Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Ahmad Jamal – Freeflight / Outertimeinnerspace | Montreux im 17. Juni 1971 – und Jamal spricht nicht nur (wie Hawes schon mehrfach, zunächst im Stil von „gehört sich nicht“, er wolle nur Holz, dann milder und schliesslich auch mal „E-Piano stand bereit, aber genutzt hab ich’s dann doch nicht) vom Fender Rhodes sonder spielt es auch, und zwar in „Effendi“, dem Opener, den er von McCoy Tyner geborgt hat. Ein kurze Version von Hancocks „Dolphin Dance“ folgt, bevor es mit „Manhattan Reflection“ ein Original und mit „Poinciana“ zum Abschluss ein Evergreen der eigenen Karriere gibt. Claude Nobs spricht zu Beginn zwar von „ungefähr einer Stunde“, aber die Band war ins Rollen geraten und das Publikum hatte wohl auch keine Einwände, es gibt also Nachschlag, und nach den drei zehn- und elfminütigen Stücken (plus eben „Dolphin Dance“, das nicht ganz fünf dauert) gibt es auf dem zweiten Album noch zwei seitenfüllende Tracks, „Bogota“ (Richard Evans) mit knapp 16 und „Extensions“ (Jamal) mit fast 20 Minuten. Da das Label zwischen den Alben gerade auch covertechnisch eine Grenze überschritt, gab’s fürs zweite Album direkt ein paar Wölkchen … ich vermute allerdings eher, dass die Designer high waren als das Trio, das sehr gut aufgelegt wirkt, aber auch mit Hochdruck zur Sache geht – auch im Hancock-Stück, das eigentlich gar nicht zu erkennen ist, erst nach zwei Minuten taucht etwas unmotiviert und unschön gespielt die Melodie auf. Jamal verwurstet das Mood-Piece in eine schweisstreibende Hochleistungsperformance. Dass die Alben der Abfolge des Konzerts entsprechen glaube ich nicht, da ist zu viel Applaus an seltsamen Orten zwischendurch und es gibt auch die eine oder andere Zwischenansage an den Übergängen zwischen den Stücken, wie es sie eher gegen Ende eines Sets gibt (vielleicht war „Dolphin Dance“ die kurze Zugabe nach dem schon fast 70 Minuten lange Set?), und die Hauptansage wurde fürs zweite Album einfach nochmal verwendet und mit der zu „Bogota“ gehörenden Jamal-Ansage montiert. „Poinciana“ ist für meine Ohren wieder mal ein Highlight – hier funktioniert die Dramaturgie und Jamil Nasser ist am Bass wirklich super – Frank Gant war aber vielleicht doch etwas high, wenn man sich sein elendes Becken auf Zwei und Vier anhört. Das gehört wie die Rim-Shots von Bobby Durham in die Kiste des Vergessens gesperrt. Ich finde das einen tollen Trip und kann mir vorstellen, wie einen das im Saal damals weggetragen hat … aber bei den Jamal-Favoriten kann es dann doch nicht ganz vorn mitspielen.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba