Alben und Referenzen – "Was bedeutet für Euch…?"

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  • #12519139  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Ein Thread für persönliche Texte. Gern mit Euren Stories.

    Index

    *     *    *

    Miles Davis in Europe

    Es beginnt mit diesem Ansager mit starkem französischen Akzent: „À la batterie: Tony Willliams … il a dix-sept ans” – Tony Williams ist siebzehn Jahre alt. Das Antibes-Konzert von 1963, Marina und ich sprachen den Ansager immer mit.

    Doch mir geht es um Hugo. Ich war Anfang zwanzig, als ich vorübergehend bei Marina und ihrer Familie wohnen durfte. Hugo, Marinas Vater, war in Hamburg bei einer Versicherung und kam nach langem Pendlerweg zurück in das Haus am Stadtrand. Großer Garten, eine Terrasse, zur Terrasse hin ein Panoramafenster.

    Es gab eine Regel, die ich sofort mochte: Kam Hugo von der Arbeit, war er eine halbe Stunde lang für sich. Er legte eine Platte auf – zum Beispiel das Miles-Konzert aus Antibes – setzte sich ans Fenster und hörte zu. Schaute in den Garten, dachte nach, eher versunken. Danach war er für alle da. Seine Platte hieß anders, aber Jahre später konnte ich das Album als „Miles Davis in Europe“ wiederfinden.

    Eines Tages hörte ich im Nähzimmer “Song X” von Pat Metheny und Ornette Coleman – ich fing damals erst mit solcher Musik an. Hugo kam herein, hörte ein paar Takte und meinte: “Ornette, ja.” Er musste schmunzeln und erzählte von Colemans Plastiksaxophon und wie er als junger Mann ein Album gehört hatte, wo zwei Orchester wild gegeneinander spielen. “Free Jazz” vermutlich. Er hatte es seinem Vater vorgespielt, und der meinte – Hugo lachte schon im Voraus – “Für mich klingt das wie ein Hühnerhaufen.”

    1990 oder 1991 war ich wieder zu Besuch, hatte einen tragbaren CD-Player dabei. Hugo kannte so etwas noch nicht richtig. Ich suchte ihm “So What” von Miles Davis heraus – fast zehn Minuten lang, und ich dachte eigentlich nur an eine kurze Kostprobe. Aber Hugo steckte sich die Stöpsel ins Ohr, ein Anachronismus an sich – und hörte das ganze Stück. Dabei versuchte ich seinen Gesichtsausdruck zu interpretieren, konnte aber nichts ablesen. Macht er das nur mir zuliebe? Zu höflich zum Abbrechen?

    Nach rund zehn Minuten nahm er die Stöpsel raus. “Das klingt ja phantastisch. Coltrane habe ich erkannt, Miles Davis und Cannonball auch und Bill Evans. Stark.”

    Vor kurzem habe ich nach Hugo gefragt. Er ist weit über achtzig, das Gedächtnis verlässt ihn, aber er sitzt noch gern am Verandafenster. Seine Frau Isa kümmert sich sorgsam um ihn, aber mit der Technik ist es schwierig geworden. Das war immer seins gewesen.

    Wenn ich “Miles Davis in Europe” höre, denke ich an Hugos Ritual. An die Notwendigkeit, Momente der Stille zu schaffen. Der wartet, bis der richtige Zeitpunkt kommt, um ein Geschenk zu öffnen.
    „Tony Williams, il a dix-sept ans“ – und Hugo, der dabei war.

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    Tout en haut d'une forteresse, offerte aux vents les plus clairs, totalement soumise au soleil, aveuglée par la lumière et jamais dans les coins d'ombre, j'écoute.
    Highlights von Rolling-Stone.de
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    #12519235  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 38,513

    Schön!

    --

    If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
    #12519265  | PERMALINK

    fifteenjugglers
    war mit Benno Fürmann in Afghanistan

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 11,744

    Ja, danke für die Story!

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    "Don't reach out for me," she said "Can't you see I'm drownin' too?"
    #12519273  | PERMALINK

    stardog

    Registriert seit: 12.06.2011

    Beiträge: 2,184

    👍🏼

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    #12519275  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Freut mich, dass es Anklang findet – bin gespannt auf eure Geschichten!

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    Tout en haut d'une forteresse, offerte aux vents les plus clairs, totalement soumise au soleil, aveuglée par la lumière et jamais dans les coins d'ombre, j'écoute.
    #12519279  | PERMALINK

    was
    Break China Laughing

    Registriert seit: 17.01.2010

    Beiträge: 11,580

    Schöne Geschichte und eine interessante Threadidee. Werde mich gerne beteiligen.

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    #12519295  | PERMALINK

    august-ramone
    Ich habe fertig!

    Registriert seit: 19.08.2005

    Beiträge: 64,797

    lathoSchön!

    Ja. Und berührend.

    --

    http://www.radiostonefm.de/ Wenn es um Menschenleben geht, ist es zweitrangig, dass der Dax einbricht und das Bruttoinlandsprodukt schrumpft.
    #12519309  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 15,613

    august-ramone

    lathoSchön!

    Ja. Und berührend.

    Ja!

    #12519875  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Falls jemand noch zögert: Einfach drauflos schreiben! Keine Vorgaben, jeder Stil gilt. Wie an der Halfpipe mit Ghettoblaster, einfach aufs Board und los.

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    #12519995  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 38,513

    Zum Thema „A record saved my life“ haben wir sogar ein Unterforum, hier. Der eine Text von otis ist immer noch großartig.

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    #12520001  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Schön, ich sehe gerade: vor 17 Jahren. Könnte eine anregende Anthologie werden.

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    #12520161  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Kyuss – Welcome to Sky Valley

    Spätsommer ‘99, wir arbeiten im 10. Stock – das Netz ist unser Ding. Hinter mir auf der Magnetwand und vor mir auf dem Schreibtisch Flyer von der Ankerklause, das Programm vom Loft am Nollendorfplatz, irc Chat #berlin auf dem Bildschirm und Webtext galore. In einer Indie-Publikation veröffentlicht die Hamburgerin, ich ebenfalls.

    Eines Tages dann dieser Text:

    Wir rücken uns ein paar Schemel ganz dicht an die Bühne und lassen uns von fetten Gitarrenwänden überrollen. Die Haare hängen uns ins Gesicht wie dem Gitarristen und die Bässe wirbeln uns den Mageninhalt durcheinander. Die Fluppe klebt an der Lippe fest und reißt ein Stück Haut raus. Blut schmeckt wie Rock schmeckt wie Liebe, süß und brutal. Zwischen den Stücken ist es ganz still bis auf das Zischen der Nebelmaschine, die den leeren Raum hinter uns verschwinden lässt. Wir im Nichts mit Soundtrack. Irgendwann gehe ich auf die Bühne und hauche ins Mikrophon: „Danke Spalt.“ Ich weiß, dass meine Lider auf Halbmast hängen mit weißem Lidstrich drauf. Ich küsse dem Drummer die Hand und verschwinde im Nebel.

    Was war denn das? Später habe ich Glück, sie schickt mir Mixtapes und ich mache ihr auch eins. In Hamburg fahren wir im alten Opel Admiral über die Köhlbrandtbrücke und cruisen am Pudel vorbei. Was für ein wildes Ding, denke ich mir und noch bevor wir uns an den Deichtorhallen kennenlernen, fragt sie mich nach meinen fünf Lieblingsalben. „Ganz schnell! Ohne Nachdenken!“

    Meine Antwort habe ich vergessen, aber sie hatte „A Hard Day’s Night“ auf ihrer Liste und vor allem dieses Album hier. Oben an der Treppe, dem Dock 11 gegenüber: rauchen, reden, trinken.

    zuletzt geändert von kingberzerk

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    Tout en haut d'une forteresse, offerte aux vents les plus clairs, totalement soumise au soleil, aveuglée par la lumière et jamais dans les coins d'ombre, j'écoute.
    #12520315  | PERMALINK

    irrlicht
    Nihil

    Registriert seit: 08.07.2007

    Beiträge: 31,747

    august-ramone Ja. Und berührend

    Absolut, sehr schön hier sowas zu lesen.  :-)

    --

    Hold on Magnolia to that great highway moon
    #12520319  | PERMALINK

    stardog

    Registriert seit: 12.06.2011

    Beiträge: 2,184

    kingberzerkKyuss – Welcome to Sky Valley Spätsommer ‘99, wir arbeiten im 10. Stock – das Netz ist unser Ding. Hinter mir auf der Magnetwand und vor mir auf dem Schreibtisch Flyer von der Ankerklause, das Programm vom Loft am Nollendorfplatz, irc Chat #berlin auf dem Bildschirm und Webtext galore. In einer Indie-Publikation veröffentlicht die Hamburgerin, ich ebenfalls. Eines Tages dann dieser Text:

