Antwort auf: Klassik: Fragen und Empfehlungen

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gypsy-tail-wind
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Entschuldige @mozza – ich sehe erst gerade, dass die Diskussion hier noch weitergeht … was ich mal anbieten könnte, wäre einfach eine (sehr individuelle!) Liste mit Empfehlungen zum Einstieg – aber auch das wäre ordentlich Arbeit, und ich befürchte halt, dass z.B. eine Box wie diese das wenigstens so gut tut (auch wenn sich darin jetzt nicht in allen Fällen, wo die Werke mir schon bekannt sind, Aufnahmen finden, die meine Favoriten wären):

Und ja, die Box ist vergriffen … aber das wäre wohl tatsächlich die erste, die so ganz spontan jemandem empfehlen würde, der/die einen Einstieg sucht. Das sind schon alles Klassiker. Aber das heisst ja eben noch lange nicht, dass es auch persönliche Favoriten sind. Es gibt ja – das macht die Aufgabe auch so schwierig – von allen enthaltenen Werken noch zehn weitere „Klassiker“ …

Die erste Herausforderung bei einem solchen Unterfangen ist ja schon mal die Klärung der Frage, ob nach Repertoire oder Interpreten oder Alben vorgegangen werden sollte … wobei viele Alben im Klassikbereich ja doch nichts anderes als Werk-Darbietungen sind (und Mischprogramme in weiten Kreisen längst einen schlechten Ruf geniessen* – nicht ganz zu unrecht, aber sie sind natürlich auch nicht immer schlecht). Zudem hat die Flut an Reissues, die gerne in Form von CD-Boxen daherkommt – mal nach Künstler*in, mal nach Komponist (da kann man die weibliche Form ja leider fast weglassen … es gibt Komponistinnen, klar, aber die sind selten so bekannt, dass Ihnen grössere Werkschauen oder gar Retrospektiven oder eine Box mit „Complete Works“ gewidmet würde … Clara Schumanns Klavierwerk kommt mir als Ausnahme in den Sinn, da gibt es gleich zwei Einspielungen, die aber auch nur drei oder vier CDs benötigen).

Wenn ich eine solche Liste wagen würde, könnte das z.B. eine so ähnliche Form haben:

BACH

Das wohltemperierte Klavier

– Glenn Gould (1962-72, Columbia/Sony)
– Sviatoslav Richter (1970, Eurodisc/Sony)
– Friedrich Gulda (1972/73, MPS)
– Dina Ugorskaja (2015, AVI)
– Edwin Fischer (1933/34, EMI – die erste Einspielung)
– Christophe Rousset (2013/15, Aparté – Cembalo)

BEETHOVEN

Die Klaviersonaten (Nr. 1-32)

– Artur Schnabel (1932-35, EMI/Warner)
– Maria Grinberg (1964-67, Meldiya)
– Emil Gilels (1972-85, DG – nicht komplett, weil Gilels vor Fertigstellung starb)

CHOPIN

Grundsätzlich:
– Samson François auf EMI, ca. 1950-70
– Arthur Rubinstein auf RCA, ca. 1940er bis 1970er; Rubinstein hat vieles zweimal eingespielt, meist in Mono und später noch einmal in Stereo
– Vladimir Horowitz auf Columbia und RCA, ca. 1940er bis 1980er; Horowitz nahm kaum vollständige Zyklen auf sondern wählte z.B. aus den Études, Mazurkas, Nocturnes oder Valses einzelne Stücke aus

24 Préludes Op. 28
– Claudio Arrau (1973, Philips)

Nocturnes
– Claudio Arrau (1978, Philips)
– Maria João Pires (1995/96, DG)

Und ich merke gerade, wie viel Arbeit schon dieses halbe Prozent einer halbwegs vollständigen Liste bedeutet. Zudem wäre ich bei einigem gar nicht in der Lage, die Liste zu befüllen (z.B. Symphonien von Bruckner oder Mahler, da kenne ich mich schlicht nicht genügend aus, könnte einfach „Standards“ nennen – z.B. Jochum, Celibidache oder Gielen bei ersterem, Bernstein, Haitink [die ich hier beide gar nicht komplett habe], Mitropoulos [kein vollständiger Zyklus] oder wieder Gielen bei letzterem).

Die echte Herausforderung wäre es dann natürlich, auch noch einzelne Einspielungen dazuzunehmen. Bei Symphonien – wenn’s nicht grad Haydn ist – wäre das noch machbar (aber eher nicht für mich), aber z.B. bei den 32 Klaviersonaten von Beethoven stünde ich da echt an. Und Haydn oder Beethoven: wenn’s dann heisst: ja gut, ich will aber nicht 104 Symphonien bzw. mehrere Dutzend Streichquartette oder 32 Klaviersonaten hören, was eignet sich denn zum Einstieg? Dann ist die Frage wieder eine ganz andere (und die Herausforderung nochmal grösser, drum oben mein Verweis auf die abgebildete DG-Box).


*) Das hat sicherlich viel mit der in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts verbreiteten Virtuosen-Konzert-Tradition zu tun – da spielte z.B. der geniale Geiger mit einem servilen Pianisten Sätze aus Violinkonzerten (Konzert = Solinstrument+Orchester; in dieser Form dann also als Reduktion mit Klaviersatz statt Orchester), dazwischen das klassischen Virtuosenrepertoire (gerne auch „Encores“ genannt – die Stücke sind heute leider [!] fast ausgestorben, manchmal hört man im Konzert eins als Zugabe, viele von ihnen sind überaus charmant und in kleiner Dosis und in den richtigen Händen hörenswert) und wenn man Glück hatte vielleicht noch eine ganze Violinsonate, aber dann sicherlich eine, die man schon auswendig kannte (die Kreutzer, die Frühlingssonate, die Sonate von Franck …), und dann noch Schuberts „Ave Maria“ und „Schön Rosmarin“ von Fritz Kreisler (vom *grossen* Fritz Kreisler!)

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