Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Ammons & Marmarosa – Jug & Dodo | Und das ist dann halt trotzdem ganz grosses Kino: Dodo Marmarosa, der Bekloppte aus Pittsburgh, sitzt mit Gene Ammons (undercover, quasi, für Argo trotz Exklusivvertrags mit Prestige) im Studio in Chicago, spricht mit keinem verweigert sich jeglicher Absprachen („am Schluss wiederholen wir diese vier Takte, dann eine kurze Sax-Solo-Kadenz und dann … woooooosh auf dem Ride“) und treibt alle in den Wahnsinn. Vielleicht haben sie darum „You’re Driving Me Crazy“ aufgenommen – und ausgerechnet hier ist Marmarosas alte Brillanz zu hören, schon hinter Ammons und dann im eigenen Solo: als würde die Gesellschaft an diesem Tag im Jahr 1962 (4. Mai sagt Bruyninckx, meine CD-Ausgabe gibt nur „1962“ an). Los geht es aber mit der schönsten Version von „Georgia On My Mind“ ever, eigentlich ein Duett von Gene Ammons und Sam Jones, das aber nicht wäre, was es ist, wenn nicht Marmarosa am Klavier sässe (an den Drums ist wie im Vorjahr Marshall Thompson dabei). Auch Ammons ist in grosser Form, klingt phantastisch und spielt mit einer Souveränität, wie sie nur Sonny Rollins und Dexter Gordon (ein alter Kollege) konnten – und ist obendrein hervorragend aufgenommen, was auch für den Bass gilt, aber etwas weniger für Klavier und Drums.

Doch das ist ja hier off topic … wollte es trotzdem teilen, weil es so phantastisch ist. Ammons‘ Ton ist grandios – man hört das flache Vibrato, den Lester Young-Einfluss, der anderswo fast nahtlos in einen Hawkins/Webster-Sound mit viel Luft und irrem Volumen zu kippen scheint. Das irre Volumen kann man auch mit Projektion kriegen – wie Young oder wie später Joe Henderson.

Aber gut, wie gesagt, off topic. Es gibt auf dem Album, das erst 1970 auf zwei LPs erschienen ist, zwölf Stücke in vierzehn Takes, 70 Minuten Musik – und sechs plus einer der Alternate Takes sind im Trio ohne Ammons entstanden, drum ist das hier durchaus on-topic, wenngleich es natürlich nicht in der Umfrage mitmachen darf (wo es bei mir definitiv mehr Chance hätte als „Dodo’s Back“, obwohl es dort viele bezaubernde Momente gibt). Die Musik ist nicht nach Quartett und Trio aufgeteilt, nach der A-Seite im Quartett fängt auch die B-Seite der LP mit einem Quartett-Stück an, einer tollen Balladenversion von „Where or When“. Dann ist mit „The Song Is You“ und „Just Friends“ das Trio an der Reihe. Ich habe hier oft den Eindruck, dass Marmarosa einen neuen Weg gefunden hat, sein überbordendes Spiel irgendwie zu kanalisieren, zu fokussieren, es einzubinden in eine neue, musikalisch vielleicht sogar bessere, stimmigere Version seines früheren Stils: ein karges Barock, mehr auf den Punkt und doch mit diesen Voicings, diesem Farbenreichtum, einem Cantabile, das auch viele gefeierte Klassikstars nicht hinkriegen … vermutlich musste er schrullig übers Klavier gebeugt dort sitzen und mit niemandem sprechen, damit er so besondere Musik machen konnte.

Seite C öffnet mit den zwei Trio-Takes von „Yardbird Suite“, in denen die Nähe von Marmarosa zu Bud Powell stellenweise sehr greifbar wird, gefolgt von einer grossartigen Version von „I Remember You“, in der sich die Single-Note-Linien, rasende Läufe und eine harmonisch interessante, starke linke Hand ergänzen – auch da ist der alte Zauber zu hören, der Überschwang bricht durch gegen die klare Linie, die dennoch nie verloren geht. Eine Art innermusikalischer Widerstreit, den ich sehr faszinierend finde:

Das Quartett macht dann mit Ammons‘ „Bluzarumba“ den Abschluss der dritten Seite – ein Latin-Groove zu Blues-Changes, kantig riffendes Sax, das manchmal eine andere Nähe verrät: ein paar Phrasen haben diesen elastischen Zug, wie ihn Yusef Lateef so unverwechselbar beherrschte. Danach kurze Soli, von Marmarosa – wieder diese Balance aus Klarheit, Kargheit, Wärme und kurzen Momenten der Verdichtung in Läufen – Jones und Fours von Ammons mit Thompson. Auf Seite D rahmen zwei Trio-Stücke, „The Moody Blues“ (ein Marmarosa-Original) und „The Very Thought of You“, zwei kurze Quartett-Takes von „Falling in Love with Love“ ein. Marmarosas Spiel bleibt über die ganze Länge interessant und anregend – allem Anschein nach ja auch für Ammons, obgleich dieser sich wohl über das Verhalten des Pianisten bei der Session geärgert hatte. Seine Intros und das Comping zu den „Love“-Takes sind perfekt, reichhaltig aber nie übertrieben. Im Blues spielt Jones ein tolles Solo – und es ist natürlich schön, dass die letzte Nummer des Doppelalbums dem Pianisten gehört. Hier kommt nochmal alles zusammen: das zurückhaltende, aber interessant klingende Schlagzeug von Thompson, der tolle Bass von Jones (wieder mit einem guten Solo) – und die späte (na ja) Meisterschaft das Tastenzauberers: Voicings, Klangfarben, Linien, Rhythmik – das ist schon sehr toll.

In den Liner Notes gibt der Rückblick haltende Besserwisser Leonard Feather noch ein paar Testimonials zum besten:

„Dodo Marmarosa is a bitch“ – das habe Charlie Parker mal draussen vor der White Rose Bar an der Sixth Avenue/52nd Street gesagt.

„He was one of the most brilliant musicians I met during that entire period“, so Barney Kessel beim Rückblick auf die Bebop-Jahre: „Unlike most of the early boppers, Dodo brought a classical discipline to his music. In fact, the first thing he ever played for me was the Revolutionary Etude*. […] Dodo’s early experience did not logically equip him for bop. After the classical training he went into the world of dance bands, and he came to bop as a dance band pianist. I always felt that he didn’t have a chance to evolve fully in the new jazz. But he had fire and imagination, not to mention complete unpredictability both as a person and a musician.“

Jedenfalls freue ich mich, demnächst noch eine neue Marmarosa-Aufnahme (im Quartett mit Bill Hardman) entdecken zu können, aber für hier im Thread war es das in Sachen Dodo Marmarosa.


*) Von Chopin, hier die Version eines Franzosen, der auch manchmal als Jazzer dilettierte.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba