Re: RÄUBERZIVIL……Tiefenschärfe (27.2.)

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mikko
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Räuberzivil – Tiefenschärfe (2CD, SPV)

Hinter dem Namen Räuberzivil verbirgt sich der Sänger, Musiker, Schriftsteller Heinz Rudolf Kunze. Wir wissen von ihm, dass er als Jugendlicher schwer beindruckt von englischer Beat Musik und Musikern wie Pete Townshend und Ray Davies war. In den Achtzigern war Kunze mit deutscher Pop und Rock Musik erfolgreich, die manchmal nah am Schlager, mitunter eher von Liedermachern inspiriert, oft auch etwas zu verkopft daherkam. Manche seiner Songs fand ich damals sogar gar nicht so schlecht. Was mich aber immer etwas verwundert hat, seine musikalischen Vorbilder aus dem angloamerikanischen Raum haben so gar keine Spuren hinterlassen in seinem eigenen Werk. Und die deutsche Version von Ray Davies‘ Lola ist einfach nur peinlich. In den letzten 25 Jahren hab ich kaum verfolgt, was Kunze so gemacht hat. Ok, sein Engagement für eine Deutschquote im Radio war nicht zu überhören. Angeblich wurde er da ja missverstanden. Lassen wir das also.
Dass diese aktuelle Platte unter dem Namen Räuberzivil erscheint, hat, wenn ich das richtig verstehe, irgendwas mit Verträgen und Rechten zu tun. Ist aber auch egal.
23 Songs auf zwei CDs und rund 90 Minuten, das ist ganz schön heftig. Man sollte das Doppelalbum vielleicht in Portionen einteilen. Vinyl gibt es übrigens nicht, dafür aber jeden Track auch einzeln als Download. Ich denke Kunze Fans kommen hier voll auf ihre Kosten und werden diese Sammlung lieben. Musikalisch ist das hier tatsächlich recht vielseitig und abwechslungsreich. Manches steht sehr deutlich in einer deutschen Liedermacher Tradition, die bis zu Degenhardt oder Süverkrüp zurück reicht. Allerdings sind da dann tatsächlich auch Einflüsse von Americana, also nordamerikanischer Folklore zu hören. Anderes ist eher chansonhaft, vieles aber so typischer Deutschrock mit Anspruch, den Kunze eigentlich immer gerne gemacht hat. Na ja, die Texte sind natürlich auch anspruchsvoll. Das ist manchmal ehrlich gelungen und treffend wie im Opener „Robert Limpert“, der mit der brauen Vergangenheit abrechnet, die leider noch immer nicht überall aufgearbeitet ist. Manchmal ist es auch bemüht witzig und dann schon weniger gelungen. Das sind dann wieder solch typische Kunze Gedichte von hinten durch die Brust ins Auge wie in „Brot aus Gold“. Dabei ist Kunze durchaus in der Lage, schöne lyrische Texte zu schreiben, wie z.B. „Am Meer stehn“. Ob die dann unbedingt vertont und gesungen werden müssen, sei mal dahingestellt.
Dass Kunze im Waschzettel der Plattenfirma in eine Reihe gestellt wird mit Songwriter-Legenden wie Bob Dylan, Leonard Cohen und Nick Cave ist allerdings nicht nur anmaßend sondern auch hochgradig lächerlich. Manche der Songs hier in dieser etwas ausufernden Sammlung sind einfach unnötig, wie das halt so ist, wenn man sich nicht dazu durchringen kann, die mittelmäßigen und unausgegorenen Sachen wegzulassen. Wie heißt es so schön? – Weniger ist mehr. Richtig geschmacklos ist allerdings „Willkommen liebe Mörder“, worin Kunze wohl zum Ausdruck bringen will, dass wir hier mit terroristischen Mördern zu freundlich umgehen. Das mag vielleicht sogar so sein. Dennoch ist sein gewollt lustiger Umgang mit dem Thema einfach nur daneben. Dabei zeigt er in „Nichts als offene Fragen“, dass er auch anders kann. Und in „Das Problem ist“ bringt er alles schön auf den Punkt. Der Titel passte wunderbar in ein spätabendliches Kabarett Programm wie „Neues aus der Anstalt“.
Alles in allem ist das eine Doppel-CD, die Kunze Fans erfreuen wird. Aber wer sonst wird sich dafür interessieren? Auch wenn das Ganze insgesamt nicht so schrecklich ist wie befürchtet, ich brauche das nicht. **

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