    Wir rücken uns ein paar Schemel ganz dicht an die Bühne und lassen uns von fetten Gitarrenwänden überrollen. Die Haare hängen uns ins Gesicht wie dem Gitarristen und die Bässe wirbeln uns den Mageninhalt durcheinander. Die Fluppe klebt an der Lippe fest und reißt ein Stück Haut raus. Blut schmeckt wie Rock schmeckt wie Liebe, süß und brutal. Zwischen den Stücken ist es ganz still bis auf das Zischen der Nebelmaschine, die den leeren Raum hinter uns verschwinden lässt. Wir im Nichts mit Soundtrack. Irgendwann gehe ich auf die Bühne und hauche ins Mikrophon: „Danke Spalt.“ Ich weiß, dass meine Lider auf Halbmast hängen mit weißem Lidstrich drauf. Ich küsse dem Drummer die Hand und verschwinde im Nebel.

    Was war denn das? Später habe ich Glück, sie schickt mir Mixtapes und ich mache ihr auch eins. In Hamburg fahren wir im alten Opel Admiral über die Köhlbrandtbrücke und cruisen am Pudel vorbei. Was für ein wildes Ding, denke ich mir und noch bevor wir uns an den Deichtorhallen kennenlernen, fragt sie mich nach meinen fünf Lieblingsalben. „Ganz schnell! Ohne Nachdenken!“ Meine Antwort habe ich vergessen, aber sie hatte „A Hard Day’s Night“ auf ihrer Liste und vor allem dieses Album hier. Oben an der Treppe, dem Dock 11 gegenüber: rauchen, reden, trinken.

    Ein Album voller ungebändigter Energie. Wild und ungestüm.

    --

    #12520373  | PERMALINK

    zoji

    Registriert seit: 04.10.2017

    Beiträge: 7,642

    Wie schon beim Live-Aid-Konzert einige Jahre zuvor hatte ich eher geringes Interesse an den Acts der Mandela-Show 1988, um es komplett zu ignorieren war es aber einfach zu groß. Und der Auftritt von Chapman war dann auch für mich sehr speziell. Die Songs fand ich ganz hübsch. Vor allem aber war es wahnsinnig berührend, wie diese kleine, noch weitgehend unbekannte Person mit den lustigen Dreads da auf der riesigen Bühne vor einem ebensolchen Publikum stand, sich um den Zustand der Welt sorgte und nur mit einer Gitarre bewaffnet den Kampf gegen ihre Ungerechtigkeiten aufnahm. Das war für mich persönlich schon ein sehr bemerkenswerter Moment der Musikgeschichte. Dennoch operierte sie auch sehr am Rande meiner damaligen musikalischen Interessen und ich habe ihren Weg dann nie intensiv verfolgt.

    Ein paar Wochen später lag dann zwischen Ende meiner Ausbildung und dem Beginn des Zivildienstes jede Menge Sommer, in dem ich mit einem Freund die Küste Portugals bereiste. Auf einem Campingplatz lernten wir Sabine und ihre Freundin kennen. Beide noch nicht ganz volljährig, hübsch, freundlich, reizend, und also natürlich interessant, wenn Du noch auf der Suche nach der großen Liebe bist. Nach einem etwas holprigen Start lernte man sich doch noch kennen und schätzen, als wir weiter reisten verabredeten wir uns auf dem nächsten Campingplatz, wo wir dann noch, meist in größerer Gruppe, einige Tage und Abende zusammen verbrachten. Beim nächtlichen Lagerfeuer kam selbstverständlich auch das Thema Musik zur Sprache, Sabine benannte Chapman als ihre Lieblingsmusikerin, die sie ja selbst erst vor kurzer Zeit kennen gelernt haben konnte, und ich quittierte das wahrscheinlich mit dem der Jugend geschuldeten herablassenden Wohlwollen des zwar prinzipiell ahnungslosen, aber dessen ungeachtet selbsternannten Top-Musik-Checkers. Außerdem hielt ich das für eine schlüssige Wahl für eine junge, aber über ihr Alter hinaus reflektierte, nachdenkliche und kluge Frau. Ein großes Thema war das dann aber im weiteren meiner Erinnerung nach nicht mehr zwischen uns. Jedenfalls war ich gegen Ende des Urlaubs moderat verknallt, genug, um mich emotional ein wenig zu beschäftigen, viel zu wenig für eine Kernschmelze. Das nächste Jahr, vielleicht auch die nächsten anderthalb, hielten wir ausführlichen, wertschätzenden und warmherzigen Briefkontakt in hoher Frequenz, als sie ankündigte, irgendjemanden in Hamburg zu besuchen und das sie uns dann auch gerne wiedersehen möchte. Ich freute mich sehr darauf, und ehrlich gesagt hoffte ich nach einer schwierigen Zeit auch darauf, das ganze vielleicht doch noch zur Lovestory erweitern zu können. Umso ernüchternder war dann die Wiederbegegnung. Sie verhielt sich äußerst distanziert und zurückweisend, ich hatte den Eindruck, dass sie immer bestrebt ist, dort zu stehen, wo ich gerade nicht stehe. Wir waren unter anderem zum Billard verabredet, und später hat mich die Situation an eine schlechte Karikatur erinnert, in der ein Chef seine Sekretärin um den Schreibtisch jagt. Es war furchtbar. Ich war nicht nur enttäuscht, sondern richtig vor den Kopf gestoßen. In unserem schriftlichen Gedankenaustausch hatte mich nichts darauf vorbereitet, dass der Abend so verlaufen könnte. Zwei Tage später waren wir wieder bei meinem Freund verabredet, und statt auch nur den Versuch zu machen, sie zu fragen, was eigentlich los ist, rief ich zur verabredeten Zeit bei ihm an, bat sie ans Telefon, erklärte, dass ich nicht kommen werde und es für besser halte, wenn wir den Kontakt abbrechen. Die räumliche Distanz, mit der halben Bundesrepublik zwischen uns, ließ mir, zumal in der Jugend, eine radikale Lösung zur Beendigung des Schmerzes sehr zwingend erscheinen. Von ihr wurde das ohne Umstände kühl akzeptiert, und das war das letzte Mal, dass wir uns sprachen.

