Re: dylan in hh am 18.10

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Folks Verräter

Bob Dylan im Hamburger Docks

Bob Dylan gibt sich gern rätselhaft. Wegen Gelenkschmerzen spiele er nur noch selten Gitarre, heißt es. Manche behaupten, er habe Arthritis. Deswegen sei er ans Piano gewechselt. Eine Stellungnahme des schweigsamen Mannes zu diesen Gerüchten liegt nicht vor. Die zu jeder Art von Analyse bereiten Dylanologen grübeln sich ihre Gehirne fusselig. Wahrscheinlich hat er einfach nur Lust auf Klavierspielen. In Hamburg startete er mit zwei ausverkauften Konzerten im Docks vor jeweils 1500 Leuten seine Deutschlandtournee.

Auch warum Charlie Sexton nicht mehr in der Band ist, weiß niemand. Den schönen Charlie ersetzte Dylan durch den früheren Willy-deVille-Gitarristen Freddie Koella. Schon beim ersten Song „Maggie’s Farm“ wird klar: Mit Sexton ist der Folk weg. Wieder einmal. Man möchte fast „Verräter“ rufen, wie damals, als Dylan erstmals seine elektrische Gitarre einstöpselte. Die Band rockt hart. Der Alte schwitzt, als wolle er irgend etwas beweisen, obwohl er doch schon lange außer Konkurrenz antritt.

Es gibt selten gespielte Songs zu hören: „Señor (Tales Of Yankee Power)“, den Walzer „To Ramona“ und das wunderbar düstere Mundharmonika-Stück „Man In The Long Black Coat“ von „Oh Mercy“.

Überhaupt greift der Meister der Metaphern häufig zur Mundharmonika. Er setzt sie an wie einer, der sich die Tränen mit einer flüchtigen Handbewegung aus dem Gesicht wischt. Und so kommt auch die wehmütige Pedal Steel Guitar an beiden Abend nur je einmal zum Einsatz, am ersten bei „Love Minus Zero/ No Limit“, am zweiten bei „It’s All Over Now, Baby Blue“. Für Tränen ist kein Platz, Baby Blue – Dylan und Band mit Allradantrieb. Besonders bei „Highway 61 Revisited“ sowie „Honest with me“ und „Summer Days“ vom jüngsten Album „Love And Theft“ denkt man eher an den harten Bluesrock von AC/DC als an den Heiligen des Folkrocks.

Was hat es also auf sich mit diesem Arthritis-Gerücht und warum dieser Soundwechsel? Wahrscheinlich hatte Dylan, der auf seiner niemals endenden Tournee an seinen Songs feilt wie kein zweiter und diese immer wieder in neuen Versionen vorstellt, einfach nur Lust auf Rock. Am Ende beider Konzerte stolpert der schweigsame Alte an den Bühnenrand und signalisiert dem Publikum mit beiden Daumen seine Dankbarkeit. Dann deutet er ein Lächeln an, was für ihn schon eine großartige Geste ist. Schmerzen hat er wohl keine.

Mathias Begalke

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