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catch
friedrichSchon bekannt? Schon gesehen?
ja, vor einigen Tagen gesehen. Lou kommt aufgeräumt rüber, hat lobende Worte für Warhol übrig, und spielt die Bedeutung von Transformer eher runter. Obwohl, wenn mein Biograph neben mir sitzen würde, könnte ich ebenfalls bescheiden tun, dann hat man es als Künstler eh „geschafft“.
Ja, Lou spielt die Bedeutung von Transformer herunter.
Dabei war es das Album, das ihm nach dem mäßigen Erfolg seines Solo Debüts vermutlich die Karriere gerettet hat und das einige seiner klassischsten und am engsten mit ihm verbundenen Stücke enthält. Walk On The Wild Side, Satellite Of Love, Perfect Day … Und es ist auch so etwas wie ein Gelenk zwischen der Vergangenheit Lou Reeds bzw. Velvet Undergrounds als Teil von Andy Warhols Factory in den 60ern einerseits und den beginnenden 70er Jahren andererseits mit Glam Rock und dem Pop Eklektizismus dieser Zeit. Und dabei haben ihm David Bowie und Mick Ronson kräftig unter die Arme gegriffen, was Bowie ja auch indirekt sagt. Lou’s achselzuckende Bewertung des Albums aus heutiger Sicht wirkt daher auf mich etwas überheblich. Ohne Transformer und den Hit Walk On The Wild Side wäre Lou Reed möglicherweise auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung verschwunden.
Es gibt dieses (sehr gute) Live Album – American Poet – von 1972, das Lou Reed fürs Radio aufgenommen hat. Da gibt es auch ein kleines Interview mit ihm, in dem der Moderator David Bowie als Produzent von Transformer anspricht und Lou daraufhin die gute Zusammenarbeit mit Bowie betont und ausdrücklich auf die wichtige Rolle von Mick Ronson hinweist. Er scheint sich also damals der bedeutenden Rolle der beiden Produzenten für Transformer und damit für ihn selbst durchaus bewusst gewesen zu sein.
Aber auch der Künstler Lou Reed scheint kein einfacher Charakter gewesen zu sein und hat auf lange Sicht vielleicht Schwierigkeiten damit, den Anteil anderer Menschen an seinem Werk angemessen zu würdigen. Andy Warhol, David Bowie, wo wäre er ohne die gewesen?
Ich fand die Doku insgesamt okay und so lala. Kann man ansehen, ist nett, langweilt nicht, eröffnet aber auch nicht großartig neue Perspektiven.
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„Etwas ist da, was jenseits der Bedeutung der Worte, ihrer Form und selbst des Stils der Ausführung liegt: etwas, was direkt der Körper des Sängers ist, und mit ein- und derselben Bewegung aus der Tiefe der Stimmhöhlen, der Muskeln, der Schleimhäute, der Knorpel einem zu Ohren kommt, als wenn ein und dieselbe Haut das innere Fleisch des Ausführenden und die Musik, die er singt, überspannen würde.“ (Roland Barthes: Die Rauheit der Stimme)