Antwort auf: Ich höre gerade … Jazz!

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hat-and-beard
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Im Zusammenhang mit meiner aktuellen Beschäftigung mit ECM ist mir wieder eine unvergessliche Begegnung mit Richie Beirach durch den Kopf gegangen, die ich vor 25 Jahren einmal hatte. @atom, ich denke, Dir habe ich sie vor Jahr-, hm, -zehnten schonmal erzählt.

Ich habe als Jugendlicher, so bis Mitte 20, Schlagzeug gespielt. Als ich mit 17 Jazz für mich entdeckte (meiner ersten großen Liebe und, indirekt, ihrem Vater sei Dank), setzte ich das selbst schnell in die Praxis um. Zum einen in einem furchtbaren Trio (voc, p, dr; Musikschullehrer am Klavier und als Organisator), das die örtlichen Gelegenheitsjobs (Sommerfeste, Vernissagen, irgendwelche Eröffnungen) mitnahm, gut für mein Taschengeld und ein bisschen Lebenserfahrung. Zum anderen v.a. mit meinem Freund S. am Klavier in verschiedenen Konstellationen. In der ostdeutschen Provinzstadt, in der ich aufwuchs (damals Neonazihochburg, heute wichtige Zentrale der vermeintlich bürgerlichen Faschisten) gab es eine winzige Jazzszene; wer es ernst meinte, ging nach der Schule zum Studium nach Leipzig, Dresden, Berlin, Köln. Die meisten Gesichter, alle mehr oder weniger älter als ich, kannte ich aus der Musikschul-Big-Band, ebenfalls mit obigem Lehrer als Leitung. S. jedenfalls, etwas älter als ich, hatte Naturtalent (ich nur mäßig), aber vermutlich wenig Disziplin im Üben (wie ich). Vielleicht hatte er auch einfach Pech mit seinen Lehrer:innen, da war natürlich nicht viel zu holen.
Wir hatten eine Zeitlang Spaß, nahmen uns nur die größten Vorbilder, ignorierten, dass dazu auch eine Menge Arbeit, Köpfchen und halt monotones Üben gehört. Zum Glück wurde damals noch nicht alles immer aufgenommen, es wäre peinlich. Es gibt eine Kassettenaufnahme meiner Schlagzeug-Abiprüfung (Leistungskurs Musik), so alle 5 Jahre kann ich da mal reinhören und es schüttelt mich jedes Mal.

Anyway, S. nun wollte in Leipzig Jazzklavier studieren. Richie Beirach war gerade frisch als Professor für dieses Fach an die Hochschule gekommen. Im Rahmen von S.‘ Bewerbung fand ein Vorspiel statt. Die künftigen Studierenden sollten sowohl solo als auch im Klaviertrio vorspielen, dafür war ihnen freigestellt, ob sie sich von zwei aktiven Studenten oder von zwei selbstgewählten Musiker:innen an Bass und Schlagzeug begleiten lassen wollten. S. wählte natürlich (wir waren ja die Größten!) einen befreundeten Bassisten und mich. Während wir da im Flur der Hochschule saßen und durch die Tür den Neulingen in spe zuhörten, schwante mir schon, was da auf uns zukam, aber natürlich war es da schon zu spät. Als S. mit uns an der Reihe war, spielten wir auf Verlangen Beirachs ein paar Takte Blues, vielleicht eine Minute, vielleicht auch drei oder eine halbe, lang war es nicht, bis er uns unterbrach. Er sagte dann sinngemäß, dass uns die Freude an der Musik anzusehen sei, aber dass S.‘ Technik so unausgereift sei, dass es für ein Studium noch viel zu früh sei.
Und der Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe, ich weiß nicht, ob er an mich gewandt war, aber als Drummer musste ich das natürlich so hören, war: „Your timing is all over the place.“

S. hat dann nicht Jazzklavier studiert, sondern ist andere musikalische Wege gegangen, hatte aber wohl noch eine ganze Weile persönlich mit Beirach zu tun; wir haben uns nach meinem Abi und Abschied aus der Provinz schnell aus den Augen verloren. Und ich bin nach Hamburg gegangen, hatte eigentlich vorgehabt, Schlagzeug zu studieren, habe dann aber, immer obigen Satz im Hinterkopf und endlich mal mit einem ehrlichen, eigenen Blick auf meine extrem begrenzten Fähigkeiten (und die Versäumnisse meiner Schlagzeuglehrer), eine Weile das Trostpreisfach Musikwissenschaften studiert, going nowhere, bis ich dann irgendwann etwas ganz Anderes mit mir anfing. Ein paar Jahre blieb ich noch beim Schlagzeug, auch als Nebenjob, aber besonders dem Jazz hatte ich nichts zu geben.

PS:
Bei der Recherche habe ich gerade gelesen, dass Beirach kürzlich gesundheitlich und finanziell in eine so schlimme Situation gekommen sein muss, dass für ihn gesammelt wurde. Hoffe, es geht ihm besser. Er war deutlich zu S. und uns, aber nicht unfreundlich.
Ich bin gespannt auf seine Platten, kenne noch nichts.

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God told me to do it.