Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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The Don Friedman Trio – A Day in the City: Six Variations on a Theme | Bill Evans war hier – und doch muss es irgendwie weitergehen. Mit Chuck Israels und Joe Hunt legt Don Friedman als Debut eine Art Konzeptalbum vor, sechs Meditationen über einen Tag in seiner Wahlheimat, vom Morgengrauen bis zur Nacht. Friedman wurde 1935 in San Francisco geboren, spielte an der Westküste mit Leuten wie Chet Baker oder Buddy DeFranco, nach dem Umzug nach New York u.a. mit der Gruppe von Donald Byrd und Pepper Adams (wohl vor Duke Pearson, der dann von Herbie Hancock abgelöst wurde), mit Harry Edisons Gruppe, zu der auch Jimmy Forrest und Elvin Jones gehörten, und für ein Jahr mit der Band von John Handy. Dazu jobbte er als Begleiter von Dick Haymes, spielte „cocktail, dance, and society jobs“ und hatte eine „warm association with the late bassist Scott LaFaro“ (Joe Goldberg in den Liner Notes, woher ich diese Infos beziehe). In New York lernte Friedman privat bei einem David Simon (wer ist das?) und der gab ihm Kompositionsaufträge. Aus Variationen über „The Minstrel Boy“ entstand das „Theme in the City“, das dem Debutalbum zugrunde liegt, das am 12. Juni 1961 aufgenommen wurde – ein paar Tage vor den Live-Aufnahmen des Evans Trios im Village Vanguard also. In den Linien und dem Drive von Friedman höre ich eine Ähnlichkeit mit dem frühen Evans (bis 1958 oder so), Elemente aus Lennie Tristanos Musik, die hier aber in viel wärmere und zugleich perkussivere Musik transformiert werden (was auch ein Unterschied zum frühen Evans ist, und irgendwie auch zu Bley, der auch nicht so warm klingt). Friedmans Musik, so Goldberg, erinnere ihn am ehesten an Prokofiev, auch wenn der Pianist Bartók, Schönberg und Webern als die Komponisten nenne, deren Musik er am häufigsten höre. Das spannt ein weites Feld: von Bartók zu Evans, von Prokofiev zur zweiten Wiener Schule. Und klar, Powell und Tatum werden dann auch noch genannt, und Evans sei „a friend of long standing“, der einzige Einfluss, den Friedman eingestehe. Chuck Israels übernahm wenig später die undankbare Rolle, bei Evans den unersetzlichen Scott LaFaro abzulösen, auch Joe Hunt spielte mit Evans (zumindest von 1967 ist eine Live-Aufnahme mit Eddie Gomez dokumentiert) – aber damals waren sie vor allem das Rhythmusgespann von George Russell, zu hören auf gleich fünf Klassikern aus den Jahren 1960 und 1961 (Hunt war auch 1962 noch dabei, als Steve Swallow am Bass auftauchte – Hunt zog später mit Gary Burton zu Stan Getz weiter, wo Swallow erst in einem späteren Line-Up mit Burton und Roy Haynes auch wieder aufkreuzen sollte … faszinierend, wen Getz alles bei sich hatte in den Sechzigern, da tauchen ja auch Chick Corea, Stanley Cowell, Miroslav Vitous und Jack DeJohnette auf). Ob das denn überhaupt Jazz sei, was Friedman hier mache, fragt Goldberg – und es gibt kurze Passagen, in denen man sich das vielleicht wirklich fragen könnte – aber mit Goldberg und gegen Friedman ist die Antwort doch ein klares: ja! Und das ist ziemlich toller Jazz, klingt frisch und ungewohnt, findet eigene harmonische Wege, hat eine leichte und doch stark pulsierende rhythmische Grundlage und ist im Fluss von Ideen gekonnt zurückhaltend. Auch wenn Friedman mal loslegt, wirkt hier nichts überfrachtet, kein Moment gehetzt. Ein starker Start.

The Chris Anderson Trio – Inverted Image | Die hypothetische Gegenwelt blickt auch noch einmal vorbei, das „was wäre wenn“ nicht Evans sondern Anderson den Gang des Jazzpianos ab 1960 massgeblich geprägt hätte. Friedmans Klangwelt dünkt mich stellenweise der von Anderson fast näher als der von Evans, auch wenn die Eigenheiten von Anderson schon deutlich spezieller sind. Vee Jay hatte die Chance ja vertan, Anderson vorzustellen, daher musste Jazzland (das Sublabel von Riverside) übernehmen. Keepnews lässt Anderson mit dem snappy Groove seines eigenen Titelstückes in der Jazzszene aufkreuzen. Wie der grössere Teil der acht Stücke ein Remake vom November 1961 mit Bill Lee und Walter Perkins, nachdem Anderson mit dem Resultat des ersten Anlaufs im Juni mit Lee und Philly Joe Jones unzufrieden war. Drei Stücke, „See You Saturday“ (Anderson/Lee), „I Hear a Rhapsody“ und „You’d Be So Nice to Come Home To“, die zwei Standards am Ende des Albums, stammen vom Juni, der Rest vom zweiten Anlauf. Von Bill Lee stammt die tolle Ballade „Only One“, ansonsten sind neben dem Titelstück auch im November Standards aufgenommen worden: „Lullaby of the Leaves“, „My Funny Valentine“ und „Dancing in the Dark“. Anderson eignet sich das Material an, Lee geht mit ihm durch alle Moves, während Perkins leichter und zugleich beweglicher klingt als Art Taylor – und Philly Joe Jones seinen typischen Drive beisteuert, einen tiefenentspannt mitreissenden Swing, der im catchy „See You Saturday“ wunderbar zur Geltung kommt. Ich finde das erste Album unterm Strich eine Spur spezieller, der Zweitling wirkt dafür solider und ausgeglichener.

