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GipettoBeeindruckend finde ich, wie schnell und mit wie wenig fremder Hilfe Bowie den Cut von seiner Abhängigkeit geschafft hat und aus der „Koksmühle“ herausgekommen ist: Befand er sich 1976 psychisch und physisch im Endstadium des Kokain-Teufelskreises, war er bereits ein Jahr später wieder bei sehr guter Verfassung. Angeblich hat er ja in Berlin kalt entzogen, wozu bei Bowies Stadium der Sucht schon ein übermenschlicher Wille gehören muss. War er in Berlin eigentlich komplett clean? Hier gibt es unterschiedliche Berichte – insbesondere wenn man sich diesen Jahren auch mal aus der Perspektive von Iggy Pop nähert, habe ich da so meine Zweifel…
Catch-22Da kann ich nur mutmaßen, aber ein Mann mit seinen finanziellen Mittel und sonstigen Möglichkeiten, Verbindungen wird sich wahrscheinlich Hilfe geholt haben. Abstinent vom Kokain bedeutet ja auch nicht gleich clean zu sein, der Umstieg auf Alkohol und Medikamente (zB Captagon) liegt da meiner Meinung nach näher. „Ashes to Ashes“ war dann sein trauriger Abgesang, der Abschied fiel im hörbar schwer, wobei auch der Schrecken mitklingt: But the little green wheels are following me. Oh no, not again …
Ich habe das Buch Helden von Tobias Rüther, das Bowies Zeit in Berlin zum Thema hat. Schon eine Weile her, dass ich es gelesen habe und daher weiß ich nicht mehr, wie ausführlich Rüther auf Bowies Kokainsucht und -entzug eingeht. Ich blättere da noch mal nach. Es gibt doch auch eine Iggy Pop-Biografie: Kann man daraus was erfahren?
Wenn ich die Chronik auf Golden Years lese, gewinne ich den Eindruck eines rastlosen und bindungslos wirkenden Menschen, der ständig unterwegs ist, London, Paris, New York, Los Angeles, Montreux, Berlin, der sich mit ständig wechselnden Menschen umgibt, nirgendwo zuhause ist und ständig seine Identität wechselt. Man kann das als eine freie und ungebundene, kosmopolitische Bohème-Existenz oder Jet Set interpretieren – wobei Bowie paradoxerweise unter Flugangst litt und den Atlantik lieber mit dem Schiff überquerte. Es gibt aber offenbar auch andere Interpretationen, die soweit gehen, bei David Bowie Borderline-Symptome zu vermuten: Andreas Jacke: David Bowie – Station to Station / Borderline-Motive eines Popstars. Habe ich aber nicht gelesen.
Wenn man die Bowie-Ausstellung als Maßstab nimmt, erscheint Bowies Spiel mit den Identitäten als Theater, gut geschmiertes internationales Showbusiness im Zeitalter der Postmoderne. Ich selbst habe da meine eigenen Phantasien. Oder hat das noch viel tiefer liegende Gründe?
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„Etwas ist da, was jenseits der Bedeutung der Worte, ihrer Form und selbst des Stils der Ausführung liegt: etwas, was direkt der Körper des Sängers ist, und mit ein- und derselben Bewegung aus der Tiefe der Stimmhöhlen, der Muskeln, der Schleimhäute, der Knorpel einem zu Ohren kommt, als wenn ein und dieselbe Haut das innere Fleisch des Ausführenden und die Musik, die er singt, überspannen würde.“ (Roland Barthes: Die Rauheit der Stimme)