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Paul Bley – The Complete Footloose | Wir hatten es schon von diesen Sessions – August 1962 und September 1963 für Savoy mit Steve Swallow und Pete LaRoca. Evans-Vergleiche braucht es bei Paul Bley zu dem Zeitpunkt definitiv nicht mehr – und eigentlich ja eh gar nie. Das ist schon im Opener ganz andere Musik, freier, impressionistisch aber zugleich in alle Richtungen offen und besonders dank LaRocas Drums auch irgendwie lärmig, direkt, dreckig … fünf Stücke entstanden im August: drei von Carla Bley – „Floater“*/**, „Around Again“*/**, „Stereophrenic“** –, und zwei von Ornette Coleman: „When Will the Blues Leave“*/** und „The Circle with the Hole in the Middle“**; „These Foolish Things“ und „Turns“ von diesem Termin bleiben unveröffentlicht. Ein Jahr später dann neun Stücke, zehn Takes: „Ballad No. 1″***, „Ballad No. 2″***, „Ballad No. 4″**, „Cousins“*/*** und „Turns“*/** von Paul Bley sowie vier weitere von Carla: „Syndrome“*/***, „King Korn“* in zwei Takes (beide Takes***), „Vashkar“*/*** und ein Re-Take von „Around Again“***.
Der Geist, der hier weht, ist ein anderer. Der Bass spielt im Schlagzeugsolo mit, das Klavier mischt sich ein, setzt auch mal (in Ornettes „Blues“) zu früh ein, doch das macht nichts, denn hier kann es quasi gar keine Fehler geben, alles ist möglich. Zum Beispiel zwei bis drei unterschiedliche Tempi, in Formen oder Metren oder Melodien rein- und wieder rausfallen – die drei reagieren alle blitzschnell, lassen sich aber auch Räume frei. Das ist eine andere Freiheit als die lyrische (sorry, ich weiss kein bessereres Wort, „impressionistisch“ taugt ja auch nicht mehr, zudem ist die impressionistischste Klaviermusik, die von Debussy, ein Kraftakt – das muss man live hören/sehen!) bei den paar freien Stücken von Friedman. Bley hat noch mehr inneren Drive, auch Swallow und LaRoca agieren in der Regel zupackender – und besonders das Material von Carla Bley, das kürzelhaft und einfach ist, aber auch harmonisch reich und eigenwillig, ist ein perfekter Ausgangspunkt. Impressionistisch sind dann vielleicht die drei Balladen von Bley (wohin ist Nr. 3 verschwunden?). Paul Haines schrieb für die Platte von 1964 die Liner Notes, und die beginnen mit einem trefflichen Satz: „Bley rids the studio of musical impediments by playing everything all over again for the first time.“




*) zuerst auf „Footloose“, Savoy MG 12182, 1964
**) zuerst (oder bei */** wieder) „Floater“, Savoy SJL 1148, 1984
***) zuerst (oder bei */*** wieder) auf „Syndrome“, Savoy SJL 1175, 1986 („Circle with the Hole…“ zuerst 1979 auf „New Music: Second Wave“, Savoy SJL 2235, 2 LP; dort sind auch erstmals drei Stücke der Session mit John Gilmore zu finden [die natürlich genau so eine verworrene VÖ-Geschichte hat], sowie die zweite Version von „Around Again“)
-> es ist schwierig … mit den LPs/MCs von 1984 und 1986 hat man alles; die vollständigen CD-Reissues sind alt und teuer oder schrottig, das an sich in dem Fall höchst willkommene von ezz-thetics/Hat Hut „vergisst“ leider die zweite Version von „Around Again“ und den Alternate Take von „King Korn“.
Von der Musik her passt es absolut, dass es von der Savoy-LP von 1964 ein halbes Jahrzehnt später ein Reissue bei BYG in Frankreich gab – mit einem tollen Coverfoto (Giuseppe Pino; Bley ist da wohl ein paar Jahre älter):

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