Hugo Fregonese

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    gypsy-tail-wind
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    Hugo Fregonese (1908–1987)

    Apenas un delincuente (1949) * * *1/2
    One Way Street (1950) * * * *1/2
    Saddle Tramp (1950) * * * *
    Apache Drums (1951) * * *1/2
    My Six Convicts (1952) * * * *
    Decameron Nights (1953) * * * *
    The Raid (1954) * * *1/2
    Blowing Wild (1953) * * * *1/2
    Black Tuesday (1954) * * * *1/2
    Seven Thunders (1957) * * * *1/2

    Zurück aus Bologna. Beim diesjährigen Cinema Ritrovato gab es eine Fregonese-Retrospektive, von Dave Kehr und Ehsan Koshbakht kuratiert. Neben einem seiner letzten Filme aus Argentinien wurden fast alle seiner Hollywood-Produktionen gezeigt (für „Man in the Attic“ von 1953 kamen leider keine Einzelkarten in den Verkauf, obwohl keine einzige Vorstellung ausverkauft war … vermutlich hätte es mit Anstehen in der „last minute“-Schlange geklappt, aber soweit ich verstand, war die nur für Leute mit einem Festivalpass, der sich für mich nicht lohnte), zudem noch „Seven Thunders“, der ein paar Jahre später im UK produziert (und teils vor Ort in Marseille gefilmt wurde).

    Die zehn Filme (plus ein halbes Dutzend weitere) in vier Tagen zu sehen war phantastisch, es macht aber das Vergeben von Sternen etwas schwierig, weil wenig Zeit blieb, über die Filme nachzudenken. Ich könnte am Ende auch einfach allen viereinhalb oder fünf Sterne geben – jedenfalls eine grossartige Gelegenheit, diesen Regisseur zu entdecken, dessen Name mir bis vor ein paar Monaten noch nicht mal bekannt gewesen war (ich hatte ihn erstmals bei der Urlaubsplanung gelesen und gedacht, dass es toll wäre, wenn es klappen würde, möglichst viele der Filme zu sehen).

    Da waren viele Höhepunkte dabei, u.a. die Performance von Edward G. Robinson in „Black Tuesday“ (da hat auch Jean Parker einen superben – relativ – späten grossen Auftritt) oder die höchst ambivalente Figur, die James Mason in „One Way Street“ (dem Hollywood-Debut von Fregonese) brillant verkörpert. Im Film aus Argentinien gibt es wunderbar kafkaeske Szenen im Grossraumbüro und tolle Stadtaufnahmen. Sehr schön auch die Decamerone-Adaption (dass ich in einer Kino-Pause davor am gleichen Tag in der grossen Pasolini-Ausstellung war, die gerade zu sehen ist in Bologna, passte dann natürlich besonders gut), in der Joan Fontaine gemäss Dave Kehr in „the most sensual performance of her career“ zu sehen sei (Zitate aus dem Programmheft, das hier online zu finden ist). Sie ist jedenfalls grosse Klasse, und der Film als ganzer ebenfalls ziemlich toll (eine typische „runaway production“ übrigens: die Aussenszenen wurden in Francos Spanien gedreht, im florentiner Umland gibt es daher auch Flamenco zu hören, die Innenszenen wurden in England gedreht, an beiden Orten wurden staatliche Film-Förder-Gelder einkassiert, im Fall von Spanien „funds from an American oil company frozen in Spain by the Franco government“). Ebenfalls hervorragend ist John Beal, der „Doc“, der in „My Six Convicts“ vergeblich versucht, das kaputte amerikanische „prison system“ zu reformieren – der Eindruck, dass Fregonese auch aus weniger bekannten Schauspielern grossartige Leistungen hervorzukitzeln vermochte (da sind natürlich nicht Mason, Robinson etc. gemeint) ist jedenfalls ein bleibender Eindruck: die Güte der Filme hat nur sehr bedingt etwas mit dem Bekanntheitsgrad der Lead-Schauspieler*innen zu tun.

    „Blowing Wild“ ist dann der eine Star-Film mit Gary Cooper, Barbara Stanwyck und Anthony Quinn – eine Männerfreundschaft im Zentrum, doch die Frau ist mit dem Mann falschen Mann verheiratet, was verheerende Folgen haben wird. Der Film ist vielleicht auch eine Art Scharnier, beginnt als eine Art Spätwestern – Hintergrund ist die Ölförderung in Mexico, Banden von Erpressern, die den Yankees das Leben schwer machen (Cooper hatte sie aus steuertechnischen Gründen damals übrigens tatsächlich teils in Mexico niedergelassen), dazwischen gibt es einen Nitroglycerin-Transport, der anscheinend rein zufällig an „Le Salaire de la peur“ erinnert: gemäss Koshbakht entstanden die Filme gleichzeitig, aber der von Clouzot kam früher heraus). Und in der zweiten Hälfte ist aus dem Western ein Noir geworden – die Dialoge des ansonsten nicht überraschenden Drehbuchs sind allerdings von Anfang an lakonisch und scharf, ganz in der Noir-Tradition.

