Antwort auf: mini-blindfoldtest #1 (redbeansandrice)

#11594203  | PERMALINK

redbeansandrice

Registriert seit: 14.08.2009

Beiträge: 14,067

danke vorgarten fuer deine Eindruecke!

vorgartenich schreibe einfach mal meine kommentare direkt rein, ohne irgendwas nachzuschlagen..
#1
ziemlich abgehangener mainstream, wenig expressiv, man könnte auch sagen, es fehlt etwas dringliches. ich höre ein klassisches quintett (tp, ts, p, b, dm), der head wechselt zwischen einer art tango und einem 4/4-swing, wobei ich beim letzteren die weiterführung des themas ein bisschen sehr behäbig finde. schlagzeug bleibt sehr brav und markiert immer dann sehr deutlich, wenn sich was ändert, spielt sozusagen die effekte der komposition aus, hat vielleicht bigband-erfahrung?
wenn es mit den soli losgeht, ist der rhythmuswechsel ohne das thema ziemlich hübsch und gewinnt an coolness. beim tenor gibt es generische verzieerungen, generisches verschleppen, abe auch eine schöne grundentspanntheit, die so drüberfliegt und variationen freisetzt. das trompetensolo funktioniert sehr ähnlich. sehr viel praxis, kaum reflexion. nicht auf der show-seite, eher so professionelles platznehmen. mir alles ein bisschen zu langweilig. könnte zwischen 1970 und heute überall aufgenommen worden sein.

ja, das ist sowas, was fuer mich garantiert besser funktioniert, als fuer dich… und klar, die haben alle auch Big Band Erfahrung, auch wenn das jetzt nicht meine erste Assoziation waere bei den Namen… wobei das b/dr Team vielleicht tatsaechlich seinen bescheidenen claim to fame aus einem gemeinsamen Big Band Job in den fruehen 60ern hat… „Tango“ ist tatsaechlich ein Teil des Titels

#2
das schwebt mehr, über so abstrahierten 3/4-andeutungen, offenen harmonien und einem eher klagenden tenorsax. schön, wie die rhythm section nach dem thema nochmal die harmonien durchgeht, ein bassolo, das sich von den stützakkorden des klaviers unterbrechen lässt, dann an dieses abgibt. dann werden schon in den einzelnen akkorden motive ausprobiert, der bass wird gestrichen, und wenn das sax charismatisch wieder einsteigt, ist alles maximal offen. alles so impressionistische tupfer, die aber von starken persönlichkeiten aufgefangen oder auch mal ignoriert werden. mir fällt irgendwie sofort enja ein, so die richtung sauer-degen, könnte eher nicht die ruhige nummer auf dem album von #1 sein, ist schon was ganz anderes, auch wenn es vielleicht zur gleichen zeit und räumlich nah aufgenommen wurde.

ne, das koennte in der Tat nicht die ruhige Nummer auf #1 sein, obwohl es zeitlich nicht weit weg ist… die weniger ruhigen Nummern hier klingen eher wie #4… und ich stimme zu, dass das was sehr europaeisches hat irgendwie, ja, Heinz Sauer macht als Referenz fuer mich absolut Sinn (auch wenn es zum erraten eher maximal irrefuehrend ist)

#3
das scheint mir eher aus sowas wie #2 herausentwickelt, mit mehr dampf dahinter. frei assoziierendes schlagzeug mit besen und einer etwas unvorteilhaft aufgenommenen bassdrum. zwischen dem experimentierfreudigen klavier und dem sehr freien bass dann ein schönes gespräch, im gegensatz zu den leuten auf #1 wollen hier alle eindruck machen. klingt mehr nach 70ern als die anderen beiden sachen. ich mag die interaktion sehr, aber von allen dreien würde ich wohl kein fan werden. beim bass gibt es ein paar afroamerikansiche einfärbungen, die scheinen mir aber eher angeeiget zu sein. besen-soli mag ich ja ganz gerne, auch hier gehen die polyrhythmischen akzente in richtung schwarze tradition, aber eher aus technischem anspruch heraus denn aus etwas, mit dem man aufgewachsen ist. finde ich hübsch.

der Bassist hier hat das Bassspiel tatsaechlich von seinem Vater erlernt, einem afroamerikanischen Musiker… und dass er sich hier von den anderen im Eindruckmachenwollen derartig anstecken laesst find ich eine der groesseren Ueberraschungen …

#4
das ist heißer, eher auf das zweite quintett von miles bezogen, ich höre da auch thematische anleihen, „dolores“ ist es nicht, ich komme gerade nicht drauf. dazu passt auch, dass bass, klavier und sax das thema oft nicht synchron spielen. für den drummer ist auf jeden fall tony williams ein held, ich mag aber, dass er hier noch so einen funk-backbeat andeutet. der star ist aber natürlich das klaviersolo, das ist auch eher hancock als tyner, mit ein paar schroffheiten. das tenorsolo kommt nach einem sehr uneleganten schnitt, ob ich das jenseits des gasgebens wirklich gut finde, weiß ich nicht. oh, und dann kommt noch ein zweites, war das vorher auch schon da? die interessantesten akzente setzt aber nach wie vor die rhythm section. der bassist macht dann wirklich carter-mimikry. sich so furchtlos einen anderen bandsound einzuverleiben, kenne ich eigentlich nur von japanern. aber das stück macht spaß, keine frage.

dass das highlight hier das Klaviersolo ist, stimme ich zu… und interessant, dass du Miles und Hancock sagst, statt Coltrane und Tyner… aber ich denk, ich versteh was du meinst, was hier rhythmisch passiert, kommt eher von Miles… die Idee mit den zwei Tenoeren natuerlich dann wieder eher von Coltrane… das Stueck ist uebrigens mit Abstand das aelteste der vier, einige der Beteiligten haben spaeter noch bei Miles gespielt… und ich hab auch gedacht, dass man wohl Japan raten wuerde, wenn man muesste…

schöner mix, schöne initiative. klingt alles ein bisschen nach profi-muckertum in schwierigen zeiten, nach freien sessions zwischen brotjobs, musikeln spielen lassen auf grundlage von draufgeschafftem zeug. individuelle stimmen höre ich eher auf #2, ansonsten könnten das alle möglichen leute irgendwo, irgendwann sein. muss ich alles noch häufiger hören und mehr auf details achten. danke!

bei #2 bin ich ja ein bisschen am zweifeln, ob ich dem ALbum mit dem Track Unrecht tu, weil es halt doch kein Balladenalbum ist – aber es ist ein starker Track, von dem her…

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