Re: Die überschätztesten Platten/Bands aller Zeiten

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hal-croves
אור

Registriert seit: 05.09.2012

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bullschuetzScott Walker ist für mich das Gegenteil von Kitsch und Schmalz – und zwar von Anfang an: „The sun aint gonna shine anymore“ mag vorderhand von Liebeskummer handeln und von Herzschmerz – aber es klingt dabei so seltsam wissend, so irritierend erwachsen, als singe da nicht jemand, der heute meint, er werde nie wieder lieben können und sich übermorgen schon wieder frisch verliebt haben wird (wie es halt so ist in der Jugend). Sondern als singe da jemand, der weiss, dass manche Verluste unwiderruflich sind und Einsamkeit viel mehr sein kann als bloß das kleine Tief zwischen Liebesglück und neuem Liebesglück. Loneliness is a cloak you wear, A deep shade of blue is always there … Gab es jemals eine seltsamere „Teenie-Band“?

Und dann erst die ungeheuer reiche, strahlende und beklemmende Welt, die Scott Walker in seinen vier Meisterwerken Scott bis Scott 4 entworfen hat: zwischen Wohlklang und Welkheit, barocker Pracht und Finsternis. Und die Texte: meilenweit von „Herz reimt sich auf Schmerz“- oder „Moon reimt sich auf June“-Kitschlyrik. Ziemlich morbide bisweilen.
Höhepunkt ist für mich die Scott 4: Welch irritierende Schönheit in Songs über den Tod und den Stalinismus.

Es steht mir fern, Dir vorschreiben zu wollen, was Du kitschig/schmalzig zu finden hast und was nicht. Ich möchte Dich bloß ermuntern: Hör noch mal rein in Scott Walkers Frühwerk, versuch es chronologisch. Ich will Dich bestimmt nicht bevormunden. Aber ich will Dir ein Versprechen machen: Lass Dich darauf ein, versuche, noch mal mit einem Grundwohlwollen an die Sache ran zu gehen, nimm Dir die „Scott“-bis-„Scott 4“-Tetralogie vor – Du wirst es nicht bereuen. Ein Lied wie „Such a small love“ zum Beispiel (auf „Scott“) weist im Refrain auf die erhabene Strahlkraft von The sun aint gonna shine zurück – und mit seinem beklemmenden Geigenzittern am Anfang voraus in die Zukunft, zu den abstrakten, unsere Vorstellungen von einem Streicherarrangement verstörenden und erweiternden Tönen auf Tilt und The Drift. Montague Terrace, Rosemary … viele dieser frühen Lieder sind momentweise wie Vorboten des späten Scott.

Das finde ich das Faszinierende an Scott Walker: Das ist keine hübsch modellierte Pop-Persona, die sich immer wieder „neu erfinden“ muss, damit sie nicht langweilig wird; das ist eine Künstlerpersönlichkeit, die immer radikaler zu sich selbst kommt. Da ist eine kühne, weit ausschwingende Entwicklungslinie in diesem Werk von „The sun aint gonna…“ bis zu „The Drift“ – und zugleich ist da eine Kontinuität, etwas Organisches, fast Logisches in diesem Weg. Eben kein Sich-neu-Erfinden, sondern ein Zu-sich-selbst-Finden. In The Drift klingt – bei aller Radikalität, bei aller Fremdheit – durchaus das Echo ganz früher Aufnahmen nach. Und durch manche ganz frühen Aufnahmen tönt wie eine Ahnung die Kühnheit von Tilt und The Drift.

Immer wenn ich jemand eloquent und sprachlich differenziert argumentieren höre, neige ich dazu, ihn ernst zu nehmen. In diesem Fall irritiert mich aber die unglaubliche Kluft zwischen gediegener Formulierkunst und einer fast realsatirisch fulminanten Scott-Walker-Radikalüberschätzung, die mir eigentlich nur zu völlig unreflektierten Teenie-Fans oder aber zu professionellen Marketing-Zynikern zu passen scheint. „Und dann erst die ungeheuer reiche, strahlende und beklemmende Welt, die Scott Walker in seinen vier Meisterwerken Scott bis Scott 4 entworfen hat“ … „…weist im Refrain auf die erhabene Strahlkraft von The sun aint gonna shine zurück“ … Strahlkraft? Erhaben? Ungeheuer reiche, strahlende und beklemmende Welt, die Scott Walker in seinen vier Meisterwerken Scott bis Scott 4 entworfen hat? Verzeihung, das klingt, als soll Walker sowas wie ein Beethoven der Popwelt sein, und das ist einfach bizarr. Geht’s vielleicht auch mehrere Nummern kleiner?

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"Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=