Eddie "Lockjaw" Davis – Tough Tenor!

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    gypsy-tail-wind
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    In Sachen Eddie „Lockjaw“ Davis: Gar nicht so einfach, vielleicht braucht man nicht unbedingt die Leader-Alben … das erste „Cookbook“ mit der Organistin Shirley Scott (sie nahm später viel auf mit – und heiratete – Stanley Turrentine – der sie dann verkloppte, bis sie wieder davon lief – die gemeinsamen Alben sind aber superb, in den guten Momenten schien die Chemie eben schon zu passen) wäre davon sicher eine Empfehlung (Vol. 1, oben, gab es in der RVG Edition von Prestige/Fantasy wieder). Auch „Afro-Jaws“ macht Spass, und wenn man ihn mit mehr Orgel haben will, „Streetlights“, ein Twofer mit Aufnahmen von 1962 mit Don Patterson („As I Only Have Eyes for You“ + „Trackin'“). Auch schön ist sein Big Band-Album „Trane Whistle“, das ich erstmals in der Box mit Eric Dolphys gesammelten Prestige-Aufnahmen hörte (Dolphy sitzt dort nur in der Section und spielt kein Solo, man war also ausnahmsweise wirklich „complete“, mich freut’s!), arrangiert hat Oliver Nelson (der bei Dolphy ja auf zwei Prestige-Alben mitspielt, die eigentlich genau so gut sind wie „Blues and the Abstract Truth“, drum war der Zusammenhang fürs Davis-Album schon gegeben).

    Sonst würde ich da am ehesten Aufnahmen mit anderen Tenorsaxern empfehlen. Mit Johnny Griffin (der kleine rechts, Jaws ist der mit dem Kiefer links) verband Davis eine langjährige Zusammenarbeit und die beiden haben 1960-62 eine ganze Reihe toller Alben gemacht. Ich würde als erstes den Twofer „Blues Up and Down“ erwähnen, der zweit Alben enthält: „Blues Up and Down“ (1961 mit Junior Mance, Larry Gales, Ben Riley) und „Griff & Lock“ (1960 mit Lloyd Mayers, Larry Gales, Ben Riley). Man kann da aber wenig falsch machen, die Live-Aufnahmen aus dem Minton’s (verteilt auf diverse CDs) oder „Lookin‘ at Monk“ sind gerade so gut, einzig das letzte, „Pisces“, würde ich auch als letztes empfehlen. Der Mitschnitt vom Onkel Pö’s 1975 oder auch das MPS-Album, das Promising Music vor ein paar Jahren neu auf CD vorgelegt hat („Tough Tenors Again ’n‘ Again“, 1970) sind ebenfalls sehr zu empfehlen (und ersterer leicht zu finden, vermute ich – mit Tete Montoliu am Klavier ist dort auch gleich noch eine Entdeckung zu machen).

    Absolut zu empfehlen ist auch das wunderbare „Night Hawk“ von Coleman Hawkins, der natürlich auch der Grossvater von Jaws ist, stilistisch gesehen – hier kriegt man die beiden in entspannter und doch nie langweiliger Eintracht mit einer feinen Rhythmusgruppe (Tommy Flanagan an den Tasten). Und wer da grad dran ist, kann noch „Very Saxy“ dazunehmen – da steht Davis als erster auf dem Cover, gefolgt von Buddy Tate, Hawkins und Arnett Cobb. Die Mischung aus zwei Texas-Tenören (Tate, Cobb) und den beiden anderen ist sehr reizvoll, an der Orgel sitzt wieder Scott (bzw. man kriegt gleich dieselbe Rhythmusgruppe wie auf den drei „Cookbooks“, auch von „Very Saxy“ gab’s eine Neuausgabe in der Prestige RVG-Reihe). Ein Storyville-Album gibt es auch noch, in der „In Copenhagen“-Reihe neu aufgelegt (mein Exemplar ging glaub ich bei der letzten StoneFM-Versteigerung weg, weil ich die Griffin 3CD/DVD-Box von Storyville gekauft habe, in dem es auch drin ist).

    Ansonsten muss man Lockjaw mit Count Basie hören – er taucht recht früh in der „New Testament“-Band auf, der Big Band, die Basie in den frühen Fünfzigern organisierte, nachdem er aus ökonomischen Gründen 1950/51 nur noch ein Oktett leitete. Davis ist dort schon 1952 der Gegenpol zum „Vice Pres“, dem unverwechselbaren Paul Quinichette, der seinen Stil auf Basis des verletzlichen Spätstils von Lester Young (also gerade etwa so, wie Young in den Jahren selbst klang, er lebte ja damals noch) basierte (und von Young selbst den Namen verpasst kriegte). Ich kann leider nicht sagen, ob man diese frühen Sachen (1952) derzeit irgendwo kriegt (ich habe sie im Mosaic-Set „Complete Clef/Verve Count Basie Fifties Studio Recordings“, 8 CD). Davis kehrte aber immer wieder zu Basie zurück und ist z.B. der wichtigste Solist auf „Atomic Basie“ (Roulette, 1957), das problemlos auf dem Secondhand-Markt zu finden sein müsste. Z.B. hier (die blaue beim zweiten Link ist identisch, EMI Spanien gab mal eine blaue Reihe heraus):
    https://www.discogs.com/Count-Basie-The-Complete-Atomic-Basie/release/1064725
    https://www.discogs.com/Count-Basie-The-Complete-Atomic-Basie/release/4012150

