Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Hank Jones / Wendell Marshall / Kenny Clarke – The Trio | August 1955, schon wieder Kenny Clarke, am Bass einer von Pettifords Nachfolgern bei Ellington (Jahrgang 1920 und Cousin von Jimmie Blanton) – und am Klavier Hank Jones, der älteste der drei berühmten Jones-Brüder aus Detroit. Natürlich geht das direkt zu Teddy Wilson zurück, bezieht aber auch modernen Einflüsse mit ein, und von Marshall zu Pettiford ist hier wirklich nur ein kurzer Weg, auch wenn der Ton anders ist, grösser, schwerer, etwas weniger biegsam. Im zweiten Stück, „Odd Number“, mit Clarke an den Besen, verschmelzen die drei wirklich zu einer Einheit. Wie der Opener „We’re All Together“ stammt das Stück von Jones, während sich bei „Cyrano“ der nicht komponierende Produzent Ozzie Cadena den Credit geschnappt hat. Neben Parkers „Now’s the Time“ (seit 1949 als „The Hucklebuck“ auch ein Hit auf den Tanzflächen) gibt es noch vier Standards, „We Could Make Such Beautiful Music Together“, „When Hearts Are Young“ (Walking-Ballade mit Blockakkorden – an Shearing kam damals wohl echt niemand vorbei), „There’s a Small Hotel“ (geht ähnlich los wie „Small Hotel“, nimmt dann aber einen anderen Weg) und „My Funny Valentine“.

Ein sehr schönes Programm, in dem Jones ebenso sehr mit seinem Wilson-Glow, mit reichen aber nie überladenen Voicings wie mit swingender Phrasierung und gutem Drive überzeugt. Die Rollen sind trotz Clarkes unaufdringlichem Spiel wirklich verblüffend gleichmässig verteilt, dünkt mich: der Bass und die Drums prägen den Sound aktiver als damals meist üblich, sie sind eine ständig gefühlte Präsenz, sie bestimmen die Richtung mit, warten nicht auf Hinweise oder Anweisungen eines Leaders. Gerade in Sachen Clarke im direkten Vergleich mit dem Monk-Album fällt das schon deutlich auf – und der Eindruck, dass Marshall fast so agil und präsent ist, wie Pettiford, spricht ja auch Bände (also: Pettiford gilt ja – zu recht – als eine Art Überbassist, Marshall hingegen läuft in der Regel – nicht zu recht finde ich – eher unter „ferner liefen“). Dass die Namen kleiner gedruckt werden als „The Trio“, dass vielleicht „Trio“ (Label) oder „The Trio“ (Front- und Backcover) der Band- und zugleich Albumname ist, ist also keine blosse Behauptung.

Das ist ein Album, das ich noch nicht oft gehört habe – Jones nachgekauft habe ich zu Beginn der Pandemie und ich glaube, auch das kam erst damals dazu (mein Favorit ist natürlich „Upon Reflection“, das wissen alle, die hier schon länger mitlesen … aber Top 20 schafft Jones vermutlich am Ende nicht). Das Album gibt es mit unterschiedlichen Covern, dem originalen oben, das quasi noch aus der Zeit vor dem Cover-Design stammt, dem etwas missglückten (weil eben „The Trio“!) mit dem hübschen Foto von Jones (erstmals 1985 in Frankreich, dann wieder fürs Fresh Sound-CD-Reissue) und dem der Savoy-CD von 1992, die ich habe (bei mir die Version aus Japan. Bei meiner Ausgabe ist die Reihenfolge der zweiten Hälfte der Tracks durcheinandergeraten, und der Bonustrack (ein Alternate Take von „Cyrano“), der auf der frz. LP und bei Fresh Sound (illegalerweise) zu finden ist, fehlt auch wieder.

Und die Bemerkung zu Shearing erinnert mich auch dran, das hier endlich mal zu erwähnen, lief die Tage schon vier oder fünf Male:

The George Shearing Trio – Jazz Moments | Natürlich ist das nicht hip wie Jamal, nicht dramatisch wie Jamal, nicht phänomenal wie Jamal … aber das einfach als Leichtgewicht abzutun, scheint mir auch nicht fair, denn Shearing hat einen eigenen Stil mit einem tollen Sound und hier hat er – nach früheren guten Sessions in seinem typischen Band-Sound mit Vibraphon, Gitarre und oft auch Percussion und natürlich Bass und Drums – für einmal nur Kontrabass und Schlagzeug dabei, und das in ausgezeichneter Besetzung, gutem Repertoire. Es gibt Standards, darunter den Opener „Makin‘ Whoopee“, den ich eh immer mag, „What’s New“, „Like Someone in Love“, „When Sunny Gets Blue“, „It Could Happen to You“ etc., dazu Obskures wie „Heart of Winter“ (vom Pianisten Charles DeForest, der wohl solche Gigs spielte, wie sie oben bei Pate – im Duo und im Trio – vorkommen), „Symphony“ (Alex Alstone, André Tabet und Roger Bernstein bzw. Jack Lawrence) oder „Wonder Why“ (Brodszky-Cahn), und auch ein kleines Experiment mit dem eigenen „Blues in 9/4“.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba