Re: Kriterien der Jazzkritik

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gypsy-tail-wind
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‚tschuldigung, bin erst grad heimgekommen… versuche, auf einiges einzugehen hier…

alexischickeIch lese seit Jahren schon den Downbeat.Auf Besternungen und andere Dinge achte ich nicht, finde es sowieso schwierig Musik wie ein Buchhalter zu bewerten.
Aber sie geben mir schon eine Anregung für meine Käufe.Aber wenn ich ein Album kaufe,dann schau ich nie zuvor auf die genaue Sternzahl.

In meinem Reclam Jazzelexikon sind Albenempfehlungen drin,den Penguine müsste ich mir mal bei Gelgenheit auch holen.

DownBeat finde ich seit ich’s kenne (ca. seit 1997 oder so) ziemlich irrelevant, weil die spannendsten Bereiche des Jazz fast immer ausgeklammert werden. Wenn man sich aber sehr für Leute wie Dave Douglas, Joe Lovano, Bill Frisell etc interessiert, dann ist es sicher nach wie vor eine lohnende Lektüre.

Von den Penguin Guides solltest Du Dir wirklich mal einen holen! Ich würd mal die 8. (oder 9. – die kenne ich nicht, ist aber anscheinend vergleichbar aufgebaut) Ausgabe holen. Bei Amazon UK finden sich oft sehr billig gebrauchte Exemplare.

redbeansandrice… in Wirklichkeit hat Kunst so einen Kern, wo sie einen berührt, verstört, was immer – und dieser Kern ist für alle Kunstformen gleich … naja, aber das überzeugt mich nicht…

Als kleinsten Gemeinsamen Nenner find ich das gar nicht so schlecht – zumindest mal als Ausgangspunkt. Was man denn nun hört oder ansieht oder liest und sich davon in irgendeiner Weise davon bewegen lässt, das sagt am Ende oft mehr über die wahr-/aufnehmende Person aus als über Kunst (WAHRnehmen ist eigentlich ein sehr interessantes Wort!) (ein Beispiel: der Kollege, mit dem ich den heutigen Abend im Kino und danach biertrinkend verbracht habe, war gestern im neusten Film von Mike Leigh… er erwähnte, das Kino sei in dern 18 Uhr Vorstellung fast komplett voll gewesen… ich unterbrach ihn und sagte, da seien sicher ganz viele ältere Leute gewesen… das sei ja ein „wertvoller“ Film etc… ja genau, fand er… und fand dann mein fieses Fazit richtig treffend, dass viele Leute sowas „wertvolles“ eben darum ansehen würden, weil sie selber fett und satt und mit solider 3. Säule versehen seien und sich dann richtig gut fühlen würden, wenn sie mal mit harten sozialen Wirklichkeiten konfrontiert würden… nun ja, so gehen viele Bildungsbürger heute mit Kunst und Kultur im weiteren Sinne um… will ich das gutheissen? Nein, keinesfalls – dann doch eher den bewaffneten Kampf! – Aber mache ich daraus dem Regisseur einen Vorwurf? Das ist dann wieder eine ganz andere und komplexe Frage… Leigh (und Loach) machen schon lange genug Filme in dieser Richtung, dass ich ihnen zumindest teilweise den Vorwurf schon machen müsste, dess es wäre wohl ein leichtes, das bildungbürgerliche Publikum mit ein, zwei Filmen vor den Kopf zu stossen und loszuwerden, so sie das denn wollten… „wertvoll“ ist in meinen Augen eins der vernichtendsten Urteile überhaupt, aber eben: es lässt sich oft nicht aus dem Kunstwerkt ableiten sondern wird vom Betrachter erst ins Kunstwerk reinprojiziert…)

redbeansandrice@bicho: hast du mal Tina Brooks versucht? das war für mich einer definierender Moment, wie man im Kopf die Stimme von Brooks hört („hey, ich klinge zwar ein bißchen wie Hank Mobley, und ja, das ist eins von den stinknormalen Hard Bop Alben. Aber das hier ist super wichtig.“)… weiß aber nicht, ob das für jeden funktioniert—

Ja Mann! Als ich mir mit 20 oder so das Tina Brooks Mosaic 4LP-Set gekauft habe und das auf dem Plattenspieler meiner Eltern angehört habe… unvergesslich! Das erste Mal das einfach Lick von „True Blue“ hören… schön, wenn man sowas wiederholen könnte! Darum wohl auch die ständige Suche in allen Richtungen, um solche defining moments zu finden… die sich natürlich keineswegs erzwingen lassen.

otisIch will die Sache noch einmal von einer anderen Seite her aufrollen.
Im Pop/Rock-Bereich gibt es Strömungen, die der eine oder andere rundweg ablehnt. Als Beispiel nenne ich jetzt mal Prog-Rock, den ich selbst nicht aus „geschmacklichen“ Gründen, sondern aus von mir für mich gesetzten ästhetischen Kriterien ablehne, diese Richtung ist mir im Großen und Ganzen zu prätentiös, zu selbstreferentiell, zu gewollt, zu ambitioniert, zu verschwurbelt gefällig oder was auch immer. Es gibt da sehr wenig, was ich leiden kann. Breitbein-Hardrock gehört für mich sicher auch dazu. Ich könnte dazu genauer werden, erspare es hier.

In Klassik und Jazz beobachte ich solche grundlegenden ästhetischen Ablehnungen nicht, wenn überhaupt, sehe ich sie dort politisch motiviert (z.B. Wagner) evtl. noch ansatzweise ästhetisch grundiert, aber nur sehr schwach (Rachmaninow).
Mich erstaunt also diese Einigkeit innerhalb der Klassik- und Jazzkritik (gebe zu, nicht wirklich tiefen Einblick bzgl. Jazz zu haben).
In der Klassik wird selten das Werk als solches hinterfragt oder gar der Komponist in seiner ästhetischen Bedingtheit, sondern am ehesten die Interpretation. Ein Bolero von Ravel wird kritiklos hingenommen, obwohl er im Grunde doch ein reiner Schmarren ist (klar, kann man über eine solche Aussage streiten, aber genau das meine ich ja, man tut es nicht).
Und die Jazzkritik? Mir scheint, sie ist auf einem ähnlichen Weg.
Coltrane scheint nicht hinterfragt werden zu dürfen, er ist irgendwo God. Seine Suche nach neuen und erweiterten Ausdrucksformen und musikalischen Neuerungen scheinen Werte an sich. Wer das nicht versteht, versteht Jazz nicht. Ich überspitze hier bewusst und nenne Coltrane nur als ein Beispiel (ohne im Übrigen diese Geschichte im Coltrane Thread genauer nachgelesen zu haben, die zum Streit führte).
Der Third Stream hat sich zwar nicht durchgesetzt, aber er wird nicht abgelehnt, die Sinner Lady steht vorn in vielen Rankings (für mich ist sie überzogen ambitioniert, ja, Prog). Out Of Lunch gilt als Meisterwerk, aber was macht es dazu? Ich kann es gut hören, aber empfinde gar nichts dabei. Es ist mir zu gewollt. Und ich bin nicht gewillt, diese ästhetischen Entscheidungen der Künstler mitzugehen, ich lehne sie für mich ab. (Jaa, Mingus hat auch viel Tolles gemacht, da bin ich sofort dabei)
Also noch mal: werden in der Jazzkritik ästhetische Entscheidungen von Künstlern wirklich auf den Prüfstand gestellt oder ist hier, wie schon in der Klassik, das Kanonisierte ohne Wenn und Aber nicht mehr hinterfragt?

PS: Mit weitaus radikaleren FreeJazz-Werken habe ich derzeit weitaus weniger Probleme als mit manchem von Coltrane.

Da ist einiges drin… zuerst zum letzten Punkt: das finde ich immer wieder erstaunlich, wie Leute, die vornehmlich aus dem Rock kommen oftmals mit freierem Jazz weniger Mühe haben und mehr Anschlusspunkte finden als mit etwa klassischem Hardbop (der für den gewachsenen Jazzhörer wie mich quasi home turf ist, zu dem man immer wieder zurückkehrt).

Was den Prog-Rock betrifft… ich kenne mich da wenig aus, aber als Anknüpfunkspunkt im Jazz würde ich da nicht Mingus vorschlagen sondern den – entgleisten, unkreativen, verfestigten – Jazzrock. Da findest Du die gleiche Fingerfertigkeit, die zum Selbstzweck erhoben wird und zu Musik von unglaublich langatmiger Langeweile führen kann (hör Dir mal irgendwas von der Chick Korea Elektrik Band an… übler geht’s kaum, oder Spyro Gyra, Yellowjackets… wobei man zu den letzteren sagen muss, dass Mintzer ein durchaus hörenswerter Saxophonist sein kann, wenn er’s denn will…)

Wenn Du da ein wenig tiefer gräbst, findest Du da auch grosse Brüche in der Jazz-Rezeption (um mal nicht von der -Kritik zu reden). Den ersten solchen grossen Bruch findet sich allerdings beim Bebop. Am besten ablesen lässt sich vieles in der Rezeption in Europa, weil durch den 2. Weltkrieg die neue Musik die so ab 1944/45 in ersten reifen Ausprägungen zu hören war, mit einiger Verzögerung in Europa ankam. In Paris gab’s da ziemliche – ja, die hässliche Kriegsmetapher passt einigermassen, wenn man die Seine als „Graben“ betrachten mag – Grabenkämpfe. In der Schweiz gab’s dann z.B. harte ideologische Konflikte zwischen Amateur-Musikern und professionellen Musikern. Erstere hielten sich (moralisch gesehen – und Moral hatte in den 50ern Hochkonjunktur!) für absolut überlegen, da sie nicht abhängig waren davon, künstlerisch, musikalisch erfolgreich zu sein.
Der Freejazz bildet dann einen weiteren Bruch, der bis heute stark zu spüren ist, etwa in Wynton Marsalis‘ kanonischer Wahrnehmung des Jazz (die z.B. auch in Europa verbreitet worden ist, indem Arte die [Dave NEIN] Ken Burns Serie über den „Jazz“ – also nur den halben, von Wynetone akzeptierten eben – ausgestrahlt hat). In dieser Sichtweise endet der Jazz kurz nach „A Love Supreme“ und „Nefertiti“ und „The Sorcerer“. Was danach kam wird hartnäckig verschwiegen oder als Anit-Jazz verschrien. (Wenigestens diesbezüglich hat Keith Jarrett sein Herz am rechten Fleck!)
Dann gibt es Brüche bei der Akzeptanz des Jazzrock, der zumindest in den ersten Jahren – man denke an „Return to Forever“, die ersten Alben des Mahavishnu Orchestra oder von Tony Williams‘ Lifetime, die frühen Weather Report – eine unglaublich kreative Phase erlebte. Das interessiert viele Jazz-Hörer nicht, schon weil ein ARP Synthesizer (oder gar ein richtig schönes altes Wurlitzer E-Piano oder ein Fender Rhodes) absolute Tabus sind.
Diese Brüche finden sich durchaus auch in der Jazzkritik, wenn man denn genauer hinschaut!

nail75Coltrane ist nicht unastastbar, ich erinnere auch an meine Diskussionen über Giant Steps und Coltranes Einfluss an sich mit redbeans und gypsy. Da gab es durchaus kontroverse Ansichten.

Nochmal: das war in keiner Weise ein an Coltrane gerichteter Vorwurf! :-)

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