    Hier wäre die Geschichte normalerweise beendet gewesen, zumal auch mein Freund nach diesem Wochenende keinen Kontakt mehr zu ihr hatte, und Sabine wäre nur ein weiterer Name auf einer schier endlosen, und nicht annähernd lückenlos rekonstruierbaren Liste von Ladys, in die ich mich mal mehr, mal weniger verliebt hatte und bei denen ich mir eine blutige Nase geholt habe. Es stellte sich jedoch zwei, vielleicht auch drei Jahre später heraus, dass die beiden zufällig einen gemeinsamen Bekannten hatten. Und der hatte ihm berichtet, dass Sabine eines Abends auf der Autobahn unterwegs war, als es vor ihr zu einem Unfall kam. Sie stieg aus um zu helfen, als ein nachfolgender Wagen sie erfasste und tötete. Natürlich fand ich das traurig, war vielleicht auch kurz schockiert, als ich es hörte, aber zum einen waren die 90er, und speziell die frühen, für mich selbst eine sehr bewegte Zeit, zum anderen hatte ich viel Abstand gewonnen. Es war etwa so, als hätte ich vom Tod eines ehemaligen Mitschülers erfahren, mit dem ich schon in der Schulzeit wenig zu tun hatte. Tatsächlich hat mich ihr Tod über den Augenblick hinaus nicht belastet.

    Ich weiß auch nicht einmal mehr, ob ich überhaupt an sie dachte, als ich viel später irgendwann in den 00ern, allmählich besser im Leben angekommen und meine musikalischen Pfade etwas erweiternd, endlich doch Chapmans Debüt für kleines Geld vom Grabbeltisch mitnahm. Aber kaum, dass ich es hörte, war es wieder da, Portugal 88, die Strände, die Orte, und selbstverständlich Sabine. Kränkung und Verärgerung waren natürlich längst verraucht. Und erst da, mindestens eine Dekade später, war ich unendlich traurig, dass eine junge Frau mit großer Zukunft, beim Versuch, anderen Menschen zu helfen, so brutal aus dem Leben gerissen wurde. Letztlich hat sie keine großen Spuren in meinem Leben hinterlassen, wir kannten uns wie gesagt nur von wenigen Abenden im Urlaub, einem komplett missratenen in Hamburg und einer größeren Zahl Briefe. Aber wenn ich heute Chapman höre, nicht sehr oft zugegeben, dann immer mit den Gedanken an sie, das Debüt ist für mich untrennbar mit ihr verbunden. Und was mich wirklich ein bisschen fertig macht ist der Titel Fast Car. Nicht wegen des Inhalts, es geht ja nicht um einen Verkehrsunfall, aber verdammt … Fast Car.

    zuletzt geändert von zoji

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    Und lieg´ich dereinst auf der Bahre, dann denkt an meine Guitahre, und gebt sie mir mit in mein Grab (Der rührselige Cowboy, D. Duck)
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