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Volume 8 der Reihe mit Jazz-Aufnahmen aus den Archiven des polnischen Rundfunks öffnet mit dem langen „Veird Blues“ von Miles Davis, gespielt vom Quintett Andrzej Trzaskowskis. Zbigniew Namyslowskis Altsax gehört das erste Solo, sein Ton klingt etwas überfrachtet, er spielt mit einer Intensität, die an Jackie McLean gemahnt. Das zweite Solo stammt von Michal Urbaniak, der am Tenorsaxophon zu hören ist, mit solidem Sound und einem toll entwickelten Solo, das sich immer wieder in kleine Motive verbeisst. Die Gruppe wird durch Roman Dylag (b) und Andrzej Dabrowski (d) komplettiert, sie alle (sowie Bassist Julius Sandecki und Drummer Adam Jedzrejowski) sind auf Volume 5 der Reihe zu hören, das ganz Trzaskowski gewidmet ist.
Die nächsten acht Stücke präsentieren die Jazz Rockers: Namyswlowski (as), Urbaniak (ts), Krzysztof Sadowski (p), Adam Skorupka (b) und Andrzej Zielinski (d). Wie der Opener stammen die Aufnahmen aus dem Studio von Radio Warschau, 1962. Auf dem Programm steht ein bunter Strauss von Stücken, die man heute als Jazzklassiker betrachten mag („Standards“ eben), die aber damals grösstenteils noch recht jung waren: neben „Lover Man“ und „Yesterdays“ sind das Horace Silvers „Horace-Scope“ und „Split Kick“, Coltranes „Moment’s Notice“, Adderleys „Sack ‚o Woe“, Randy Westons „Hi-Fly“ und Ray Bryants „18th Century Ballroom“, mit dem die Session beginnt. Leichte Kost ist das, aber die beiden Saxophonisten sind gut und die Musik swingt … allerdings macht es natürlich grösseren Spass, diese Leute mit eigener Musik zu hören, als wenn sie amerikanische Vorbilder imitieren oder sich so völlig auf deren Material beschränken.
Dann folgt ein sehr kurzes, aber wundervolles „Solitude“, eingespielt von Jerzy Milian (vib) mit Janusz Hojan (t), Wojciech Lechowski (g), Jozef Stolarz (b) und Zbigniew Smolaerk (d) im Radiostudio in Poznan 1961.
Den Abschluss machen drei Stücke der Gruppe von Andrzej Kurylewicz, in derselben Besetzung wie das eine vom Jazz Jamboree, aber aufgenommen im Radiostudio Krakau 1961 und 1962 – vermutlich stammt das eine Stück mit Jan Byrczek am Bass aus dem früheren Jahr, „These Foolish Things“, davor gibt’s „Darn That Dream“ und „Bye Bye Blackbird“ – also immerhin noch ein paar richtige Standards … leider sind die drei Stücke alle viel kürzer als das lange vom Jazz Jamboree. Hier dünkt mich, klingen die Musiker etwas eigenständiger als in den Aufnahmen der Jazz Rockers – das mag daran liegen, dass ich Wroblewski von den drei Saxophonisten gewiss am meisten schätze, aber ich denke es liegt eben auch daran, dass man sich, wenn man „Darn That Dream“ in Angriff nimmt (das fast gänzlich dem exzellenten Roman Dylag am Bass gehört) mehr überlegen muss, wie man es umsetzt bzw. es weniger schwierig hat, sich von amerikanischen Vorbildern abzugrenzen, als wenn man deren Kompositionen, deren Originals spielt. Aber klar, wenn Kurylewicz „Bye Bye Blackbird“ über einen – etwas zu schnellen – Two-Beat-Rhyhthmus spielt, ist Miles nicht weit … und doch klingt Kurylewicz‘ Trompete ganz anders … und das Tempo ist vielleicht auch eine gute Idee. Dass er seinen Solo-Chorus nur über den Bass von Dylag spielt, ist hingegen mit Sicherheit eine gute Idee – einer dieser kleinen „arranger’s touches“, die in der Ära des Hardbop zu oft vergessen gingen. Wroblewskis Tenorsaxophon glänzt mit satten Ton und agilen, durchaus an Rollins und Coltrane geschulten Ideen, zerklüftet und dennoch flüssig ist sein Spiel. Im letzten Stück, „These Foolish Things“ (ich assoziere es für immer mit Lester Young), greift Kurylewicz zum Dämpfer, aber auch da klingt er – trotz erneuten Two-Beats – nicht nach Miles … Dabrowski swingt die Sache mit den Besen, sehr schön. Die CD ist gut, wirklich gut, aber der Auftakt und der Abschluss ist besser als die Hardbop-Cover-Session mit Namyslowski und Urbaniak.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #162: Neuentdeckungen aus dem Katalog von CTI Records, 8.4., 22:00; # 163: 13.5., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba