Startseite › Foren › Über Bands, Solokünstler und Genres › Eine Frage des Stils › Blue Note – das Jazzforum › Das Piano-Trio im Jazz › Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz
Und das beste Klaviertrio im Europa der Fünfziger war dann wohl das von René Urtreger:

René Urtreger Trio | In den Liner Notes zur Fresh Sound-CD, von der ich das Album höre (es gibt bei Discogs sonst nur die Originalausgabe und ein LP-Reissue von 2005 aus Japan), erzählt Pujol ausführlich die Geschichte von Urtregers frühen Jahren: 1934 in Paris geboren, wie so viele andere während der Besatzung nicht in der Stadt, von sechs bis elf also kein Klavierunterricht mehr, den er mit fünf erstmals erhalten hatte. Südfrankreich, Nordafrika bis 1945, dann Rückkehr nach Paris, Privatunterricht bei einer Lehrerin vom Konservatorium (Rose Lejour, die bei Marguerite Long gelernt hatte), mit 16 beendet er das und ist schon dem Jazz verfallen: „When we came to Paris after the war, I started do dig records by Basie and Prez, Erroll Garner (I was completely crazy about him when I was twelve), Art Tatum and Fats Waller.“
1949 kriegt er „Bongo Bop“ von Charlie Parker in die Hände und entdeckt Neues: Bud Powell (das Playing), Monk (die Komposition) und Lewis (die Musikalität). „After the big three […] I’m a fan of Hank Jones, Horace Silver, Al Haig and Red Garland.“ – Mit achtzehn wird Urtreger bekannt, als er eines Abends Mimi Perrin als Pianist*in in einem Café-Restaurant in Paris, dem Sully d’Auteil, ablöst. Sacha Distel, Jean-Marie Ingrand oder Jean-Louis Viale spielten dort in der Band, ebenso der Tenorsaxer Hubert Damisch, dessen Namen ich im CD-Booklet erstmals lese. Die Leute mögen ihn, nach dem Gig wird ihm angeboten, jeden Samstag mit der Band zu spielen. 1953 meldet er sich beim Nationalen Amateur Jazz-Wettbewerb in der Stadthalle des 5. Arrondissements ein – gewinnt den ersten Platz und entscheidet an Ort und Stelle, Profimusiker zu werden.
Auf der FSR-CD gibt es alle Trio-Aufnahmen bis zum Versailles-Album oben, los geht es mit zwei Stücken von einem Konzert im Apollo Théâtre, mit Quersin und Viale. Dieses Konzert, bei dem auch Bands von Christian Chevallier, Hubert Fol/Sacha Distel, Pierre Michelot usw. auftreten, wird auf der Philips-LP „Jazz Boom n°1″ dokumentiert. Mit Michelots Band spielt Urtreger wenig später am 1. Juni 1954 bei der Eröffnung des 3. Salon International du Jazz im Salle Pleyel, und ein paar Tage danach ist er mti Don Byas und Buck Clayton auf der Bühne, die sein Talent bemerken.
Im Februar unterschreibt er als erster Jazzmusiker beim neuen Label Barclay – und nimmt sein Debut auf, das 10“-Album, das Bud Powell gewidmet ist (zu dem haben redbeans und ich weiter oben schon was geschrieben). Am 3. April 1955 spielt das Trio (weiterhin mit Quersin/Viale) im kleinen Chopin-Pleyel Saal und teilt sich dort die Bühne mit dem „Modern Jazz Sextet“ von Jean-Louis Chautemps und Jay Cameron sowie der New Sound Jazz Gruppe mit Roger Guérin, Bobby Jaspar, Dave Amram, Maurice Vander und ebenfalls Quersin/Viale – ein grosser Erfolg. Wenig später tritt Urtreger mit neuer Rhythmusgruppe – Guy Pedersen, Mac Kac Reilles (siehe z.B. Bernard Peiffer Trio oben) – in einer neuen Konzertreihe auf, die dem „Jazz d’Avant-Garde“ gewidmet ist (Fats Sadi und seine belgische Band, Henri Renauds grosse Band, die Jaspar All Stars und Lars Gullin mit letzteren treten dort auch auf). Die neue Rhythmusgruppe gilt schnell als die beste im Land, und Urtreger hat nach den zwei Originals vom Debut weiteres neues Material dabei („Goofy the Cat“, eine Paraphrase von „Taking a Chance On Love“).


Mitte Juni 1955 wird er dann zum Militärdienst eingezogen. 27 Monate sollte der dauern, doch er kriegte immer wieder die Erlaubnis, sich für Konzerte und Aufnahmen zu entfernen: mit Lionel Hampton, Chet Baker, Bobby Jaspar, gelegentlich am Wochenende für Gigs im Club Saint-Germain, einem der wichtigsten Orte des neuen Jazz. Pierre Michelot und Christian Garros spielen in der Zeit mit ihm, als Rhythmusgruppe der Jaspar All Stars, die auch mit Lee Konitz und Lars Gullin auftritt. Im November spielt die Gruppe in Brüssel im Palais des Beaux Arts – wieder ein grosser Erfolg, und ein neues Stück mehr, „Mes amitiés à Horace“, eine Widmung an Silver. Nach einem Jahr erhält er die Erlaubnis, bei sich zuhause zu übernachten – und die nächtlichen Auftritte gehen wieder los.
Im Juli 1956 stösst er zur Gruppe von Guy Laffitte im Trois Mailletz (mit Micdel de Villers, Garros und dem Bassisten Ladislas Czabanick), und ab Oktober begleitet sein Trio mit Michelot/Garros währen dreier Wochen Lester Young im Club Saint-Germain und geht dann mit diesem, Miles Davis, Bud Powell und dem Modern Jazz Quartet auf die „Birdland All Stars“-Tour, von der vereinzelte Aufnahmen erhalten sind – Urtreger ist 22 und findet sich mitten unter seinen Idolen wieder. Beim ersten Auftritt im Salle Pleyel begleitet das Trio (Michelot/Garros) Miles Davis und feiert einen grossen Erfolg, obwohl keine Zeit war für Proben. Die Tour dauert einen Monat und führt in die Niederlande, Belgien, Deutschland, Schweden, Dänemark, via Frankreich in die Schweiz und nach Italien und dann wieder nach Frankreich (da müssten doch sehr viel mehr Aufnahmen existieren? war wohl noch etwas früh für die Radio-Sender?). Eins der Bootlegs mit Ausschnitten aus einem solchen Konzert kommt aus meiner Stadt:
Zurück in Paris stösst Urtreger dann zum Quintett von Barney Wilen, das samstags und sonntags im Club Saint-Germain spielt. Distel, Gilbert „Bibi“ Rovère (der jüngere Bruder von Paul) und Al Levitt gehören sonst zur Band. Zwei Monate dauern die Auftritte, ein grosser Erfolg, und doch zieht Urtreger vorzeitig weiter (er wird von Vander ersetzt). Ende Februar hat er ein neues Trio mit Paul Rovère und Al Levitt, spielt mit ihm bis April jeden Montag im Club Caméléon. Und dann beschliesst John Lewis, der den jungen Pianisten mit Davis und der Birdland-Package erlebt hatte, auf eigene Kosten eine Platte zu produzieren, „Jazz Piano International: John Lewis Presents – Derek Smith (England) – Dick Katz (USA) – René Urtreger (France)“. Je vier Stücke spielen die Pianisten dafür ein, die ersten Aufnahmen von Urtegers neuem Trio.
Und dann die Anfrage von Bruno Coquatrix, dem Besitzer der Music Hall Olympia und einem der Gründer von Versailles: eine ganze LP soll Urtreger machen, jetzt im neuen 12″-Format, mit Platz für mehr und auch einzelne etwas längere Stücke. Das Album entsteht im September 1957 und präsentiert ein paar Originals („Indian Anna“ von Utreger/Levitt, „Goofy the Cat“ von Urtreger/Distel, Urtregers „Blues for Marianne“ und als Closer des Drummers „Al’s Groove“), öffnet mit Davis‘ (na ja) „Tune Up“, zeigt die Bop-Chops des Pianisten auch in „Lady Bird“ (Dameron) und „Bloomdido“ (Parker), und dazu gibt es ein paar Songs („How About You?“, „Polka Dots and Moon Beams“, „I Didn’t Know What Time It Was“, „East of the Sun“). Und wo ich das jetzt zweimal wieder gehört habe – ich kenne es viel weniger gut und lang (die FSR-CD ist von 2018 aber ich hab sie erst später gekauf) – denke ich, das ist nochmal besser als das Debut, weil es eine viel breitere Palette bietet und dennoch sehr kompakt ist. Ein hervorragender Pianist auf jeden Fall, mit einer mehr als angemessenen Begleitung.

--
"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba