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Siegfried Kessler, Barre Phillips, Steve McCall – Live at the „Gill’s Club“ | Letzte Runde aus dem Jahr 1969, live im Gill’s Club in Paris am 26. und 27. Dezember 1969 für eins der Label von Gérard Terronès. Der 1935 in Saarbrücken geborene Pianist trat mit den unwesentlich älteren Amerikanern Barre Phillips am Kontrabass und Steve McCall am Schlagzeug auf. Für das CD-Reissue wurden nicht nur fast 10 Minuten von „LB“ wiederhergestellt („long & improvised version“ steht dazu, 22:25 Minuten statt 12:40) sondern auch noch ein knapp 13minütiges „Milestone“ (Miles Davis) ergänzt. Die fünf Stücke der LP von 1970 stammen bis auf den Opener „Elyane“ alle von Phillips. Der Opener beginnt maximal frei mit Tupfern des Klavier, einzelnen Becken- und Trommelschlägen, einem frei gestrichenen Bass, der ständig ins Falsett wechselt. Erst nach vier, fünf Minuten schält sich in der linken Hand und den Drums allmählich ein Groove heraus – und nach über sechs Minuten dann plötzlich ein kleines Thema, das im Bass zwischen zwei Akkorden wechselt und halbe Flamenco-Anklänge kriegt. Das Stück entwickelt über fast 18 Minuten einen grossen, tollen Bogen. „Journal Violone“, „Spikenard“ und „Silver Cloud“ heissen die drei kürzeren Phillips-Stücke, die folgen. Das erste hier als eine Art Free-Ballade, natürlich mit Phillips im Zentrum. Das Klavier gesellt sich mit einfachen Melodiefetzen dazu, die Drums punktieren ein wenig. Im zweiten ist das Tempo schnell, die Räume vm „Journal“ werden wieder verdichet. Im dritten tänzeln Bass und Drums einen Walzer und das Klavier setzt sich dazwischen, stört mal, macht dann wieder mit. Das Riff wird bald punktiert, das Klavier schiebt Arpeggien herum – aber eigentlich bleibt der Bass auch hier die ganze Zeit im Lead. In „LB“ findet das Trio dann schon nach kurzem freien Intro einen raschen Puls, wobei der Bass und die Drums nie zusammen zu sein scheinen sondern irgendwie parallel ihre Wege gehen, während das Klavier dazu grummelt und kleine Melodien oder Akkorde einstreut. Phillips spielt zwischen schnellen Passagen auch mal double stops und McCall überrollt bald alles mit seinen Attacken. Nach ein paar Minuten beruhigt sich das Geschehen, der Puls löst sich auf, Phillips greift zum Bogen. Nach einigen Minuten findet der Bass ein neues Riff, das vielleicht ein wenig arabisch klingt. Die Drums gesellen sich jetzt passend dazu, das Klavier rifft, und so findet das Stück dann nach 22 Minuten sein Ende (keine Ahnung, welcher Teil weggekürzt wurde für die LP, vermutlich eher der erste). Dann noch „Milestones“, Phillips lässt den Bass ausklingen, Kessler deutet das Thema bruchstückhaft an, McCall spielt einen Puls, der mehrere Tempi gleichzeitig andeutet. Ziemlich toll, wie das läuft – bis es recht unvermittelt zu einem Ende kommt, und damit auch die 73 Minuten Musik auf der CD. Gefällt mir sehr gut, auch von der Stimmung her, die an diesen Abenden herrschte.
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