Bei Riverside hatte man via Johnny Griffin, Wilbur Ware und andere Musiker aus Chicago vom Pianisten gehört. Leider ist aus dieser Legende keine Erfolgsgeschichte wie aus der Detroiter Legende Barry Harris geworden – umso schöner, die beiden Alben von 1960 und 1961 zu haben, die einen sehr besonderen Musiker vorstellen. Die Rhythmusgruppe vom November hatte, so Peter Drew in den Liner Notes, am Tag der Session schon stundelang mit einer Sängerin oder einem Sänger aufgenommen – ich habe leider keine Ahnung, wer das sein könnte, scheint nicht veröffentlicht worden zu sein – er spielte damals jedenfalls mit Dinah Washington, fiel aber auch wegen Unfällen/Verletzungen immer wieder aus, denn Anderson war nicht nur blind sondern litt auch an der Glasknochenkrankheit. Dasselbe Trio mit Lee und Perkins wirkte bereits im September bei den Aufnahmen für „A Long Night“ von Frank Strozier mit. Und auch 1961 kam wohl zum ersten Mal bei Savoy die LP mit den Live-Aufnahmen von Charlie Parker aus Chicago heraus – die mit dem Space-Gitarristen aus der Zukunft (George Freeman) und Anderson am Klavier.

Dass Evans‘ Nachfolger und Konkurrenten bei Evans‘ Label Riverside präsenter waren als anderswo, ist interessant – mit der nennenswerten Ausnahme von Paul Bley, der gerade in andere Richtungen driftete: George Russell (mit Evans, gegen Evans), Mingus, Jimmy Giuffre 3 … und daraus dann irgendwie der Impuls zu den grossartigen eigenen Trio-Sessions, mit denen es 1962 los gehen sollte).

Steve Kuhn, Scott LaFaro, Pete La Roca – 1960 | Schon Ende 1960 nahm Steve Kuhn im Studio von Peter Ind eine Session mit Scott LaFaro und Pete La Roca auf, die wohl erst 2005 in Japan auf CD herauskam (und letztes Jahr auch auf LP). Genaueres weiss ich leider nicht, es gibt wohl keine englischen Liner Notes zu dieser Session und im Netz finde ich nichts ausser diesem Text zu LaFaro, der ein paar Episoden erzählt (die erste Begegnung mit Evans, eine kurze Tour mit Benny Goodman, später dass er Getz habe La Roca feuern lassen, weil der ihm nicht gepasst habe):
https://www.nepm.org/jazz-world/2017-04-02/scott-lafaro-the-short-life-of-a-master-bassist
Kuhn nahm sein eigentliches Debutalbum ca. 1963 mit einer zweiten Pianistin, Toshiko Akiyoshi auf (anscheinend war Herbie Hancock vorgesehen, schreibt Mike Fitzgerald hier), danach geht es erst 1966 oder 1967 mit einem Trio-Album weiter, auf dem erneut Pete LaRoca zu hören ist, „Three Waves“. Die halbe Stunde mit LaFaro und La Roca von 1960 wirkt unfertig, zumal bei der Dauer auch ein Alternate Take von einem der vier Stücke mitgerechnet ist, „So What“. Dennoch sehr hörenswert. Zum Einstieg gibt es „Little Old Lady“, bei dem ich vermuten würde, dass Kuhn es bei Coltrane spielte (der es dann mit Wynton Kelly für „Coltrane Jazz“ einspielte), es folgt eine schnelle Version von „Bohemia After Dark“, danach „What’s New“ im langsamen Tempo und mit grosser Wärme (noch mehr davon als bei Friedman) und bald in double time. Den Abschluss machen die erwähnten zwei Takes von „So What“, in denen Kuhn ein paar rollende Akkorde à la Evans einstreut und auch im Solo stark nach dem Kollegen klingt. LaFaro ist hier ziemlich aktiv, spielt auch beim Schlagzeugsolo eine karge Begleitung aus langen, absteigenden Tönen, bevor sein Bass-Solo zu folgt. Das alles kommt aber mit deutlich weniger Interplay daher als das Evans Trio. Dennoch höre ich eine starke Verbindung von Kuhn und LaFaro, ähnlich wie @vorgarten, der hier einen Mittelweg zwischen Bley und Evans verortet – auch da kann ich mich gut anschliessen.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba