Antwort auf: 2022 & 2023 & 2024 & 2025: jazzgigs, -konzerte, -festivals

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Alpentöne 2025 – Sprachen und Stimmen waren das Thema bei der diesjährigen Ausgabe des zweijährlich (alternierend mit der „Stubete am See“ in der Tonhalle Zürich) durchgeführten Festivals, das allerlei Musik aus dem Alpenbogen präsentiert mit neuer Volksmusik als Ausgangspunkt, aber gerne auch mal mit jazzigem Einschlag oder in Richtung Liedermacher/Chanson unterwegs. Es gab da in zahlreiche Projekte mit Leuten, die ich mag und schätze, z.B. mit Mike Westbrook, Gianluigi Trovesi, Wolfgang Puschnig, Pierre Favre usw., und gefühlt alle kreativen Akkordeonist*innen waren mal dort: Bratko Bibic, Guy Klucevsek, Otto Lechner … und natürlich CH-Grössen wie Max Lässer mit seinem Überlandorchester, Corin Curschellas, OM, Hans Hassler (nochmal Akkordeon) oder Ils Fränzlis da Tschlin. Ich hatte mir natürlich den Festivaltag ausgesucht, der etwas Jazz versprach – mit Elina Duni oder Nik Bärtschs Ronin, also Freitag den 15. August. Die Konzerte fanden im Theater Uri statt, mit Ausnahme von Trëi, die in der Kirche St. Martin auftraten.

Kristina Brunner Ensemble „Fahre“ – Kristina Brunner (schwyzerörgeli, cello, comp), Andreas Gabriel (v), Gabriel Miranda (v, vla), Jürg Nietlispach (g, cither), Albin Brun (ts, ss, schwyzerörgeli), Lukas Thöni (tp, flh), Evelyn Brunner (b, schwyzerörgeli), Markus Lauterburg (d), Pedro Lenz (text). Als ich am Freitagmittag in Altdorf angekommen bin, guckte ich erst mal gegen all die Berge … und war froh zu wissen, da ich da auch bald wieder weg kann. Auf dem Dorfplatz spielten die Kellerheims im Trio (Hanna Keller und Alessia Heim an Hackbretten und Curdin Mock am Kontrabass) ein buntes Programm aus Arrangierten Popsongs usw. – das gefiel mir schon mal ganz gut. Am Nachmittag im Theater dann das erst grössere Konzert mit dem Ensemble von Kristina Brunner, die hier mehrheitlich Cello spielte. Da gab es ein paar jazzige Töne, vor allem von Lukas Thöni, der ein paar sehr schöne Soli beisteuerte, und von den beiden Geigern, die sehr unterschiedlich agierten und durchaus auch mal die Musik von Django Reinhardt und Stéphane Grappelli heraufbeschwörten. Insgesamt war das aber fein arrangierte, swingende Instrumentalmusik, von Markus Lauterburg (am Drum-Setup unschwer als Schüler/Kollege von Pierre Favre erkennbar – diese Becken-„Bäume“ sind ein Markenzeichen) und der älteren Schwester am Kontrabass immer passend angetrieben. Pedro Lenz ist ein erfolgreicher Mundartdichter (um nicht zu sagen: der – andere ähnlich erfolgreiche gibt es derzeit nicht) und er rezitierte Texte, die lakonisch waren, ein feines Gespür für Wörter verrieten, einen guten, leisen Humor und einen Schuss Traurigkeit und Melancholie dazu. Kleine Stories oder auch nur Flow-Texte zur Musik – und wenn er mal etwas in Fahrt kam durchaus mit leisen Stiller Has/Endo Anaconda-Vibes. Das Thema „Fahren“ – und die Musik selbst – sorgten dafür, dass die Jenischen, der ein Grossteil der traditionellen Musik der Region zu verdanken ist (und irgendwie auch der grösste Chansonnier des Landes, Stephan Eicher) immer dabei waren. Ein rundum gelungener, wirklich herzerwärmender Einstieg.

Zum Instrument, das noch ein paar Mal kommt: das Schwyzerörgeli ist eine Art kleines Akkordeon, es scheint in Sachen mögliche Tonleitern je nach Bauart etwas begrenzt zu sein, zumindest Kristina Brunner hatte zwei verschiedene Instrumente dabei … aber da kenne ich mich so schlecht aus, dass ich auch das meiste im Wiki-Eintrag nicht nachvollziehen kann.

