Startseite › Foren › Über Bands, Solokünstler und Genres › Eine Frage des Stils › Blue Note – das Jazzforum › Das Piano-Trio im Jazz › Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz
Den Rest des obigen Posts (alles am Stück geschrieben) stelle ich mal separat ein, weil es um ein paar grundlegendere Punkte geht:
Zum Stichwort Begleitung, weil der Punkt schon gemacht wurde, dass in dieser frühen Phase die Bassisten da eher dominant seien: ich glaube, das hat einen einfachen Grund, nämlich ihr Hinterherhinken: irgendwer – Mingus, Roach? – sagte mal sowas wie, die seien damals den anderen Instrumenten 10 Jahre hinterhergehinkt … das ist vielleicht übertrieben, aber der Punkt scheint mir: die Bassisten des Bebop sind in erster Linie da, um Puls und Sound mit viel Projektionskraft zu geben. Ob da nun Curly Russell oder Tommy Potter spielt (oder Benoît Quersin oder Pierre Michelot) oder Wendell Marshall oder Walter Page spielt am Ende kaum eine Rolle: sie bleiben alle auf den Grundtönen, walken mit starkem Sound durch (sie müssen sich ja hörbar machen, auch wenn es keine Mikrophone gibt – grad in grossen Sälen ist ja von den Beatles ein Jahrzehnt später bekannt, wie dürftig die vorhandenen technischen Mittel – von Soundanlagen mag ich gar nicht reden – damals noch waren). Wenn nun Pettiford eine neue Beweglichkeit findet (und trotzdem einen grossen Ton), wenn manche Mingus für einen zwar tollen, aber dennoch nicht besonders guten/virtuosen Bassisten halten, wenn Ray Brown mit dem grossen alten Sound neue Wege beschreitet (oder Al McKibbon, der ja schon zu den frühen Bebop-Bassisten gehört, aber anders ist als diese, neue rhythmische Akzente zu setzen vermag, ebenfalls mit einem Ton so gross wie ein Haus), dann hängt das wohl alles noch damit zusammen. Ein Sound wie der feine, nicht besonders projzierende von Scott La Faro wäre auf so einer Tour mit den Birdland All Stars wohl einfach untergegangen. Und Percy Heath, der da mit dem MJQ dabei war, ist zwar ein früher Hard Bopper – aber eben als Bassist auch noch eine halbe Generation älter als Paul Chambers und andere, die wenig später neue Wege beschritten. Die Dominanz des Basses ist also eigentlich keine musikalische – denn die paar Töne, die sie spielen (Grundton, Terz, Quintet und dazwischen beim Walken die klassisch „erlaubten“ Fülltöne aus den jeweiligen Akkorden), die könnten die Pianisten auch selbst mitspielen (oder tun das sogar). Warum gab es denn keine p/d-Duos wie Sand am Meer? Ich denke, bei Gigs gab es die nicht ganz so selten, aber ein Bass macht sich ja schon gut: der Klang ist schön, der Wumms, den er geben kann ist auch nicht übel … wir hören hier ja auch Klaviertrios, weil das Format sich etabliert hat und weil es ein tolles Format ist, das eine ansprechende Klangbalance bietet. Auch schon in den frühen Jahren, wo von den Bässen zwar viel Wumms aber wenig harmonische oder gar melodische Akzente kommen – und rhythmische eigentlich auch nicht … wobei: Das Walken mit guter Time ist gewiss nicht zu unterschätzen!
Das der eine Punkt, der andere war die Frage, die ich gestern bei Vander, Goraguer usw. im Kopf hatte: Wer sind eigentlich die Vorbilder? In den Liner Notes zu Urtreger stehen ja jene, die er sich mit so ziemlich allen geteilt haben dürfte: Tatum, Waller, Garner. Hines fehlt, aber dessen Karriere als „moderner“ Combo-Pianist war ja in den frühen Fünfzigern erst allmählich am Entstehen – „modern“ ist vielleicht Unsinn, aber darauf komm ich gleich auch noch). Was ich interessanter finde ist, dass Teddy Wilson fehlt – aber den nahm man vermutlich wegen seiner gern etwas grösseren Formationen (mehrere Bläser, oft Sängerinnen) vielleicht noch weniger deutlich als den talentierten und überaus stilbildenden Pianisten wahr, der er auch war? Und dann fehlt Nat Cole … vermutlich war der da schon etwas zu kommerziell, aber prägend war er halt doch für ganz viele (auch für die ganzen Bebopper, denke ich).
Was meine ich mit Hines und „modern“? Das ist der nächste Punkt, der mir seitdem ich über Piano Trios nachzudenken anfing (ein paar Tage bevor ich auch mit Hören startete), im Kopf rumschwirrt: die Abgrenzung ist oft sehr schwierig. Wer ist nun ein Bebopper oder eine Hard Bopperin: Jutta Hipp hatte ich da oben nicht mitgezählt, ihre Hickory House-Aufnahmen sind tatsächlich parallel zum Clark Trio Favoriten hier … und was ist denn mit Monk, der ist doch so ab 1953/54 eigentlich auch ein Hard Bopper … oder Herbie Nichols, der direkt vom Dixieland zum Modern Jazz findet, aber erst aufnehmen kann, als die Bop-Ära schon vorbei ist, mit zwei prägenden Hard Bop-Drummern (Roach und Blakey), die natürlich schon im Bebop dabei waren … und mit dem gerade genannten Al McKibbon, der hier was liefert, was ich einem Curly Russell oder Tommy Potter niemals zutrauen würde (die verschwinden dann ja auch tatsächlich um den Dreh herum, während McKibbon mit so unterschiedlichen Leuten wie Shearing, Cal Tjader oder Mongo Santamaria und später auch wieder mit Monk und Blakey (die Giants of Jazz bzw. die letzten Trio-Aufnahmen von Monk) oder Freddie Redd aufnimmt. Oder 1963 ein Hard Bop-Album (oder ist das Black California?) mit Jack Wilson und Roy Ayers macht.
Und da ist schon die nächste schwierige Abgrenzung: Hard Bop zu Soul Jazz. Wo sortiere ich Ray Bryant oder Herman Wright ein? Wo Junior Mance? Und was ist mit all den eleganten Stilisten aus Detroit: Barry Harris ein Bebopper, klar (auch wenn er als Leader wie als Sideman ein Hard Bop-Album am anderen machte), aber was ist mit Hank Jones und Tommy Flanagan? Das sind doch keine Hard Bopper? Aber auch keine Swing-Musiker natürlich. Und wie passen da Leute wie Marian McPartland, der schon genannte Shearing (aus England, wie man da mal anmerken muss), Barbara Carroll rein – oder Lennie Tristano? Die Schwierigkeit ergibt sich meiner Ansicht nach daraus, dass die Pianist*innen wiederum den anderen oft eine ganze Strecke voraus waren (wenn die Bassisten vielleicht nicht ganz so weit hinterher hinkten, sind es hier eher mehr denn zehn Jahre), dass schon Tatum harmonisch alles auskostet (und vielleicht Coleman Hawkins auch bereits, aber von dem gibt es später ja recht direkte Bezüge zum Bebop), was die Bläser sich noch nicht im Traum vorstellen konnten (und die Drummer auch nicht). Hines, der Pianist der Hot Five, konnte bis in die Siebziger mit allen spielen … das kann man sich bei wem wie George Lewis (cl) oder Bunk Johnson nun beim besten Willen nicht vorstellen. Es gibt schon Bläser, die das auch konnten, neben Hawkins z.B. Benny Carter – aber die gingen einen Weg, während bei Tatum in den Dreissigern alles schon da ist. Und wenn Cole dann die Linie sucht (und findet), wäre im selben Atemzug z.B. auch Clyde Hart zu nennen. Oder Count Basie, den Urtreger ja tatsächlich nennt, obwohl da vermutlich v.a. die Band gemeint ist. Und wenn Urtreger bei Lewis vielleicht neben der Musikalität auch noch die zurückhaltende Eleganz schätzt: das alles gab es bei Teddy Wilson auch schon – und sie klang auch ein oder nahezu zwei Jahrzehnt früher nur um Nuancen weniger modern.
Das mal als ein Versuch, ein paar Dinge zu bündeln … es läuft darauf hinaus, dass irgendwo von den ersten (Teddy Wilson?) Trios bis wenigstens zu den Hard Boppern und Soul Jazzern, von Hines und Tatum über Silver oder Jamal bis zu Ramsey Lewis alles irgendwie ein Kontinuum ist – viel stärker als bei den Bläsern und den Drummern, wo es Brüche und Konfliktlinien gab … die aber auch teils nachträglich aufgebauscht wirken (ein grossartiges Gegenbeispiel ist z.B., wie Big Sid Catlett sich beim Town Hall Concert 1945 reibungslos in die Band von Parker/Gillespie einfügt). Alles nur Tendenzen, die im Kontext betrachtet werden müssen – und ich habe bestimmt so eingies verkürzt und vergessen.
--
"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba