Re: David Bowie – The Next Day (März 2013)

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der-hofacker

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captain kidd
Glamrock mit seiner ins Schaufenster gestellten Queerness, kommt mir immer vor wie der lustige Homo-Pausenclown im Fernsehen, über dessen Buntheit und Crazyness das kleinbürgerliche Publikum so schön lachen kann. Das hat eigentlich so was Onkel-Tom-mäßiges und zementiert Vorurteile und Abgrenzungen.

Mit Verlaub, mein Lieber, das halte ich für ziemlichen Unfug und obendrein einer typisch deutschen Sichtweise geschuldet. Vor allem wenn man versucht, da einen reaktionären gesellschaftspolitischen Aspekt reinzudichten. Fakt ist, dass die englische Popmusik grundsätzlich und Glamrock ganz besonders ohne die Tradition der Music Hall kaum zu verstehen sind. Das Spielen mit (geschlechtlichen) Identitäten und Rollen gehört seit Hunderten von Jahren zum Repertoire der englischen Unterhaltungskunst (siehe Monty Python). Mag sein, dass es ein kleinbürgerliches Vergnügen ist – so what (zumal die Betuchteren gerne in den Logen der Theater saßen und sich über die selben Witze auf der Bühne und dazu gleich noch über den dumpfen Pöbel davor lustig machten)? All das hat Glamrock aufgenommen, zitiert, damit gespielt und sich dabei auch auf Leute wie etwa die Bonzo Dog Doo Dah Band, Arthur Brown, auch die frühen Genesis und – mit Abstrichen – Pink Floyd bezogen, Künstler also, die ihren Act ganz bewusst auf diese Comedy-Traditionen aufgebaut haben. Leute wie Bowie und Roxy Music haben diesen Klamauk dann später mit einer gewissen kulturellen Ernsthaftigkeit aufgeladen.

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