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Originally posted by Skraggy@1 Mar 2004, 01:41
Ja ja, die eigenen Ansprüche. :D
Begründung: Man kennt das doch, viele Personen (natürlich auch ich) fällen ein Urteil – in Deinem Fall, dass der Film oberflächlich sei – und hauen einem dann Szenen oder Darstellungen um die Ohren, die verdeutlichen sollen, warum man zu dem entsprechenden Urteil gekommen ist. Dabei passiert es leider häufig, dass die zur Begründung herangezogenen Szenen nicht in einer Art und Weise kommentiert werden, die erklärt, warum sie zur Urteilsfindung beitragen. Mir kommen halt immer wieder solche „Begründungen“ unter, deswegen empfinde ich sie inzwischen als klischeehaft. Die von Dir angeführten „Begründungen“ für Dein Urteil sind – zumindest für mich – nicht selbsterklärend. Nur weil sich der Film bestimmter – möglichweise klischeehafter – Darstellungen wie „ich war halt wütend und deshalb wurde ich zum Nazi“ und „Danke, dass du es mir erklärt hast, jetzt können wir das ganze Nazi-Zeug in meinem Zimmer abhängen“ oder „im Knast habe ich einen Schwarzen kennengelernt und verdammt, der war echt nett“ sowie „alles fing schon viel früher an, schließlich war der Vater im Grunde schon so drauf“ bedient, heißt das noch lange nicht, dass er aus diesem Grund oberflächlich ist. Er mag durchaus unoriginell sein, jedoch besteht doch die Möglichkeit, dass sich der Film diesen Darstellungen äußerst differenziert widmet.
Ob dies im Falle von AHX nun wirklich so ist, ist eine andere Geschichte.
Du magst sogar recht haben, nur wirst du sicherlich auch einsehen, dass man nicht zu jedem Thema eine wirklich ausführliche und differenzierte Abhandlung präsentieren kann. Ich gebe mir zumindest meistens Mühe es nicht nur bei einem „Blöd“ oder „Scheiße“ stehen zu lassen (in positiven Fällen wird sowas ja komischerweise nie hinterfragt) und wenigstens ansatzweise eine Begründung mit anzubringen. Und mich stört halt (mir kommt es vor, als ob sich dies hier in letzter mehrt), dass oft immer weiter Begründungen eingefordert werden. Finde es besser, wenn auf das, was schon mal da ist, erstmal eingegangen wird. So sammeln sich dann schon in Form einer Diskussion (ich diskutiere gerne und das Forum bietet für sowas eine wunderbare Fläche) die Begründungen und Aspekte und Argumente von selbst.
Du hättest z.B. auf meinen Beitrag, auf den du dich beziehst auch gleich sagen können: „aber ist es nicht möglich, dass der Film sich diesen vielleicht oberflächlichen Darstellungen durchaus differenziert widmet?“
Darauf hätte ich dann geantwortet: „Nö!“ und die Diskussion wäre beendet gewesen. Nein, das war Spaß!
Nochmal zum Film selbst:
Wir stimmen durchaus darin überein, dass der Film manches zu schnell abhandelt. Für mich beschränkt sich dies aber auf die letzten 20-25 Minuten.
Muss zugeben, dass ich gestern den Film auch nicht von Anfang an sah (aber damals im Kino schon).
Deine Kritik an am Zusammentreffen von Norton und seinem schwarzen Knastkumpel kann ich in der von dir angeführten Weise nicht nachvollziehen. Es kommt im Film schon raus, dass es viele Monate dauert, bis das Eis zwischen den beiden zumindest ansatzweise gebrochen ist.
Aber ich finde, das ist es doch gerade. Er redet monatelang kein Wort mit dem Typen, ist sowas von überzeugt von seinen Ansichten, doch dann auf einmal kommt der gedankliche Umschwung ganz schnell. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, aber dann wurde das Ganze inszenatorisch schwach umgesetzt, weil es sollte mir nicht so vorkommen, wenn es denn nicht so ist.
Norton war wütend, er wurde Nazi. Okay, von mir aus. Warum ist er denn jetzt nicht mehr wütend (so kommt er mir vor)? Oder geht er nur jetzt anders mit seiner Wut um? Wie denn? Das hätte ich mich interessiert.
Die von Dir angeführte Oberflächlichkeit ist sicherlich vorhanden, jedoch für mich nicht in dem von Dir empfundenen Maße. Außerdem resultiert sie für mich nicht aus den Erklärungsmustern die der Film anführt sondern eher aus dem inszenatorischen Defizit, dass eben diese Erklärungsmuster zwar dargestellt, aber nicht immer expliziert werden.
Gut, hier sagst du es ja selbst. Der Film ist nicht angemessen inszeniert worden. Dass diese „Erklärungsmuster“ eben teilweise nur angeschnitten wurden (bestes Beispiel: die Vaterbegründung – vielleicht ja das furchtbarste an dem Film), lässt sie ja so klischeehaft und den Film wie eine hastige Aneinanderreihung solcher Klischees erscheinen.
Aber das ist ja nicht mal alles, was mir an „American History X“ missliegt. Es ist auch diese Ästhetik. Ich verstehe die Stilisierungen an einigen Stellen schlichtweg nicht. Die Verwendung der Zeitlupe wirkt auf mich z.B. unglaublich willkürlich.
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