    Die Western fand ich insgesamt eine Spur weniger toll, aber die Titelfigur in „Saddle Tramp“ ist zum Beispiel schon sehr interessant: der Titelheld wird durch einen blöden Zu- bzw. Unfall für vier kleine Jungs verantwortlich, die – ein kleiner autoreferentieller Twist – die dem Ideal des freien Drifters anhängen, das im Genre erst entstanden ist. Er schwört diesem dann ab, weil er sich seiner Verantwortung bewusst ist – Zeitenwandel und so. In „Apache Drums“ wird wie es scheint ethnographisch erforscht korrekte Kriegsmusik eingesetzt, der Angriff der Apache, die durch Oberlichter in die belagerte Kirche „fliegen“, in der sich die braven bigotten Dorfsleute verkrochen haben, ist dann aber doch etwas zu dick aufgetragen. Und die Figur des Pfarrers, der im Lauf der ersten Hälfte von einem nervenden Idioten zum Helden und Sympathieträger wird, aber non-stop die übelsten Ausfälligkeiten über die Natives verbreitet … nun ja, geht halt 70 Jahre später nicht mehr so gut. Dafür ist Stephen McNally als der eigentliche Held des Films wiederum sehr toll – und sehr ambivalent. „The Raid“ ist ein Bürgerkriegsfilm, in dem die aufrechten Südstaatler als Helden auftreten. Unterschwellig und manchmal recht offen wird immerhin darüber nachgedacht, dass im Krieg eben beide Seite ihre Gründe hätten, dass auf beiden Seiten „richtig“ gehandelt werde. Auch hier lässt Fregonese also wieder eine gewisse Ambivalenz zu – aber der Film bleibt dann doch ziemlich gnadenlos (was ihm wiederum als Film betrachtet auch durchaus gut tut).

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #133: Revivals in den 90ern und eine Neuheit aus der Romandie - 14.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: tba
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    #11836405  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 34,924

    Der Name war mir nicht bekannt, danke für den Bericht!

    --

    If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
    #11836411  | PERMALINK

    motoerwolf

    Registriert seit: 25.10.2006

    Beiträge: 5,636

    Der Name ist mir seit Kindheitstagen ein Begriff. Von Fregonese stammt nämlich Old Shatterhand. Und den habe ich sehr geliebt. Dass mir sein Name im Kopf blieb liegt aber vor allem daran, dass wir als Kinder immer fanden, dass er nach einem Schurken in Dudu-Filmen o.ä. klingt. Ansonsten kenne ich nur noch Dracula jagt Frankenstein, an dem Fregonese beteiligt war. Den braucht man allerdings nicht zu kennen.
    An der Werkschau hatte ich gerne teilgenommen. Gerade wegen der Western.

    --

    And all the pigeons adore me and peck at my feet Oh the fame, the fame, the fame
    #11836423  | PERMALINK

    fifteenjugglers
    war mit Benno Fürmann in Afghanistan

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    Beiträge: 11,246

    Mit Gewinn gelesen. Mir war der Name auch bekannt, aber auch nicht mehr als der.
    @gypsy-tail-wind Warst Du schon öfter in Bologna?

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    "Don't reach out for me," she said "Can't you see I'm drownin' too?"
    #11836579  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 62,096

    @fifteenjugglers Ich war im Juni 2016 schon mal – zufällig – ein Wochenende in Bologna, als das Cinema Ritrovato lief, und dann 2019 nochmal ein paar Tage. Dieses Mal waren es zehn Tage, hätte es mit dem Festival nicht geklappt, hätte ich ein paar weitere Tagesausflüge gemacht (z.B. nach Ferrara, das ich total liebe). 2016 hatte ich „Who’s Crazy“ (mit der Musik von Ornette Coleman), das damals neue Biopic über Muhammad Ali und auf der Piazza „Modern Times“ mit Orchesterbegleitung gesehen. Da packte ich die Filme aber einfach zwischen meine Streifzüge durch die Stadt (zwei davon liefen spät abends, das Open Air auf der Piazza beginnt jeweils um 21:45, ich glaub gegen Ende hin, wenn die Tage ja schon etwas kürzer werden, dann um 21:30). Gibt auch ein paar Plattenläden, selbst für jemand wie mich, der v.a. Jazz und Klassik sucht (Bongiovanni für letztere, Disco D’Oro fand ich von den anderen den besten, hab dort das hier mitgenommen).

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #133: Revivals in den 90ern und eine Neuheit aus der Romandie - 14.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: tba
    #11836589  | PERMALINK

    fifteenjugglers
    war mit Benno Fürmann in Afghanistan

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 11,246

    Ich wollte gerade behaupten, 2016 war ich auch da. Aber es war tatsächlich 2017. Davor zuletzt in den 90ern (ohne Festival). Jedenfalls beides sehr sympathisch – Stadt und Festival.
    Ferrara kenne ich noch gar nicht.

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    "Don't reach out for me," she said "Can't you see I'm drownin' too?"
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