    Superb ist Davis dann auf dem „Basie Meets Bond“-Album, das Mitte der Sechziger wieder bei Roulette erschien – unbedingte Empfehlung! Auch das kriegt man sekundär günstig:
    https://www.discogs.com/Count-Basie-And-His-Orchestra-Basie-Meets-Bond/release/1166056

    In den späten Sechzigern war Davis eigentlich immer dabei, wenn Basie seine Band ins Studio brachte, „Beatle Bag“, „Straight Ahead“, „Standing Ovation“ usw., aber das sind jetzt nicht die Basie-Alben, die man haben muss, bevor man nicht zwei Dutzend aus den Fünfzigern und die ganzen Old Testament-Aufnahmen hat (1936 bis in die frühen Vierzigern hinein, v.a. aber die Dreier-Box mit den Decca-Aufnahmen mit Lester Young usw.). Eine Ausnahme mag „Afrique“ sein, 1970 für RCA mit Arrangements von Oliver Nelson eingespielt.

    Davis war, das entsprach wohl seinem Naturell, auch öfter bei den Jam-Sessions vertreten, die Basie im Studio für Pablo aufnahm: „Basie Jam“, „Basie Jam 2“, „Basie Jam #3“, „Get Together“, „Kansas City 7“, „Mostly Blues … and Some Others“, „Loose Walk“ von Basie/Roy Eldridge, „The Bosses“ von Basie/Joe Turner … besonders gut finde ich da „Get Together“, wo auch Davis sich warm anziehen muss, weil am Tenorsax neben ihm auch Budd Johnson dabei ist, der immer liefert, weniger schreierisch als Davis, aber umso raffinierter (wobei Davis gerade in der Gestaltung des Tons von unglaublicher Rafinesse ist). Auch shcön ist „Mostly Blues“, weil dort der Trompeter Snooky Young, der sonst fast nur als Section-Mann zu hören ist, mal etwas ausgiebiger zu Wort kommt.

    Ansonsten hat Davis diverse andere Jam-mässige Sachen gemacht, z.B. war er in Nizza 1978 dabei (diverse Black & Blue-CDs, zumeist wohl Neuauflagen älterer LPs: Davis, Harry „Sweets“ Edison – mit dem es auch mehr auf Black & Blue gibt – und Illinois Jacquet), er spielte mit Jazz at the Philharmonic (aus dem Umfeld kommen auch ein Montreux-Konzert von Dizzy Gillepsie mit Griffin und Davis von 1975 sowie Oscar Peterson Jams von 1977 auf Pablo), wirkte bei einem von Tiny Grimes‘ schönen Prestige-Alben mit (der Knaller ist dort aber das mit Coleman Hawkins), begleitete Sängerinnen usw.

    PS: Wem die Basie-NT-Band einen Versuch wert scheint, das Pfui-Set „Complete Live at the Crescendo 1958“ auf dem Piratenlabel Phono ist höchst empfehlenswert, da kriegt man die Band (ohne Davis) in bester Form und ausgiebig zu hören, macht maximalen Spass!

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM - Corona-Extraprogramm im April und Mai: gypsy goes jazz, #99: The Real McCoy - McCoy Tyner (1938-2020), 14.4., 22:00; #100: Tenor Giants - Yusef Lateef (1920-2013), 12.5., 21:00 (2 Stunden!); #101: 9.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #5: The Pain and Joy of ZA Jazz, 23.4., 22:00 | No Problem Saloon, #14: Funky Longtracks, 11.4., 20:30; #15: 28.4., 21:00
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    gypsy-tail-wind
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    @kurganrs @pinball-wizard Die Antwort wurde lang, also warum nicht gleich ein eigener Thread!

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM - Corona-Extraprogramm im April und Mai: gypsy goes jazz, #99: The Real McCoy - McCoy Tyner (1938-2020), 14.4., 22:00; #100: Tenor Giants - Yusef Lateef (1920-2013), 12.5., 21:00 (2 Stunden!); #101: 9.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #5: The Pain and Joy of ZA Jazz, 23.4., 22:00 | No Problem Saloon, #14: Funky Longtracks, 11.4., 20:30; #15: 28.4., 21:00
    #10767725  | PERMALINK

    kurganrs

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    gypsy-tail-wind @kurganrs @pinball-wizard Die Antwort wurde lang, also warum nicht gleich ein eigener Thread!

    @gypsy-tail-wind Wow, wow, wow! Bin überwältigt. :good:
    Vielen Dank. Muss mir Dein Essay mehrmals durchlesen.
    Wo es Sinn macht, bin ich immer für neue Threads. Es ist der Übersichtlichkeit dienlich.
    Muss ich was dafür tun? ;-)

    Sehe gerade, der neue Thread ist ja schon da. Super!

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    #10767795  | PERMALINK

    pinball-wizard
    Lost In Music

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    Beiträge: 15,777

    gypsy-tail-wind@kurganrs @pinball-wizard Die Antwort wurde lang, also warum nicht gleich ein eigener Thread!

    Ganz lieben Dank für die umfassenden Informationen und die Wahnsinnsmühe, die du dir machst @gypsy-tail-wind. Damit gibst du mir doch gleich einen schönen Leitfaden zur Hand. Und die Idee, einen eigenen Thread dafür zu eröffnen, finde ich super. So gehen deine Infos nicht irgendwo im Forums-Nirvana unter und man findet sie auch schnell :good: .

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