteren Chick Corea via „traditional Latin music“ zum Jazz gefunden habe, im puertoricanisch geprägten Teil von Spanish Harlem aufgewachsen sei, mit fünf angefangen habe, zu einem Ellington-Cartoon am Fernseher am Klavier rumzuspielen, dann einen Job als Organist einer Kirche in New Jersey hatte, mit Latin-Tanzbands spielte, bevor er sich dem Jazz zuwandte und beschloss, bei Mary Lou Williams zu lernen (ihr ist der Opener „Blues or May Lou“ gewidmet), mit den Big Bands von Frank Foster und Cal Massey spielte, mit Jackie McLean, Archie Shepp, Charles Mingus und eben: Roland Kirk. Die Latin-Wurzeln schimmern überall durch, sehr prominent in Ruiz‘ „Midtown Madness“, dem kurzen Stück, mit dem die erste Hälfte des Albums endet. Mit dem Waller-Stück „African Ripples“ beginnt Teil 2, und wie Ruiz hier Stride und Latin vermählt, ist wirklich toll – bei der Frage von @vorgarten, warum das nicht im Trio ging, bin ich eher vorsichtig, denn die letzten Tage liefen ein paar Rag-Nummern in neuem Gewand und da ist die Rolle der Rhythmiker arg begrenzt (wie schon bei legitimen Rag-Pianisten, etwa Ralph Sutton) … im eigentlichen Rag braucht es eigentlich halt einfach nur ein Klavier und der Beat muss extrem stabil sein, damit das funktioniert. Bei Ruiz nun ist der Beat über längere Strecken gerade völlig aufgelöst, und ich denke diese Freiheit geht gerade in Verbindung mit den Rag-Passagen halt auch mit Abstand solo am besten. Der Übergang danach in den eigenwilligen Groove mit „The Sidewinder“-Anleihen von „Libertad Ahorra“ (woher das zweite „r“ kommt, weiss ich nicht – ein blöder Schreibfehler, der kleben blieb?) ist sehr toll, und da rifft Ruiz dann wirklich wie sein Vorbild, das hat Groove und Wucht und dennoch irgendwie Klage-Charakter. Mit dem abschliessenden Titelstück findet das Trio dann nochmal einen klassischen Jazz-Flow, in dem ich neben Corea auch Tyner höre. Ruiz findet Verdichtungen, die nahe legen, dass er auch die Free-Leute im Auge hatte, bleibt aber immer bei sich – das gefällt mir sehr gut. Auf der CD folgt dann noch das Kirk-Stück, eine Ballade, die das Album sehr gut verträgt. Gefällt mir insgesamt wirklich gut.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba