Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Andrew Hill – So In Love | Grosser Kontrast zwischen dem deplazierten Originalcover und dem Cover des Reissues (Vinyl gab’s bei Fresh Sound davor auch noch mit dem Originalcover) mit dem ernsten junge Mann und seiner krassen Frisur. Das Aufnahmejahr 1956 (ohne weitere Angaben) beim CD-Reissue ist vielleicht Blödsinn, zumal es das Label, Warwick, erst seit 1959 gab, was denn bei seriöseren Quellen (klick) als Aufnahmejahr genannt wird – in den Liner Notes fasst ein Dick Martin allerdings die Geschichte der drei High-School-Freunde zusammen und schreibt dort uach von 1956. Krass ist irgendwie auch die Musik – natürlich nochmal Chicago, also irgendwo zwischen der fliegenden Eleganz von Ahmad Jamal, dem Funk von Ramsey Lewis und dem Pastichio von John Young … es gibt hier ständig Latin-Beats (echte und falsche, nehme ich an) und Rumpel-Grooves – schon den Opener von Cole Porter spielen die drei über einen langsamen Latin-Groove, unter dem der Bass von Malachi Favors später in Vierteltriolen walkt, während Hill die längste Zeit im langsameren Originaltempo verweilt.

Im Intro von „Chiconga“, dem ersten Original, spielen wohl alle drei Percussion, denn Drummer James Slaughter hatte so weit mir bekannt auch bloss zwei Arme. Hier kommen verhaltenes Piano und treibende Rhythmen im Wechsel zum Einsatz, das Drum-Kit wird durch Trommeln ersetzt (ist das wirklich nur ein Drummer? In den Liner Notes steht auch „Here it would seem there must have been a guest percussionist, or some almost impossible doubling – what with the use off finger-cymbals, bongos, conga drum, and conventional drums and cymbals“). „Body and Soul“ beginnt dann fast wie ein klassisches Mood-Piece (also eine nette Etüde oder sowas), bis das Thema erkennbar wird und Hill die Gestaltung verändert. Erst in Halbzeit ist das Rubato durch, die Drums geben den Beat vor, der Bass spielt im Two-Beat, Hill verdichtet zu Block-Akkorden … der hat hier schon ziemlich alles drauf, was es da in Sachen Jazz-Piano so gab.

Pasticchio gibt es auch in „Old Devil Moon“ wieder, aber nicht wie bei Young mit Richtungswechseln alle paar Sekunden sondern mit einem funky Groove-Teil nach dem Thema (über einen Latin Vamp, wie üblich), in dem Hill wie eine Mischung aus Jamal (inkl. passenden Akkord-Riffs in der Linken) und Horace Silver klingt. „Spring Is Here“ bringt wieder verschiedene Teile zusammen, was aber nie den Flow des Ganzen stört. In „Penthouse Party“, dem zweiten Hill-Stück des Albums, gibt es dann nochmal Funk mit rollenden Rhythmen und knackigen Piano-Linien über einen tollen Bass mit guten Beat und leichte Drums – wie der Closer von der Länge her Single-tauglich. Als Closer gibt’s „That’s All“ – nochmal Balladen-Piano zwischen Shearing und Jamal, gekonnt an der Kitschgrenzen entlang – von den Drums hört man hier praktisch nichts, während der Bass dem Plätscherklimperklavier mit stoischer Gelassenheit den Boden bereitet.

Ein äusserst eigenwilliger und vielversprechender Einstieg in eine der speziellsten Diskographien, die es im Jazz gibt – dunkel, stark rhythmisch, aber melodisch und harmonisch sehr fokussiert, manchmal fast reduziert … aber mit einem schönen, gut dosiert da und dort ins Schrille driftenden Piano-Sound – soweit das die dumpfe CD-Ausgabe erahnen lässt. Für mich gerade eine ziemlich überraschende Wiederentdeckung – hatte dem Album bisher allem Anschein nach nie die gebührende Aufmerksamkeit gegönnt.

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