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CanzioneWer z.B. seine musikalische Sozialisation in den 50er und 60er erhalten hat, wer also groß geworden ist mit den normativen Prinzipien der Neuen Musik, wie sie niedergelegt sind in den Programmatiken Stockhausens, der wird mit dem Werk von Bob Dylan Schwierigkeiten haben. Er wird sich fragen, ob dieser überhaupt einen Rangplatz verdient neben Schönberg, Webern, Stockhausen, Coltrane, ob das Festhalten an der Tradition ihn nicht von vornherein dem Verdacht der „Trivialität“ aussetzt. Mit anderen Worten: Bob Dylan ist ein Musiker, der nicht auf den avanciertesten Möglichkeiten der Musik besteht, er ist kein musikalischer Innovator, kein Musik-Picasso, sondern ein Anachronismus: ein musikalischer (ästhetischer) Konterrevolutionär.
Aber das ist okay, Bob gefällt auch so.
Diese Überlegung krankt an dem Versuch, grundverschiedene Dinge miteinander zu vergleichen. Schon der Eingangssatz wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. „Wer seine musikalische Sozialisation…, der wird…“ Ist das so? Ich kenne niemanden, der mit Stockhausen oder Schönberg aufgewachsen ist. Solche Leute gibt es bestimmt, aber ich habe keine Ahnung, ob die mit Dylan Probleme haben oder nicht. Und wenn sie es tun, was spielt es für eine Rolle? Das wären ja wahrlich nicht die Einzigen. Wen hattest Du denn konkret im Sinn?
Was mich darüber hinaus an Deinem Beitrag stört ist, dass Du Innovation am Maßstab dieser „Neutöner“ misst. Denen nachzustreben ist ja weder Dylans Ziel noch seine Absicht gewesen. Ihn als ästhetischen Konterrevolutionär zu bezeichnen, verkennt vollkommen seine Bedeutung für die populäre Musik. Dazu Stephen Thomas Erlewine:
Bob Dylan’s influence on popular music is incalculable. As a songwriter, he pioneered several different schools of pop songwriting, from confessional singer/songwriter to winding, hallucinatory, stream-of-consciousness narratives. As a vocalist, he broke down the notion that a singer must have a conventionally good voice in order to perform, thereby redefining the vocalist’s role in popular music. As a musician, he sparked several genres of pop music, including electrified folk-rock and country-rock. And that just touches on the tip of his achievements. Dylan’s force was evident during his height of popularity in the ’60s — the Beatles‘ shift toward introspective songwriting in the mid-’60s never would have happened without him — but his influence echoed throughout several subsequent generations, as many of his songs became popular standards and his best albums became undisputed classics of the rock & roll canon. Dylan’s influence throughout folk music was equally powerful, and he marks a pivotal turning point in its 20th century evolution, signifying when the genre moved away from traditional songs and toward personal songwriting. Even when his sales declined in the ’80s and ’90s, Dylan’s presence rarely lagged, and his commercial revival in the 2000s proved his staying power.
http://www.allmusic.com/cg/amg.dll?p=amg&sql=11:0ifrxqe5ldhe~T1
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Ohne Musik ist alles Leben ein Irrtum.