Elina Duni „Partir“ – Elina Duni – voc, g, p, perc – Dieses Programm hatte ich natürlich schon gehört, auf CD wie auch im Konzert im Moods in Zürich. Dennoch stellte ich mich früh in die Schlange und sass ganz vorn … und war überhaupt nicht darauf vorbereitet, wie gut das ein würde. Es scheint, dass Duni in den letzten Jahren einen weiten Weg gegangen ist. Weg von der Jazzband von früher (mit Colin Vallon) und überhaupt: Sie ist so viel mehr als eine Jazzsängerin. Klar, eine Jazzsängerin kann alles sein, und mehr als Alles gibt es nicht … aber wo wir hier gerade viel Nina Simone hören, dürfte zu verstehen sein, was ich meine. Duni und ihre Stimme lassen sich ebensowenig in Genres packen. Das Programm folgte nicht eins zu eins der CD, die ja auch schon über sieben Jahre alt ist, aber ich vermute das meiste stammte schon von Album. Und klar, mit ihrer Mehrsprachigkeit (Albanisch, Schweizerdeutsch, Französisch, Englisch, Jiddisch usw.) passte das Set zum Festivalmotto. Es bot zudem mit „Willow Weep for Me“ auch einen kleinen Abstecher zum Programm mit Billie Holiday-Songs, das Duni einst mit Jean-Paul Brodbeck am Klavier aufführte – und auch fast a-capella Gesang (mit etwas Glockenpercussion von den Füssen oder Schlägen gegen die Brust). Das alles hatte eine stille Kraft und war wirklich um Welten intensiver als das schon sehr gute Set, das ich 2018 hörte. Dazwischen „passierte“ ja nicht zuletzt Fred Thomas – und eben: eine grosse Weiterentwicklung als Künstlerin, wie mir scheint.

Trëi „One’s for Sorrow, Two’s for Joy“ – Abélia Nordmann (voc, harmonium, shruti box), Gizem Şimşek (voc, psaltery), Mara Miribung (voc, vc) – als nächstes ein paar Häuser weiter ein Konzert in einer Kirche … der passende Ort, aber so ganz ging das Konzept für mich in diesem Fall nicht auf. Ein einstündiges, unterbruchloses Set aus Liedern, teils a cappella (in der Mitte der Kirche zwischen dem Publikum oder im Raum verteilt gesungen, auch mal mit Publikumschor), teils mit sparsamer Begleitung. Dazwischen gab es Einspieler von Frauen, die über Tod und Geburt und Totgeburt erzählten, ihre Erlebnisse und Gefühle offenbarten – alles sehr bewegend, doch wirkte die Musik dann auf mich nicht immer so zwingend, das ergab irgendwie nicht so richtig ein Ganzes – auch weil mir das Material etwas zu bunt gewählt oder nicht wirklich in stimmige Form gebracht schien (mal klang das – passend – nach Tzadik, dann – eher unpassend – eher nach sowas wie The Unthanks). Ich bin dann etwas früher raus, um beim nächsten Konzert wieder einen guten Platz zu haben, schliesslich war es dieses, das mich zur Reise bewegt hatte.

Nik Bärtschs Ronin x Simone Felbers Iheimisch „Wätterglüüt“ – Nik Bärtsch (p, rhodes), Sha (bcl, as), Jeremias Keller (elb), Kaspar Rast (d), Simone Felber (voc), Polina Niederhauser (vc), Rafael Jerjen (b), Kristina Brunner (schwyzerörgeli). Das Zen-Funk-Quartett von Nik Bärtsch trifft auf das Quartett der Sängerin Simone Felber, zu dem mit Rafael Jerjen ein Basler Bassist gehört, den ich aus dem Jazz kenne (z.B. mit Florian Arbenz) und auch hier (wie bei Trëi, vermutlich?) stösst traditionelle Musik bzw. eben neue Volksmusik auf das, was man wohl „new folk“ nennt … aber hier gab es ein dramaturgisch geschickt gestaltetes Set, das eine Geschichte erzählt, einen erfundenen Mythos aus den Bergen, in denen Menschen das Wätterglüüt (-geläute) hören, es befragen, um Rat nach Glück und Geld, Geld und Glück, Liebe, Tod und den üblichen Dingen … eine Art Schauergeschichte, von Felber mal erzählt, dann gesungen oder auch mal gerappt … über die Grooves von Bärtsch, die mit den zwei Bässen und dem Cello sehr dunkel klangen, oft lebendig brodelten, weil sich Niederhauser und besonders Jerjen natürlich nicht an Zen-Funk-Vorgaben hielten, und mit dem Schwyzerörgeli ab und zu eine unerwartete – und wunderbar passende – Solo-Stimme fanden. Ein Durchbrechen der Strenge von Bärtschs Musik, aber ohne dessen Konzept zu zerstören … das war echt super, auch am richtigen Ort auf einer Festivalbühne umgeben von waldigen Felshängen. Zum Konzert im Zürcher Moods im Oktober werde ich nicht gehen, weil ich mir schwer vorstellen kann, dass das an dem Ort und vor dem abgehangen coolen Jazzpublikum das – ich nehme mich zuletzt aus! – immer was zu kritisieren hat. Wie schon das Set von Brunners eigener Band genau die richtige Musik am richtigen Ort zur richtigen Zeit.

Albin Brun Quartett „Pas de quatre“ – Albin Brun (schwyzerörgeli, ss), Patricia Draeger (acc), Claudio Strebel (b), Markus Lauterburg (d) – auf dem Dorfplatz gab es dann von Moira x Otrava noch Musik zwischen Blasmusik und Klezmer, Gipsy Jazz und Balkan. Da hörte ich nur aus der Distanz aus dem offenen Hotelzimmerfenster etwas zu, weil ich noch zum letzten Konzert im Theater wollte … da gab es dann eine langjährige Band mit einer weiteren tollen Akkordeonistin (am grossen Instrument), um den Luzerner Saxophonisten und ebenfalls Schwyzerörgeli-Spieler Albin Brun, der schon lange zwischen Jazz und neuer Volksmusik unterwegs ist und in vielen Projekten und Gruppen anzutreffen ist – auch immer wieder in welchen mit Texten (wie an dem Tag mit Brunner und Lenz, aber auch als Komponist für Theater, Hörspiele usw. u.a. mit Thomas Hürlimann, Franz Hohler, Tim Krohn, Ruedi Häusermann … das Quartett ist seit über 20 Jahren als working band unterwegs, studiert gemeinsam neues Material ein, erprobt dieses bei Auftritten und bringt Aufnahmen heraus (die aktuelle CD nahm ich dann nach dem Konzert gleich mit). Das ist musikantische Musik voller schneller Reaktionen, die Bälle fliegen immer wieder hin und her, auch Strebel und Lauterburg kriegen Raum, während Brun sich hier aufs Sopransax und das kleine Akkordeon beschränkt – wobei die Stücke mit Schywzerörgeli und Akkordeon mir oft am besten gefallen haben. Draeger ist wirklich umwerfend, bei ihr schimmerte immer wieder Musette durch (und Strebel fand den passenden Groove dazu) – überhaupt ist das grundsätzlich Musik im Dreiertakt, die beiden Versprechen im Titel – Tanz und kein Vierer – wurden gehalten, aus den Dreiern werden auch Elfer und anderes, alles mit solcher Lockerheit gespielt, dass das kaum auffällt (das Publikum sass ja, tanzend hätte es das schnell bemerkt, weil fast immer irgendwo was hinkte oder ein Schlag fehlte). Ein stimmiger Abschluss und eine wirklich schöne Erfahrung, dieser ganze Tag – auch schien mir das Publikum ausgesprochen offen und begeisterungsfähig … eben ohne die postmoderne kritische Distanz, die ich ja auch gerne pflege – oder zumindest fallweise gerne hervorkrame – und den ganzen städtischen Zynismus. Eine andere Welt, die nicht die meine ist, aber in der ich mich für einen Tag sehr wohl gefühlt und vor allem richtig tolle Musik gehört habe.

Eine kleine Fussnote zu den Kontrabassist*innen des Tages: Jerjen und Strebel haben bei Heiri Känzig in Luzern studiert, Jerjen ist seit ein paar Jahren dessen Nachfolger … und auch Brunner lernte an der Hochschule Luzern – aber ob auch bei Känzig konnte ich nicht herausfinden … jedenfalls alle sehr toll – schön, dass Känzig das Feuer weitergeben kann, das in ihm noch immer – und hoffentlich noch lange! – lodert.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #165: 9.9., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba