Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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Martial Solal „Trio“ | Am 7. und 8. April 1965 nimmt Martial Solal in Paris für die frz. Columbia mit Gilbert Rovère und Charles Bellonzi ein kurzes Album auf, das mit einer Jazz-Version eines Johann Strauss II-Evergreens beginnt, „Le Beau Danube bleu“ heisst das Stück hier. Seltsam ist der Sound, denn besonders die linke Hand klingt fast wie ein Rhodes – ich bin da echt unsicher, ob er ev. beides spielt, finde aber keine Hinweise darauf, dass das Fall sein könnte. Auf dem Closer, „Four Brothers“, spielt Solal dann eins dieser krassen alten Industrie-Cembalos, wie sie damals auch in der Klassik noch weit verbreitet waren.

Das ist hypervirtuose Musik, die stellenweise eine Wucht entwickelt, die alles mitreisst, aber dennoch irgendwie transparent wirkt, dick und doch agil und blitzschnell. Sieben Stücke und 34 Minuten, alles recht kompakt, neben Originals („A San Francisco sans Francis“, „8 Avril“, „Jazz Frit“), Giuffres Closer und dem Wiener-Walzer zum Einstieg gibt es „On Green Dolphin Street“ und „My Old Flame“. Solal channelt natürlich Tatum, aber auch irgendwie Garner, hat aber längst seine eigene Sprache gefunden – er ist im April 1964 ja auch bereits 36 Jahre alt und schon ziemlich lange im Geschäft. Das Trio agiert stellenweise sehr frei, es gibt auch mal anziehende Tempi, einen sehr agilen Bass, der irgendwo zwischen Scott LaFaro und Pierre Michelot unterwegs zu sein scheint, mit dunklem, grossem Ton aber doch sehr schnell und agil. Es gibt Passagen, die fast klassisch wirken – was auch für das Klavier-Solo-Stück „8 Avril“ gilt. Manches wirkt im Zusammenspiel einigermassen ausgearbeitet, vieles aber sehr spontan. In „Green Dolphin Street“ variiert Bellonzi die Stimmung seiner Trommeln. Das ist so verdichtet, dass vier, fünf Minuten sich lange anfühlen – und dann ist das Album eben doch im Nu vorbei und ich will es gleich nochmal anhören.

Das Album lief gestern schon zweimal und jetzt wieder, haut ziemlich rein – ich habe es neu in der japanischen CD-Ausgabe unten rechts, die noch „Sous le ciel de Paris“ vom Album „Concert à Gaveau Vol. 2“ als Bonustrack beigibt. Das unten links ist die Zweitauflage von 1966.

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